Gedanken von mir
 


Wer ist mein Nächster?

Das Gleichnis vom Barmherzigen Samaritaner gehört zu den biblischen Erzählungen, die uns geläufig sind. Immer wieder war sie Gegenstand von Religionsunterricht und Katechese. Oftmals mit dem Erfolg, dass wir sie schnell als bekannt abhaken. In meinen Augen Grund genug, diese Geschichte einmal genauer anzusehen.

Ein Mann wird überfallen und liegt deshalb am Wegrand. Es kommen verschieden Personen vorbei: Zuerst ein Priester, dann ein Levit > beide religiöse Menschen. Sie sind auf dem Weg vielleicht zum Gottesdienst, zum Gebet? Es sind sicher rechtschaffene Männer, sonst wären sie nicht in solche Aufgaben hineingeholt worden. Es ist ihnen ernst mit ihrem Gottesdienst und so gehen sie weiter.

Dann kommt noch ein weiterer Mann vorbei, ein Samaritaner, einer aus Samarien, nicht gerade gut auf die Israeliten zu sprechen, sozusagen einer von der anderen Konfession. Dieser Mann sieht den Überfallenen und er sorgt für ihn. Es ist nicht eine besondere Aktion, ihn überkommt einfach das Mitleid.

Jesus antwortet mit dieser Geschichte die Frage eines Gesetzeslehrer, eines Mannes der weiß, was die Gebote Gottes sind. Diesem Mann ist klar, was Ziel des Lebens ist: Gott und den Nächsten lieben. Nun möchte er sich vergewissern, was es mit dem Nächsten auf sich hat, den er lieben soll. Jesus gibt ihm eine Antwort: der nächste ist nicht der, der die gleiche Gesinnung hat, zur selben Partei gehört, auf der gleichen Linie liegt, der nächste ist der, der meine Hilfe nötig hat, unabhängig vom Lager, dem er angehört.

Levit und Priester werden nicht als schlechte Menschen dargestellt, sie tun einen wichtigen Dienst. Wer aber die Geschichte hört, der spürt, dass in ihrem Verhalten ein Haken ist. Es wirkt auf uns fragwürdig, dass sie den Verletzten sehen und ihn einfach liegen lassen. Es wirkt auf uns befremdlich, dass sie an dieser offensichtlichen Not vorübergehen. Sehen sie ihren Nächsten nicht, der so vor ihren Augen liegt? Sehen wir unseren Nächsten, den, der vor unseren Augen liegt, sehen wir ihn oder übersehen wir ihn, weil wir ihn nicht als unseren Nächsten sehen und anderes viel deutlicher ist? Unser Nächster ist nicht nur der, der uns gefühlsmäßig nahe steht. Er ist auch der, der neben uns steht - oft durch Zufall - oft ein fremder. Unser Nächster ist der, der unsere Hilfe braucht.

Jesus stellt mit seiner Geschichte noch eine Beziehung her. In seiner Geschichte wird deutlich, dass Gottesliebe ohne Nächstenliebe nicht geht. Ich kann nicht Gott lieben, indem ich brav meine geistlichen Übungen verrichte und so manches Sondergebet anhänge. Meine Gottesliebe zeigt sich, wenn sie konkret wird, wenn Menschen spüren, dass ich Gott liebe. Die Nächstenliebe ist eine Form der Gottesliebe. Die Auseinandersetzung mit Gott und die Liebe zu ihm führt zwangsläufig hin zum Nächsten, denn nur dann ist Gottesliebe echt.


Ich möchte euch heute ein Wort von Meister Eckehart mitgeben:
- Solange du dir selbst mehr gönnst, als jenem Fremden, den du nie gesehen, solange hast du nie einen Augenblick in Gottes Grund hineingelugt.

Einfach übertragen: Solange du den Fremden nicht geliebt hast, hast du auch ott nicht geliebt.