Gedanken von mir
 


Ostern2001

Zum Johannesevangelium 20,1-9

Es gibt Menschen, die warnen vor dem Theologiestudium. Ihre Meinung: durch das Studium geht der Glaube verloren. Sie wünschen jedem Neuling, dass er seinen Glauben durch das Studium retten kann. Weshalb? Das Studium stellt in Frage, es prüft, was hinter unserer Frömmigkeit steckt.
Durch die Auseinandersetzung mit den theoretischen Grundlagen unseres Glaubens klärt sich, auf welchen Füßen unsere Gläubigkeit steht. Es zeigt sich, wie sicher wir uns sind und entlarvt, wenn unser Glauben nur leere Hülle und Maske ist. Das Studium enttäuscht, indem es unsere Selbsttäuschung auffliegen lässt. Manches kunstvolle Gebilde stürzt in sich zusammen, ist nicht mehr haltbar, weil es haltlos geworden ist.
Es entsteht das Gefühl, den Glauben verloren zu haben, er scheint weggenommen, dabei ist nur verschwunden was nur scheinbar da war.
Ist das Studium so gefährlich? Ich habe die Erfahrung gemacht, dass mein Glauben eine neue Qualität gewonnen hat. Manches wurde für mich begründbar und das mystische, geheimnisvolle des Glaubens ist geblieben.

Heute begegnet uns Maria von Magdala ziemlich aufgelöst. Erst wurde ihr der Meister genommen. Man hat ihn gekreuzigt und getötet. Und jetzt stiehlt man ihr noch dazu den Leichnam Jesu. Maria drückt mit ihrer Klage das Entsetzen aller Jünger aus. Träume, die mit Jesus verbunden waren, sind gescheitert. Träume von Freiheit, Erlösung, Rettung und Heil sind ausgeträumt. Der große Traum vom Messias, der Israel befreit, ist zerstört - weggenommen. Die Anhänger Jesu liegen am Boden. Vor ihnen liegt das leere Grab. Es sind die Scherben ihrer Hoffnung und ihres Glaubens. Ist alles aus?

Der Evangelist stellt fest: sie wussten noch nicht aus der Schrift, dass er von den Toten auferstehen musste. Mit dem leeren Grab beginnt eine neue Geschichte. Befreit von Machtgelüsten und Herrschaftsgedanken beginnt das Leben der Jesus Jünger weiterzugehen. Jetzt erst sind ihre Gedanken frei für die Botschaft von Reich Gottes, wie sie Jesus vermitteln wollte.
Noch in der Verhandlung vor Pilatus sagt Jesus: mein Reich ist nicht von dieser Welt, es ist nicht von dieser Art. Ihm geht es nicht um einen Putsch und die Weltherrschaft!
Im Abendmahlssaal hat Jesus gezeigt, was sein Anliegen ist: er tritt nicht als Meister auf sondern als Sklave, seine Aufgabe ist es den Menschen zu dienen.
Für die Jünger war diese bittere Erfahrung nötig. Sie mussten alle ihre Träume von Herrschaft und Macht verlieren. Nur so konnten sie befreit werden zu einem neuen tiefen und echten Glauben - losgelöst von der menschlichen Sehnsucht nach Macht und Herrlichkeit. In ihrer Not sind sie offen für eine neue Erfahrung. Sie erleben, dass Jesus weiterhin bei ihnen ist, nämlich in ihren Gedanken und ihrem Herzen. Jetzt kann sich seine Botschaft ausbreiten, denn seine Jünger verstehen nun das wirkliche Anliegen Jesu. Seine Reich ist kein Reich der Macht sondern ein Reich der Liebe. In den Herzen seiner Jünger lebt Jesus weiter. Von hier aus beginnt sich seine wahre Herrschaft auszubreiten.

Wie die Jünger müssen auch wir unseren Glaube hinterfragen lassen. Es ist schmerzhaft, alte lang gepflegte Träume aufgeben zu müssen. Ein Beispiel: Der Gedanke, dass unser Glaube der einzig seligmachende ist, wirkt verlockend und die Versuchung ist groß, das durch dogmatische, schwerverständliche Aussagen zu begründen. Es tut weh, diesen verborgenen Absolutheitsgedanken unseres Glaubens aufzugeben. Wir müssen uns dieses Denken wegnehmen lassen, um frei zu werden für Jesu Denken. Er hatte dieses Denken nicht nötig. Er musste sich nicht durch Gesetze absichern. Er lebte aus einer innern Kraft heraus, der Beziehung zu Gott. Diese Beziehung war es, die Jesus trug.
Wir müssen uns
- uns von ihm hinterfragen lassen
- durch ihn entlarvt werden
- durch ihn leere Hüllen entrissen bekommen.
Nur so können wir ihn in unserem Leben entdecken:
als kraftvolle Liebe - als mutige Hoffnung - als treibende Sehnsucht.

Jeder Gedanke an Absolutheit, an Allmacht und Alleinherrschaft ist ohne Grundlage. Diese Gedanken sind haltlose Hüllen unseres Glaubens. Der Glaube trägt uns nur dann, wenn er eine Kraft ist, die von innen kommt - aus der Beziehung zu Gott. Diese Kraft führt uns zum Reich Gottes. Es ist die Kraft der Liebe, der Hoffnung und der Sehnsucht nach Vollendung.

Diese Kraft ist es, die Jesu Jünger neu erleben.
Diese Kraft ist es, die sie aufbrechen lässt in alle Welt mit der Botschaft von Gottesreich, dem Reich der Liebe.
Auferstehung geschieht dort, wo wir uns befreien lassen von den leeren Hüllen unseres Glaubens.
Auferstehung geschieht dort, wo in uns Gott als die Liebe erwacht und aufsteht und durch uns tätig wird für die Menschen.