Die Oper der Hingabe

Palmsonntag

Eine Oper beginnt mit einer Ouvertüre. Sie soll die Zuschauer auf die Handlung des Werkes einstimmen. Ähnliches gilt für den Palmsonntag. Auch er will uns einstimmen auf das Geschehen der kommenden Tage und uns so in das Geheimnis dieser Tage hineinnehmen. Wir sollen aufmerksam werden für das Thema, das diese Tage bestimmt, den Weg der Hingabe, den Jesus geht.
Zwei Momente begegnen uns am heutigen Tag, die sich scheinbar widersprechen. Da ist der Jubel des Einzugs in Jerusalem und da ist der Schmerz über das Leiden und Sterben Jesu. Beide Pole spannen einen Bogen auf, der sich über die kommenden Tage erstreckt, und entfalten das Thema dieser Tage: Jesus Christus, Gottes Sohn liefert sich freiwillig den Menschen aus.
Im ersten Hinhören scheint Jesus einen Weg zu gehen, den er nur erduldet. Erinnern wir uns an den Bericht vom Einzug in Jerusalem. Jesus scheint seltsam unbeteiligt. Er lässt den gesamten Trubel still über sich ergehen. Kein Wort ist von ihm zu hören. Jesus wirkt nicht mehr der Handelnde, er ist überraschend passiv, teilnahmslos. Es sind die Menschen, die ihn emporheben – auf einen Esel und auf einen Thron. Ähnlich erscheint Jesus auch während der Passion sehr passiv. Das ganze Geschehen lässt er fast wortlos vorübergehen – wehrlos, ohne Widerspruch und doch gibt es die eine oder andere Szene, in der deutlich wird, dass Jesus sehr wohl die Sache im Griff hat.
Im Abendmahlssaal ist es Jesus selbst, der sich die Ereignisse hineinbegibt. Aus eigenem Willen macht er sich zum Diener seiner Freunde. Am Ölberg sagt Jesus ausdrücklich Ja zum Weg, den Gott mit ihm gehen will. Und während der Passion betont Jesus Pilatus gegenüber, dass dieser keine Macht hätte, wäre sie ihm nicht von oben gegeben. Jesus gibt sich in den Weg des Leidens, allerdings aus seinem eigenen Entschluss, freiwillig, allein weil Gott es will und weil Jesus weiß, Gott geht seinen Leidensweg mit. Einzig im Moment des Todes verliert Jesus seine Sicherheit. Hier auf dem Höhepunkt des Leides fühlt er sich wirklich verlassen. Wo ist nun mein Gott?
Mit dem Einzug in Jerusalem beginnt Jesus den Weg seines größten Dienstes. Er liefert sich freiwillig den Menschen aus – dem Jubel des Palmsonntags, dem Leiden am Karfreitag und dem Tod am Kreuz. Diesen Weg kann er nur gehen, weil er gewiss ist, Gott, sein Vater, geht diesen Weg mit. Er ist auf diesem Weg nicht allein und dieser Weg hat ein Ziel. Der Weg der Erniedrigung ist ein Weg, der ins Leben führt. Weil Jesus bereit war, den Weg des Leidens zu gehen, öffnete sich ein Weg zum Leben. Diesen Weg Station für Station mitzugehen, dazu sind wir in diesen Tagen eingeladen. Er soll auch für uns ein Weg ins Leben sein.

