Gedanken von mir
 


Zumutung


Kreuze in öffentlichen Gebäuden stören. Die Passion Jesu sei eine Zumutung. Ihre Grausamkeit sei Menschen nicht zumutbar. Andererseits hat Mel Gibson mit seinem Film über die Passion Jesu die Kinos gefüllt. Viele Menschen haben seinen Film gesehen. Ihnen hat die Grausamkeit der Passion nichts ausgemacht. Sind Menschen heute so abgestumpft, dass ihnen grausame Bilder nichts mehr ausmachen, weil wir Tag für Tag in Film und Wirklichkeit mit vielen Grausamkeiten konfrontiert werden?

Leid allein löst höchstens Mitleid aus. Die Passion Jesu allerdings ist eine Zumutung für uns Menschen jedoch nicht in ihrer Grausamkeit, sondern auf einer anderen Ebene. Sie ist Zumutung als letzte Konsequenz des Lebens Jesu. In seiner Passion gipfelt die Liebe, die Gott zu den Menschen hat. Dabei wird sie für uns zur Zumutung, denn hier ist nicht unser Mitleid gefragt, sondern eine Betroffenheit, die unser Leben bis in seine Wurzeln hinterfragt.

Die Passion Jesu ist eine Zumutung für die Menschen. Wir Menschen hätten gern eine heile Welt und sind versucht die Augen vor der Wirklichkeit zu verschließen. Viele Beziehungen zwischen Menschen und Völkern, viele Menschen selbst sind gebrochen. Gleichzeitig wird uns von allen Seiten eingeflüstert, es läuft, es ist nur vorübergehend, es ist alles in Ordnung. Jesu Leiden erinnert uns daran, dass unsere Welt nicht in Ordnung ist. Sein Kreuz steht da und beweist das Gegenteil. Es ist ein Unschuldiger, der ans Kreuz geschlagen wurde, jedoch rechtmäßig verurteilt durch die Führer des Volkes. Ähnliches geschieht in unserer Welt Tag für Tag. Solange Menschen Menschen Leid zufügen, ihnen ihren Lebensraum beschneiden und das zum Leben Nötige verweigern, ist die Welt nicht in Ordnung. Ungerechtigkeit ist an der Tagesordnung auch in unserem Land. Das Kreuz Jesu ist ein Mahnzeichen, das uns aufrütteln will, immer wieder aufmerksam die Not der Welt zu sehen.  Es fordert uns auf, da hinzusehen, wo Menschen Unrecht und Leid erfahren und sich der Not unserer Welt zu stellen. Die Passion Jesu ist eine Zumutung, denn sie führt uns die dunkle Seite des Menschseins unleugbar vor Augen. Sie ist Zumutung, denn sie gibt uns Mut, sich unserem Leid zu stellen.

Der Prophet Jesaja beschreibt in seinem Lied vom Gottesknecht, was Gottes Sohn alles erleidet. Unsere Krankheit hat er getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. Er wurde misshandelt und niedergedrückt. In verschieden Facetten scheint menschliches Leid auf. Das Leben, das Jesus gewählt hat, kennt die Dimension des Leidens hinein bis in den Tod und sogar das Gefühl der Gottverlassenheit. Wer in seinem persönlichen Leid auf den Gekreuzigten blickt, kann sich in ihm wieder finden.

Aus dem Passion Jesu spricht Gottes Leidenschaft für die Menschen. Aus Liebe zu uns Menschen gibt Jesus in seinem Leben das Letzte, was er zu geben hat. Er gibt sogar sein Leben und sein Gottvertrauen. Damit teilt er menschliches Schicksal in allen seinen Ausprägungen.

Hier trifft der Mensch auf eine zweite Zumutung: Gott ist in der Gebrochenheit der Welt gegenwärtig. Er ist auch im Leid der Menschen da. Der Mensch ist versucht, Gottes Anwesenheit in der Welt zu leugnen. Gerade Not und Leid helfen ihm dabei. Wie schnell gehen die Argumente aus, wenn die Frage im Raum steht, wieso lässt Gott das zu. Wie leicht ist es da zu behaupten, Gott sei gar nicht da. Die Passion Jesu widerlegt diese Behauptung. In seinem Kreuzestod zeigt sich die Anwesenheit Gottes in den dunkelsten Stunden des Menschseins. Weil Jesus als Gott und Mensch den Weg des Leidens geht, darf jeder Mensch glauben, dass auch in seiner dunkelsten Not Gott selbst dabei ist und mit trägt. Gott macht sich zum Simon von Cyrene unseres Lebens Er nimmt unser Kreuz auf seine Schulter und hilft uns tragen. Für viele Menschen ist es eine Zumutung, einen Gott zu glauben, der trotz seiner Allmacht ohnmächtig das Leid des Menschen teilt und trägt. Doch genau das ist der Weg, den Gott wählt, um den Menschen zu erlösen. Es ist der Weg, der den Menschen ernst nimmt und aufrichtet.

Das Kreuz ist und bleibt für die Menschen eine Zumutung, denn es schenkt den Menschen Mut. Der Mensch darf in seinem Leid aufblicken und Mut schöpfen, schließlich ist er in seiner Gebrochenheit nie allein. Gott selbst ist da und geht unsere Leben mit – durch Leid und Tod hinein in das Leben.