Vergangene Woche kam ich von einer Fahrt ins Heilige Land zurück. Die Eindrücke dieser Reise wirken in mir noch nach. Besonders die Wege zurück nach Jerusalem durch die Checkpoints von Bethlehem oder Jericho und dem eigenartigen Gefühl unter den Augen der Kontrolle hinterlassen sehr zwiespältige Gefühle. Ich erinnere mich auch noch gut an den Hinweis unseres Begleiters, die Worte schalom oder salam – Frieden – nicht zu benützen, denn sie tragen kaum zum Frieden bei, wenn sie dem falschen Volksstamm gegenüber benützt werden. Das Heilige Land ist zu einem Ort geworden, das wenig einladend wirkt. Es regiert eher die Angst als Frieden oder Gerechtigkeit. Die Sehnsucht nach Sicherheit übersieht den Menschen mit seinen wahren Wünschen und Bedürfnissen.

Vor Jesus steht eine Frau, sie ist vor ihn hin gestellt worden, weil man an ihr ein Exempel statuieren will. Die Gesetzeslage ist klar. Sie ist schuldig und verdient die Todesstrafe. Nun soll Jesus sich erklären. Doch wo alles klar ist, da hat er nichts zu sagen. Wo das Gesetz klare Fakten geschaffen hat, da braucht er nicht mehr seinen Kommentar abgeben. Und Jesus schreibt. Erst als Jesus gedrängt wird, äußert er sich und lenkt den Blick weg von der Schuld der Frau, hin auf das Leben der Ankläger. Diese gehen beschämt weg. Ist es ihr Wissen um ihre eigene Schuld oder ist es die Beschämung darüber, dass sie mit dem Leben der Frau spielen wollten. Als Jesus mit der Frau allein ist, da spricht er kein Urteil über sie. Jesus erklärt sie nicht für unschuldig, aber er gibt ihr eine neue Chance. Geh hin und sündige nicht mehr, dieses Wort eröffnet einen neuen Weg. Es eröffnet einen Neuanfang. Die Frau kann neue Wege gehen. Jesus geht es nicht darum, das Leben zu verhindern. Vielmehr will er durch seinen Umgang mit den Menschen eine neue Lebensperspektive eröffnen.

Von Jesaija hören wir die Aufforderung, nicht mehr auf das zu achten, was war. Wir sollen es beiseite lassen. Wir wissen, dass wir Menschen eine gute Erinnerung bezüglich der Dinge haben, die die Schuldgeschichte eines Menschen ausmachen. Die Vergangenheit ist ein Spiegel, der uns immer wieder vorgehalten wird, ohne dass der Mensch die Chance erhält, ein neues Bild von seiner Person aufzubauen. Bei Jesus erhält der Mensch diese Chance. Gerade dass er kein Urteil fällt, lässt die Ehebrecherin einen machen. Die Vergangenheit darf ruhen und schweigen. Nun kann sie wirklich aus ihrer Vergangenheit lernen und einen neuen Start ins Leben wagen.

Mit der Vergangenheit wurde ich natürlich in der Auseinandersetzung mit der Situation im Heiligen Land konfrontiert. Sowohl die Mauer als auch die Erinnerung an die Zeit des Holocausts lösen Gedanken und Empfindungen aus. Doch auch hier muss gelten, was Jesus der Ehebrecherin zusagt. Die Geschichte ist unveränderbar geschehen. Indem der Mensch aus ihr lernt, kann er neue Wege gehen ohne von ihr geknechtet werden zu müssen. Wenn Völker sich nicht mehr gegeneinander ihre Schuld aufrechnen, sondern sich auf neue Wege einlassen, dann ist Frieden zwischen Menschen möglich.

Am heutigen Misereorsonntag geht unser Blick über unsere Grenzen hinaus. Wir wollen unseren Blick weiten hin auf die Lebenssituation in anderen Gebieten unserer Erde. Menschen mit ihrem Wunsch nach Gerechtigkeit und Frieden rücken in unser Blickfeld. Meist sehen wir dabei zuerst ihre Not. Unsere Gabe zur Unterstützung verschiedener Projekte hilft Menschen, ihre Not zu lindern. Sie sind jedoch erst dann wirkliche Hilfe, wenn damit Grenzen zwischen Menschen abgebaut werden. Dann wenn unsere Hilfe dazu beiträgt, dass Menschen sind ohne Schuldvorwürfe ansehen können, dann ist erst wirklich neues Leben möglich.

Der Blick auf den Menschen mit der Absicht, ihm Perspektiven für sein Leben zu eröffnen ist es, der wirklich hilft und dem Menschen zu einem neuen Leben verhilft.