Gründonnerstag

Am Palmsonntag wurde das Thema dieser Hl. Woche angesagt. Jesus Christus, Gottes Sohn, begibt sich freiwillig auf den Weg der Hingabe. Er lässt sich auf einen Weg ein, der geprägt ist von Erniedrigung und Selbstaufgabe, aber dann ins Leben mündet. Heute feiern wir einen ersten Schritt auf diesem Weg. Jesus gibt sich freiwillig seinen Freunden hin.
Im Abendmahlssaal muss Jesus seine Jünger erst für diesen Schritt empfänglich machen. Petrus steht beispielhaft für seine Weggenossen, wenn er sich erst weigert, Jesu Dienst anzunehmen. Es ist nicht einfach zu verstehen, dass ein Meistern seinem Diener die Füße wäscht. Noch schwerer ist es zu begreifen, dass Gottes Sohn sich zum Sklaven der Menschen macht. Und doch ist es die konsequente Weiterführung der Menschwerdung Gottes im Stall von Bethlehem. In diesen Tagen erfährt die Geburt Jesu ihre Vertiefung und Deutung. Gott begibt sich ganz in die Tiefe des Menschseins. Dabei tritt er nicht als Herrscher auf, sondern als Sklave und Diener. Zeichen seiner Erniedrigung ist der Dienst der Fußwaschung an seinen Freunden.
Jesus wäscht seinen Jüngern die Füße. Er, zu dem sie alle aufschauen, bückt sich und macht sich klein. Diese Geste des Dienens bereitet die Jünger auf den nächsten Schritt vor. Als Petrus seine Einwände vorbringt, entgegnet ihm Jesus, dass Jesus ihm die Füße waschen muss, damit Petrus Anteil an Jesus hat. Der Mensch muss sich zu dem Gedanken durchringen, dass Gott sich in den Dienst der Mensch stellt. Nur wenn wir uns von Gott dienen lassen, kann er seinen Dienst an uns auch tun. Petrus muss sich überwinden, dass sein Meister ihm die Füße waschen kann. Als er diesen Dienst annimmt, ist für ihn der Weg frei für einen nächsten Schritt.
Jesus setzt sich mit seinen Jüngern zu Tisch und hält mit ihnen Mahl. Es ist mehr als nur ein einfaches Essen, es ist ein Liebesmahl. Was Jesus in der Fußwaschung vorbereitet hat, vollzieht sich nun auf einer anderen Ebene.
Zum Mahl versammelt, verschenkt sich Jesus an seinen Jünger mit Fleisch und Blut. Er wäscht ihnen nicht nur die Füße, sondern gibt sich selbst hin, damit die Seinen das Leben haben. Wer Jesu Fleisch und Blut empfängt, der hat wirklich Anteil an Jesus Christus. An seine Hingabe knüpft Jesus keine Bedingungen und er macht keine Einschränkungen. Vorbehaltlos verschenkt er sich. Er gibt sein Leben, damit die Menschen leben. In Jesu Hingabe im Abendmahlssaal verwirklicht sich nochmals die Menschwerdung Gottes. Was auf einzigartige Art und Weise in der Geburt Jesu geschah, setzt sich nun auf immer fort. Immer wenn Menschen sich zum Mahl im Sinne Jesu versammeln wird Gott selbst Mensch.
Nicht nur seine Jünger nennt Jesus Freunde, wir alle werden von Jesus Freunde genannt und von ihm wie Freunde behandelt. Wie im Abendmahlssaal teilt sich Jesus auch uns mit, wenn wir Mahl halten und Eucharistie feiern. Jesus selbst ist es, der uns an seinen Tisch lädt und sich uns hingibt. Das ist mein Leib, das ist mein Blut, diese Worte sagt er zum uns. Wie seine Jünger sind wir eingeladen, diese Gaben empfangen. Jesus Dienst an seinen Jünger wird zum Dienst an uns. Er wird zum bleibenden Dienst an den Menschen.
Nach dem Mahl begibt sich Jesus an den Ölberg. Hier nimmt er den Kelch des Leidens an, den sein Vater ihm reicht. Damit weitet sich Jesu Hingabe über den Kreis seiner Freunde aus. Am Kreuz hat Jesus das Heil aller Menschen im Blick. Sein Leben gibt er hin für das Leben der Welt. Morgen gehen wir diesen Weg mit, wenn wir des Leidens und Sterbens Jesu gedenken und ihm in der Kreuzverehrung für seine Hingabe danken.

