Vom Wert des Menschen


Es gibt Bilder, die lassen Menschen nicht mehr los. Oftmals sind es Bilder, die uns betroffen machen. Bilder der Zerstörung, wie beispielsweise beim Tsunami vor einigen Jahren, bleiben in unserer Erinnerung. Ähnlich ist es mit den Bildern aus den Lagern der Herrschaft der Nationalsozialisten. Auch diese Bilder bleiben uns in unserem Gedächtnis haften. Die Betroffenheit über das Leid, das Menschen damals angetan wurde, lässt uns nicht mehr los. Tief sitzt das Entsetzen über die Menschenverachtung, die aus diesen Bilder spricht. Das Leid von Millionen macht traurig. Die Brutalität des Naziregimes und ihrer Helfer macht wütend und löst Rachegefühle aus. Was vor gut 60 Jahren in unserem Land passiert ist, stellt Fragen an uns und an jede Gesellschaft. Es stellt sich die Frage, wie konnte das passieren? Was geht in Menschen vor, dass sie zu solchen Taten fähig werden? Und wo war Gott?

Menschliche Tragödien stellen immer die Frage nach der Existenz und Rolle Gottes. Der Mensch genießt die Freiheit, die ihm von Gott gegeben ist, doch wünscht er sich Gott als Rächer, wenn ihm Leid zustößt. Gerade die negativen Erfahrungen des Lebens lassen den Menschen nach der mächtigen Hand Gottes schreien. Doch Gott ist anders, als es sich der Mensch denkt. Die Antwort des biblischen Glaubens lautet: Gott ist der Anwesende, der Begleitende und Tragende. Der Prophet Jesaja tröstet sein Volk und ermuntert es, auf Gott zu vertrauen, und unsere christliche Botschaft sagt uns: Gott kennt das Leid und die Not des Menschen, denn in Jesus Christus hat er mit dem Menschen mitgelitten. Die Heilige Schrift tröstet uns Menschen nicht damit, dass Gott an unserer Seite steht und auf unsere Feinde einschlägt. Unser Trost ist es, in aller negativen Erfahrung nicht allein gelassen zu sein, sondern in Gott einen Begleiter an unserer Seite zu wissen, der auch die leidvollen Wege mitgeht.

Gottes Begleitung auch in der Hölle von Ausschwitz oder anderen Lagern spricht aus den Worten manches Todeskandidaten. Wenn Dietrich Bonhoeffer im Lager schreibt: Von guten Mächten wunderbar geborgen, dann spiegelt sich darin die Erfahrung wieder, Gott ist mit uns, auch wenn sich das Leben unter der Gewalt von Menschen zu Ende neigt. Die Erfahrung der Vernichtung des Menschen in der NS-Zeit verneint nicht die Zusage Gottes, dass er den Menschen nahe ist. Auch wenn der Mensch durch Menschen missachtet wird, bleibt Gottes Wertschätzung. Gott hat jeden Menschen bei seinem Namen gerufen. Er hat ihn geachtet als herrlich und geliebt. Gott hat den Menschen auf ewig für würdig erklärt. Auf dieser Grundlage hat der Mensch Grund zur Furchtlosigkeit. Ihm kann zwar das Leben genommen werden, das Menschsein und seine Würde kann ihm niemand nehmen. Gott hat sie ihm gegeben.

Unsere leidvolle Geschichte gibt uns einen Auftrag mit auf den Weg. Besonders als Christen tragen wir Verantwortung, dass der Mensch zu jeder Zeit und an jedem Ort Achtung und Wertschätzung erfährt. Unsere Geschichte darf nicht Rache erzeugen, sie muss uns wachsam machen. Es darf nie wieder geschehen, dass Menschen ihre Würde abgesprochen wird. Menschliche Würde hat ihren Ursprung in Gott. Deshalb ist sie unverlierbar und unantastbar. An einem Tag wie heute, da wir der Opfer des Nationalsozialismus gedenken, muss uns dies neu bewusst werden. Bilder wie in den Lagern am Ende des Krieges dürfen sich nicht wiederholen. Der Mensch ist wertvoll. Der Mensch hat Würde. Der Mensch hat immer einen Wert zu leben.