Wer sich mit Musik auskennt, der weiß, dass es in den Partituren den Arien einer Passion oder eines Oratoriums neben den festen Melodien Stellen gibt, an denen das Orchester schweigt und der Solist frei singen darf. Hier ist ihm der Raum eröffnet, in dem er seine eigene Melodie entwickeln kann, in die schließlich das Orchester einstimmen kann.

Schöne Musik braucht einen Rahmen. Diesen Rahmen braucht es, damit die Noten zueinander in Beziehung kommen und überhaupt eine Melodie entstehen kann. Doch dieser Rahmen muss Freiheit lassen für die Töne. Durch Höhen und Tiefen, unterschiedliche Längen der Noten, Wechseln in der Tonart oder im Takt, entsteht reiche und lebendige Musik. Man kann jedoch den Raum der Noten beschneiden. Ich kann die Tonarten festlegen, nur eine bestimmte Notenlänge zulassen und auch die Tonhöhe festlegen. Je mehr Einschränkungen gegeben werden, desto langweiliger wird die Musik, bis es nur noch einen Ton gibt, der keine Unterschiede in Höhe und Länge mehr kennt. Hier werden wir dann nicht mehr von einer Melodie sprechen, von Musik schon gar nicht.

Damit Musik zur schließlich zur Geltung kommen kann, muss sie so geschrieben sein, dass sie in der Tonhöhe für den Sänger singbar ist. Ist sie zu hoch oder zu tief geschrieben, ist die Stimme des Künstlers kraft- und klanglos.

In unserer Antoniuskirche in Ohrbeck hängt ein Kreuz mit dem Titel: Wir sind Gottes Melodie. Wir sind Gottes Melodie, wir sind wie Noten, die durch den Rahmen der Notenlinien und verschiedene Vorgaben zu einer Melodie zusammenklingen. Diese Musik, die durch unser Leben entsteht, ist unsere Sendung. Nennen wir es unsere Mission, unseren Auftrag, unser vom Geist inspiriertes Leben. Den Rahmen dieser Musik bildet unsere Profess, mit der wir uns an den Minderbrüderorden gebunden haben. Der Takt, die Tonart mit ihren Vorzeichen und die Werte der Noten sind vergleichbar mit unserer Tradition, unseren Tätigkeiten und der wirtschaftlichen Situation, die uns bestimmt. Es braucht den Rahmen, es braucht auch eine Tonart, Notenwerte und einen Takt, doch je mehr diese Faktoren die Bewegung der Noten einschränken, desto weniger wird daraus Musik. Die Musik verliert ihre Lebendigkeit. Unser Leben verliert den Raum für unsere Sendung.

Wenn wir in diesen Tagen über unsere Situation und Zukunft in der Bavaria nachdenken, dann wünsche ich uns bei allem Realismus den Mut, unsere Sendung nicht in die zweite Reihe zu schieben. Mit dem Bewusstsein für unseren Auftrag und dem Vertrauen, dass Gott das seine dazu tut, wird unsere Provinz so aufgestellt sein, dass Raum für unsere franziskanische Lebensmusik bleibt, Raum für die Lebendigkeit, die diese Musik schön macht und eine Melodie in einer Lage, die sich durch die Brüder unserer Provinz kraft- und klangvoll singen lässt.