Karfreitag

Im Abendmahlssaal gibt Christus sich freiwillig hin an seine Jünger, indem er sich in Brot und Wein verschenkt. Heute am Karfreitag gedenken wir der freiwilligen Hingabe Christi an die Welt. Dazu wählt Jesus den Weg des Leidens und des schachvollen Kreuzes. Doch musste es wirklich das Kreuz sein?
Allein im Kreuz teilt Jesus wirklich das Schicksal aller Menschen. Hier hat jeder Mensch mit seiner Not einen Ort, wo er sich von Jesus mitgenommen und begleitet weiß.
Auf dem Weg der Passion Jesu finden sich Menschen mit ihrem körperlichen Leid wieder, in den Schlägen der Soldaten, den Wunden der Geißelung und der Dornenkrone. Menschen mit ihrem seelischen Leid, Ausgestoßene, in ihrer Würde verletzte Menschen finden wir wieder in der Verspottung Jesu durch die Soldaten und im Kreuz, dem Symbol der Schande. Schließlich begegnen wir auch geistigem Leid. Die Erfahrung, dass Gott nicht mehr antwortet, durchlebt Jesus im Moment seines Todes, wenn er in den Psalm ausbricht, Gott mein Gott, warum hast du mich verlassen? In den verschiedenen Momenten der Passion Jesu begegnen wir also die verschiedenen Formen menschlichen Leids.
Die Folgen für uns Menschen sind, dass Gott sich in unserem Leid auskennt, nicht nur weil er um unsere Not weiß, sondern weil er unsere Not durchlitten hat. Egal wie groß unser Leid ist, wir dürfen wissen und daran glauben, dass Gott weiß, wie es uns geht und was wir mitmachen. Das ist echtes Mitleid, denn er kann wirklich mitfühlen.
Die Betrachtung der Passion Jesu führt uns auch vor Augen, dass kein Mensch mehr über den anderen urteilen kann, Gott hätte ihn verlassen. In den verschiedenen Momenten der Passion bleibt Jesus immer Gott und Mensch. Das ändert sich auch nicht, als Jesus nach Gott schreit. Gott nicht mehr erfahren, bedeutet nicht, dass Gott nicht mehr da ist. Wenn den Menschen also noch so große Schicksalsschläge treffen, nie sind sie Zeichen dafür, dass Gott sich abgewendet hat, selbst in der Erfahrung der Gottesferne nicht.
Wenn nach den großen Fürbitten das Kreuz Jesu in unsere Kirche getragen und zur Verehrung vorbereitet wird, dann wollen wir uns Jesu Leid vor Augen führen und dabei unsere eigenen Kreuze annehmen. Wir wollen in der Verehrung des Kreuzes Jesus Christus für seinen Weg des Leidens danken und dabei unseres eigenen Weges mit unseren Kreuzen bewusst werden. Es ist der Weg des Kreuzes, der uns schließlich in das Leben und in die Erlösung führt.

