Gedanken von mir
 
Die Gesellschaft Gottes

In der gestrigen Ausgabe des Tölzer Kuriers hatte der Winzerer eine treffende Karikatur aufgespießt. Gezeichnet war der Stall von Bethlehem und davor stand der heilige Josef. Er ist gerade dabei, die Hirten abzuwehren. Bethlehem TV ist dabei die Geburt Jesu zu übertragen, aber ihr Hauptsponsor kann mit Hirten nichts anfangen, deshalb müssen die Hirten draußen bleiben.

Diese Karikatur passt bestens zum Evangelium des Weihnachtsmorgens. Hirten waren in der jüdischen Gesellschaft nicht gerade die willkommenen Gäste. Sie gehörten vielmehr ans untere Ende der Gesellschaftspyramide und mussten deshalb des Öfteren draußen bleiben. Kaum einer war über ihr Auftreten begeistert. Der Winzerer trifft also ins Schwarze, wenn er den Hirten die Tür verbieten lässt. Er träfe ins Schwarze, wenn da nicht Gottes Plan wäre und der kümmert sich bekanntermaßen nicht um menschliche Strukturen. An Weihnachten wird das besonders deutlich.

Eigentlich wäre für die Geburt eines Gottessohnes ein Palast der richtige Rahmen, doch Gott wählt für seine Menschwerdung nicht den Palast, sondern die Armut eines Stalles. Moderne Bilder, die die Geburt Jesu in Müllkippen, Slums oder ähnlich ärmlichen Umgebungen ansiedeln, treffen damit den Kern. Gott kommt in der Armut der Menschen zur Welt und stellt damit Reichtum und Wohlstand in Frage. Ziel menschlichen Lebens ist nicht äußerer Glanz und Prunk sondern Menschwerdung in dem Sinn, dass der Mensch zu sich selbst findet. Das gelingt ihm am ehesten, wenn er sich freimacht von Äußerlichkeiten und in Einfachheit sich selbst und damit Gott als Mitte des Lebens entdeckt. Gott macht es in seiner Menschwerdung vor. Schlichtheit und Einfachheit genügen, um wirklich Mensch zu werden. Eine erste große Anfrage an unsere Welt, die Selbstverwirklichung mit Alles-haben-müssen verwechselt.

Eine zweite Anfrage tritt in der Art und Weise der Menschwerdung Gottes an uns heran. Gott kommt nicht als der Allmächtige in die Welt, sondern als der Ohnmächtige.

Wie schon in der gesamten Heilsgeschichte des Volkes Gottes, wählt Gott eine überraschende Art, den Menschen zu begegnen. Er, der Allmächtige, wie Gott von uns Menschen zu Recht genannt wird, wählt die Art des Ohnmächtigen, um in unser Leben zu treten. Ein Kind ist ohne Macht, hilflos, den Menschen und seiner Umgebung ausgeliefert. Es ist auf fremde Hilfe angewiesen und erregt Anteilnahme. Wer ist schon gern anderen Menschen ausgeliefert? Viel eher ist unsere Welt davon geprägt, dass Menschen danach streben, über andere zu bestimmen, ihnen zu sagen, wo es lang geht und möglichst weit auf der Leiter der Mächtigen nach oben zu gelangen. Auch wenn den meisten von uns dieser Weg nach oben versperrt ist, sollten wir uns nicht darüber täuschen, dass nicht auch wir Möglichkeiten haben, wo wir über andere herrschen. Gottes Menschwerdung ist hier eine ständige Anfrage. Er ist Mensch geworden, um den Menschen zu dienen, nicht um über sie zu herrschen. Sind wir dazu bereit, es ihm nach zu tun?

Wir werden noch mit einer weiteren Anfrage konfrontiert. Nicht nur, dass Gott als etwas Kleines, als ein Kind in die Welt kommt. Es sind zuerst die Kleinen der Gesellschaft, die an die Krippe gerufen werden. Gott wendet sich den Niedrigen zu. Hirten sind die ersten, die von der Geburt Jesu erfahren. Sie hat Gott im Blick, als er in die Welt kommt. In Jesus offenbart sich nicht ein Gott der Paläste, sondern ein Gott der Armen. Es wird sozusagen die Gesellschaft von unter her aufgerollt.

Von Anfang an ist das Zeichen Gottes klar. Die Bedürftigen, die Menschen, die am Rand stehen und nicht beachtet werden, ihnen gilt die Aufmerksamkeit Gottes.

Wie leben wir damit? Wenn wir uns von Gott anstecken lassen wollen, dann ist das ein Weg nach unten zu den Menschen, die keiner kennen mag. Es ist ein Weg zu den Ausgegrenzten, den Missachteten, den Randgestalten.

Mit der Geburt Jesu beginnt die Umkehr der Gesellschaftsordnung. Es beginnt die Neuordnung der Welt. Das Geringe, das was nicht ist, hat Gott erwählt. Damit darf sich jeder von Gott geliebt wissen und sei er noch so von allen anderen abgeschrieben.

Mit der Geburt Jesu wird ein neues Kapitel in der Geschichte der Welt aufgeschlagen. Es wird offenbar, wie anders als der Mensch Gott die Welt denkt. Diese Offenbarung ist ermutigend, denn wir dürfen wissen, jeder Mensch hat einen Platz in Gottes Welt. Mit dieser Hoffnung lässt es sich wirklich leben.