Die vergangene Woche war ich zur Sitzung in unserem Kloster auf dem Kreuzberg in der Rhön. Zur Gemeinschaft dort gehören auch ein paar ältere Brüder, die sich mit dem Hören schwer tun. So manche Frage bekommt eine Antwort, die einen nicht sicher sein lässt, ob denn nun die Frage wirklich verstanden worden ist oder nicht.

Vielleicht kennen sie ähnliche Situationen. Wir sprechen jemanden an, er reagiert auch auf unser Wort, aber in uns bleibt ein Gefühl zurück, als hätte der Andere uns nicht so richtig verstanden. Das kann ganz verschiedene Gründe haben. Schwerhörigkeit ist natürlich ein Grund, weshalb uns der Andere nur schwer oder gar nicht versteht. Wenn wir im Juli wieder 8 Franziskaner aus anderen Ländern zu Gast haben, dann verstehen wir uns einfach nicht, weil ein gemeinsamer Wortschatz fehlt. Gleiches gilt, wenn wir einen Spezialisten hören, der mit Fachbegriffen um sich wirft. Wir verstehen uns auch nicht, wenn das, was wir hören wollen, nicht das ist, was der andere uns wirklich sagen will. Menschen verstehen sich nicht, weil sie unter gleichen Worten unterschiedliches verstehen, sei es dass Worte doppeldeutig sind oder wir einfach aneinander vorbeireden. Es gibt ganz verschiedene Gründe, die uns erahnen lassen, was Sprachverwirrung bedeuten kann.

Ein Sprachwunder ist es dann, wenn ich entdecke, dass ich den anderen wirklich verstehe. Dass ich bei aller menschlichen Verschiedenheit erlebe, ich habe wirklich ganz verstanden, was der andere mir sagen will. Gerade in Gesprächen sind solche Augenblicke beglückend. Aus so einem Gespräch gehen wir im Gefühl heraus, es hat einfach gepasst.

Den Anderen wirklich verstehen, hat etwas mit dem Geist der Wahrheit zu tun, von dem Jesus spricht. Um auf einen Menschen eingehen zu können, brauchen wir eine Freiheit und Offenheit, die uns ohne Vorurteile und ohne vorschnelle Einschätzung den anderen sehen lässt. Nur wenn wir wirklich ganz frei sind, werden wir fähig sein, unser Gegenüber wirklich zu verstehen. Den Anderen so zu verstehen suchen, verlangt, dass wir uns auf den Anderen einlassen, uns selbst zurücknehmen und den Anderen in seiner Art annehmen.

Jesus spricht vom Geist der Wahrheit. Dieser Geist geht vom Gott aus und legt Zeugnis von Jesus ab. Mit diesen wenigen Worten formuliert Jesus die Beziehung, die der Geist zu ihm und zu seinem Vater hat. Es ist eine Verbundenheit, die voneinander weiß und einander mitteilt. Dieser Geist hat Anteil am Wesen des Vaters und teilt das Wesen Christi, des Sohnes Gottes, mit. Das Wesen Gottes ist bei Johannes eindeutig. Es ist die Liebe. Wenn also der Geist der Wahrheit von Gott ausgeht und an Gottes Wesen Anteil hat, dann ist es der Geist der Liebe, der uns hier begegnet. Diese Liebe erkennen wir im Handeln Jesu wieder. Wenn der Geist der Wahrheit Zeugnis von Jesus ablegt, dann spricht er von der Liebe, die im Wirken Jesu erfahrbar wurde. Wenn es uns gelingt, einen Menschen in seiner Art anzunehmen und zu verstehen, dann ist es die Liebe, die uns dabei leitet. Die Haltung der Liebe öffnet uns für den anderen und macht uns soweit frei, dass wir den anderen wirklich verstehen können. Gleiches gilt, wenn wir uns verstanden fühlen. Auch dann war es die Liebe, die in uns und im anderen am Werk war und uns füreinander empfänglich machte.

Jesus spricht davon, dass es der Geist der Wahrheit ist, der uns Menschen Zeugnis von Gott und von ihm geben lässt. Mit dem Geist der Wahrheit dürfen wir nicht den Geist der Rechthaberei verwechseln. Oftmals versteckt sich hinter dem Begriff Wahrheit der Versuch, dass wir dem Anderen unsere Wahrheit aufdrücken wollen, ohne zu bemerken, dass es nur unser Verständnis einer Sache ist, die der andere ganz anders verstehen kann.

Der Geist der Wahrheit zeigt sich dann, wenn ich den Anderen mit seinen Fragen und Gedanken zu verstehen suche und dann in aller Freiheit und Offenheit mit ihm die entsprechenden Antworten finde. Diese Freiheit und Offenheit sind Zeichen der Liebe, wie sie von Gott ausgeht. Sie sind Kennzeichen des Geistes, der seinen Ursprung in Gott hat. Es ist immer wieder die Haltung der Liebe, die den Menschen wirklich zum Leben verhilft.

Das II. Vatikanische Konzil und unser Papst Benedikt sprechen von den Zeichen der Zeit, die es zu sehen und zu verstehen gilt. Geführt vom Geist der Wahrheit ist es unsere Aufgabe als Christen, die Zeichen unserer Zeit sehen zu lernen. Wir müssen uns darum bemühen, die Fragen wahrzunehmen, die die Menschen unserer Zeit bewegen. Nur dann können wir auch Antworten finden, die den Menschen unserer Zeit wirklich Antwort sind. Der Geist der Wahrheit ist der Schlüssel für das Verständnis der Menschen unserer Zeit. Er ist auch der Schlüssel für die nötigen Antworten. Wenn wir uns von diesem Geist leiten lassen, dann wird es uns als Christen gelingen, Menschen in ihrem Suchen eine Antwort finden zu helfen, die ihnen gerecht wird. Im Leben der Liebe, werden wir diese Wege gehen können. Die Liebe ist es ja schließlich, die der Geist uns eingibt.