Ostern

Jesus lebt! Er ist von den Toten auferstanden! Reißt uns das wirklich vom Hocker? Geht uns die Freude durch und durch, nachdem wir den Weg des Leidens mitgegangen sind? Wenn wir die Reaktion der Frauen am Grab anschauen, dann spüren wir nur sehr verhaltene Freude. Zuerst steht die Frage, wo ist denn der Leichnam Jesu, schließlich ist das Grab leer.  Nur langsam können sich die Frauen von ihren schweren Gedanken lösen und glauben, was ihnen der Engel sagen will: Jesus von Nazareth ist auferstanden und geht euch voraus nach Galiläa, wie er es gesagt hat.
Die Erfahrung der Auferstehung Jesu muss sich erst entwickeln. Zu dunkel ist das Erleben, dass den Jüngern ihr Meister genommen ist. Es braucht Zeit, bis in ihre Dunkelheit Licht dringen kann.
In den vergangenen Tagen sind wir diesen Weg Schritt für Schritt mitgegangen. Erst war es der Jubel beim Einzug in Jerusalem, dann die Teilnahme am Mahl, als sich Jesus an seine Freunde verschenkte. Der nächste Schritt war die Trauer über das Leiden und Sterben Jesu und schließlich feiern wir das große Finale, den Einzug des Lebens in unsere Wirklichkeit.
Eindrucksvolle Bilder begleiten unser Feiern und Gedenken. Am Palmsonntag ziehen wir mit Palmen jubelnd in unsere Kirche ein. Am Karfreitag wird das Kreuz als Zeichen des Leidens feierlich in die Kirche getragen und heute Nacht ist es die Osterkerze, die in die Dunkelheit der Kirche einzieht. Wie eine Brücke verbinden die verschiedenen Motive unser Feiern und zeigen uns den Weg auf, den wir hier gegangen sind.
Es war und ist ein Weg der Höhen und Tiefen und ist schließlich der Weg in das Leben. Wenn wir diesen Weg mitgehen, dann dürfen wir gewiss sein, dass unser Herr diesen Weg mit uns geht.
Wir kennen die Dunkelheit in unserem Leben als die vielen Formen des Leids, an die wir gestern gedacht haben. Die Dunkelheit des Lebens hat die Dunkelheit unseres Kirchenraumes ins Bild gebracht, als wir unsere Feier begonnen haben. Es war unsere innere Dunkelheit genauso wie die Dunkelheit der trauernden Frauen, die sich auf den Weg zum Grab Jesu machen. In diese Dunkelheit dringt ein Hoffnungsschimmer. Für unser Bild war dies die Flamme der Osterkerze, die in die dunkle Kirche drang. Für die Frauen am Grab war es die Botschaft des Engels, der von der Auferstehung ihres Herrn sprach. Für uns selbst sind es die Momente, in denen wir erfahren dürfen, Gott ist in unserer Not wirklich da und gibt Antwort auf unser Flehen. Er ist da und steht uns zur Seite durch Menschen, die uns begegnen, und durch die Erfahrung seiner Gegenwart. Die Erfahrung des Ostern ist eine Erfahrung, die auch in unserem Alltag ihren Platz findet.
Paulus will uns mit seinen Worten ermutigen und uns auf diese Erfahrung stoßen. Er erinnert uns daran, dass Christus ja den Weg des Leidens und Sterbens vorausgegangen ist, ehe er den Tod mit seiner Auferstehung überwindet. Wir gehen diesen Weg mit dem gleichen Erfolg, Auch wir erfahren in unserer Dunkelheit Licht, in unserem Leid Heil und in unserem Sterben das Leben.
Die heutige Nacht führt uns den Weg in die Erfahrung des Lebens. Sie zeigt uns auch, dass es ein langsamer Weg ist. Nur nach und nach wird es hell in unserer Kirche. Nur nach und nach machen wir in unserem Leben die Erfahrung, dass Dunkelheit durch das Licht verdrängt wird. Voraus geht ein oft schwerer Weg. Der Weg zu neuem Leben ist ein Weg durch das Leiden hindurch. Nur wenn wir unser Lied annehmen und uns auf die Dunkelheit des Lebens einlassen, können wir auch die Erfahrung des Lichtes machen. Stellen wir uns unserer Dunkelheit, dann können wir auch die Erfahrung machen, dass wir in ein neues Leben geführt werden.
Ostern ist nicht nur eine Erfahrung der Frauen am leeren Grab, es ist die Erfahrung jedes Menschen, der in seinem Leid den Weg zum Leben findet. Jesus Christus ist uns diesen Weg vorausgegangen. Wir dürfen diesen Weg voll Vertrauen nachgehen. Dann werden wir mit ihm hineingeführt in ein Leben das keinen Tod mehr kennt. Dann sind auch wir fähig, über das Leben den zu jubeln.