Gedanken von mir
 


Ein Kind?


Wenn ein Kind geboren wird, dann ist erst einmal die Freude groß. Schnell sind die körperlichen und seelischen Schmerzen vergessen, die gelitten wurden, bis das kleine Wesen seinen Weg in die große Welt gefunden hat. Die Freude über das neue Leben ist groß. Mit der Zeit kommen auch andere Gedanken dazu. Was wird aus dem kleinen Kind einmal werden? Wie wird es sich entwickeln und was wird es denn tun? Und dann kommen die Träume der Eltern und Großeltern. Jeder hat so seine Vorstellungen, wie das Leben dieses Kindes sein könnte. Doch wie auch immer die Ideen aussehen, was wirklich sein wird, weiß niemand. Dem Kind sieht man es nicht an, wie es einmal sein wird – 20 Jahre später, dann wenn es groß ist.

Unserem Kind in der Krippe sieht man auch nicht an, wer es ist. Klein und schwach liegt es da, hilfsbedürftig, auf andere angewiesen. Diesem machtlosen Geschöpf sieht man es nicht an, dass es Gottes Sohn ist, von dem der Prophet Jesaja sagt: Die Herrschaft liegt auf seiner Schulter; man nennt ihn: Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens. Seine Herrschaft ist groß und der Friede hat kein Ende. Man sieht es ihm nicht an. Uns Menschen müssen erst die Augen geöffnet werden, damit wir dieses Kind erkennen und verstehen, wen wir vor uns haben, nämlich Gottes Sohn, den Immanuel – Gott mit uns.

Von den Propheten wurde die Geburt des Sohnes bereits vor langer Zeit angekündigt. Die Hirten zu Bethlehem erfahren es von den Boten Gottes, die ihnen die Nacht hell machen und ihnen die Botschaft vom neugeborenen Kind verkünden. In fernen Landen ist es ein großes Himmelszeichen, das weise Männer aufbrechen lässt, um den neugeborenen König zu suchen. Uns erzählt das Evangelium vom Kind, in dem Gott selbst Mensch wird und so das Heil der ganzen Welt wirkt.

Viele Botschaften erklären uns das Geschehen im Stall von Bethlehem und schließen unsere Herzen auf für die eine Offenbarung, die sich mit diesem Kind verbindet: Gott selbst tritt ein in die Geschichte der Menschheit, er selbst nimmt das Schicksal des Menschseins auf sich und heiligt die Menschen jeder Couleur. Gott offenbart sich der Welt und zeigt sich dabei als Kind.

Das Kind in unserer Krippe streckt uns seine offenen Arme entgegen. Es strahlt uns an mit einem lächelnden Gesicht. Ganz offen ist es für die Begegnung mit der Welt. Es will sie entdecken und nimmt alles in sich auf, was es um sich herum erfährt. Kleine Kinder sind neugierig und offen für die Welt um sie herum. Sie strahlen die Menschen an, die sie sehen. So ein Kind muss man einfach gern haben.

In der Geburt zu Bethlehem zeigt Gott seine Offenheit für die Menschen. Mit weit geöffneten Armen geht er auf uns Menschen zu und will uns in Liebe umarmen. Weit geöffnet ist Gottes Herz für uns Menschen. Gott begegnet uns Menschen als Kind. Ein Kind ist unbedenklich. Der Mensch kann sich beruhigt zu ihm herablassen. Er braucht ein Kind nicht zu fürchten, er bracht keine Angst zu haben. So zeigt sich Gott uns Menschen. Wenn wir an die Titel denken, die Jesaja dem Kind gibt: Starker Gott, Fürst des Friedens, Wunderbarer Ratgeber, dann müssten wir vor Furcht erschauern. Doch wenn wir das Kind sehen, ist unsere Furcht vorbei. Gott kommt zu uns als Kind, um uns unsere Angst zu nehmen. Jetzt gibt es nur noch  Freude und Wärme. Paulus sagt uns in seinem Brief an Titus: die Güte und Menschenliebe Gottes, ist uns erschienen, nicht weil wir uns gerecht gemacht haben, sondern nur weil er mit uns Erbarmen hat. Gott ist weit offen für uns. Er nimmt uns voller Liebe an. Müssten wir ihn nicht gern haben?

Im Kind von Bethlehem feiern wir das größte Geheimnis unsers Lebens. Es bleibt unvorstellbar, dass Gott uns in unserem Menschsein angenommen hat. Es ist ein Wunder der Liebe Gottes und dieses Wunder von Bethlehem setzt sich fort. Seine Menschwerdung vollzieht sich wieder und wieder im Geheimnis der Eucharistie. Auch heute nimmt uns Gott in unserem Menschsein an. Er tritt an uns heran im Wort der Frohbotschaft und im Empfang seines Leibes und Blutes und kommt in unser Leben. Wieder nimmt Gott uns an und wird Mensch in uns. Wir feiern die Begegnung Gottes mit uns Menschen, seine Menschwerdung in unserem Leben. Wir erleben, dass Gott wirklich mit uns ist.

Gottes Gegenwart in unserem Leben hat Folgen. Nicht nur er dass er sich öffnet für uns und uns in Liebe annimmt. In seiner Liebe befähigt Gott uns zur Liebe und öffnet uns für die Menschen in unserer Welt.

Bei diesen Gedanken kommt mir ein Bild vor Augen: junge Familien, wo ein Kind angekommen ist, Erzählen begeistert von ihrem Kleinen. Sie sprühen vor Freude und überfallen einen mit ihrem Glück. Sie müssen die Freude teilen, die sie selbst erfahren haben.

Ähnlich ergeht es uns. Heute ist uns ein Kind geschenkt worden, Gottes Sohn. Es ist ein Geschenk an uns alle. Wir erfahren Gottes Liebe in ihrer ganzen Größe. Diese Liebe ist wie ein Schlüssel, der etwas in uns aufsperrt und uns öffnet für die Begegnung mit den Menschen unserer Welt. Wer sich so geliebt weiß, beginnt selbst Liebe zu verbreiten. Das ist es, was den Zauber Bethlehems ausmacht und es zum Friedensfest werden lässt. Wo Gottes Liebe so deutlich sichtbar ist wie im Kind von Bethlehem, da ist kein Platz für Angst, Hass, Krieg und Terror, da ist allein Friede.

Ich wünsche Ihnen und euch ein friedvolles Weihnachtsfest.