Was, dir soll ich Bruder sein?

Auf dem Hintergrund einer heißen Diskussion der vergangenen Tage, wird die Aktualität dieser Frage deutlich. Papst Benedikt hat mit einem Vortrag in Regensburg eine heftige Diskussion ausgelöst. Mit seiner Vorlesung zum Thema " Religion ohne Gewalt " löste er heftige Reaktionen in der islamischen Welt aus. Gleichzeitig hat er in unseren Regionen wohl viel Zustimmung erhalten. Manch einer fühlt sich in seiner Meinung bestätigt, dass Gewalt im Islam eine große Rolle spielt. Was, denen soll ich Bruder sein?
Die Angst vor Anschlägen durch Islamisten hat in Europa Einzug gehalten. Auch Deutschland ist seit den vereitelten Anschlägen im Juli dieses Jahres in die Runde der bedrohten Staaten eingetreten. Wer mit der Bahn fährt, kann inzwischen Lied davon singen, wie konkret diese Bedrohung wahrgenommen wird. Weh dem, der seinen Koffer herrenlos herumstehen lässt. Lautsprecherdurchsagen in Zügen mehren sich, die nach Besitzern von herrenlosen Koffern fahnden. Was, diesen Islamisten soll ich Bruder sein?
Werfen wir einen Blick auf die Situationen im Nahen Osten, in Asien, und auch in Europa. Die Schweiz verschärft ihr Ausländerrecht. Der Irak kommt nicht zur Ruhe. In Afghanistan trumpfen Rebellengruppen auf. Israel und Palästina finden nicht zu einer friedlichen Lösung. Europas schottet sich ab. Feindliche Bedrohungen ängstigen und verhindern, dass Menschen miteinander in Frieden leben können.
Wechseln wir den Schauplatz: Nicht nur einmal versuchten Urlauber in Urlaubsgebieten gerichtlich durchzusetzen, dass ihr Erholungswert durch den Anblick von Menschen mit Behinderung vermindert würde. Wem fällt es immer leicht, einem Obdachlosen zu begegnen, allein schon seiner Ausstrahlung wegen. Wir haben es mit Kranken, mit Fremden, mit Andersgläubigen, mit Obdachlosen, Mitmenschen, wie wir nicht riechen können, Mitmenschen mit Behinderungen zu tun. Manchmal kostet es einiges an Überwindung, mit Mitmenschen auch nur ein paar Worte zu wechseln.
Was, dir soll ich Bruder sein? Hinter dieser Frage verbirgt sich unsere Zurückhaltung, wenn wir es Mitmenschen zu tun haben, die nicht auf unsere Linie liegen. Gründe dafür können ganz unterschiedlich sein. Was, dir soll ich Bruder sein? Diese Frage wird zur Anfrage an uns, wenn wir uns mit der Botschaft Jesu auseinander setzen. Was, dir soll ich Bruder sein? Hinter dieser Frage steht ein zentraler Punkt Franziskanischer Spiritualität.
Franz von Assisi hat versucht, jedem Bruder zu sein. Seinen Gedanken wollen wir am heutigen Abends nachgehen. Der Blick auf beispielhafte Begegnungen seines Lebens soll uns einführen in die Sichtweise des Mannes von Assisi.
Zuerst jedoch eine andere Frage: Was verbinden wir mit dem Begriff „Bruder/Schwester“? Natürlicherweise denken wir hier zuerst nur an die Menschen, die über die Familie mit uns verbunden sind, an unsere Blutsverwandten. Eine Familie kennzeichnet eine unlösbare Verbundenheit, die auch dann noch im Hintergrund wirkt, wenn alle Beziehungen getrennt worden sind. Kein Streit, sei er noch so schwer, kann familiäre Bindungen trennen. Es kann zwar geschehen, dass Familienmitglieder nicht mehr miteinander reden, aber wer zu einer Familie gehört, der bleibt mit den anderen Familienmitglieder zwangsweise verbunden. Scheidung kann zwar Ehepartner trennen, nicht jedoch die Familie selbst. Es ist eine natürliche Verbindung, die nicht lösbar ist. Mancher erlebt auch die Hilflosigkeit, die einen befällt, wenn man die gestörten Beziehungen in einer Familie nicht heilen kann.
Der Mensch als Teil einer Familie kann sich die anderen Mitglieder nicht aussuchen. Sie sind ihm gegeben. Dabei können die verschiedenen Familienmitglieder sehr unterschiedlich sein. Im Unterschied zur Freundschaft kann sich die Intensität der Beziehung einer Familie zwar verändern, die Beziehung selbst bleibt aber in irgendeiner Weise bestehen, während Freundschaften auseinandergehen können.
In der Regel ist dem Menschen der eigene Bruder, die eigene Schwester auch näher als die meisten Freunde. Freundschaften kommen alle an einen kritischen Punkt, wenn das Gespräch auf Familienmitglieder kommt. In der Regel mag es zwar sein, dass in sehr guten Freundschaften auch über Probleme mit Geschwistern oder Eltern gesprochen wird, allerdings erwarte ich stillschweigend von jedem Freund, dass er die Mitglieder meiner Familie als gegeben akzeptiert. Ein Freund wird respektieren, dass meine Familie ein Teil von mir ist.
Die Familie ist ein Ort, wo Menschen verschiedener Generationen zu einer Lebens- und Lerngemeinschaft verbunden sind. Auch wenn Geschwister sich beizeiten aus dem Weg gehen und alles andere wichtiger scheint, als die eigene Familie, bleibt doch der Blick auf die verschiedenen Personen einer Familie und da wird so manches voneinander abgeschaut.
Die Familie kennt einen Verknüpfungspunkt. In der Geschichte meines Nachnamens ist es beispielsweise üblich, nach der Beziehung zu fragen, wenn ein anderer gleichen Namens auftaucht. Schließlich könnte er ja verwandt sein. Der Verknüpfungspunkt ist die gemeinsame Abstammung. Wer hat nicht schon Ahnenforschung betrieben, um auf den Ursprung der eigenen Familie zu stoßen. Wir wissen gerne, woher wir kommen, und freuen uns über Menschen, die dann mit uns verwandtschaftlich verbunden sind – dazu gehören auch die schwarzen Schafe.
Diese Gedanken sollten wir uns machen, wenn wir uns nun Franziskus zuwenden. Wenn wir ihn hören, wie er mit Menschen und Tieren umgeht, dann begegnen wir immer wieder dem Begriff „Bruder“. In jedem Menschen und Geschöpf sieht er einen Bruder, dem er geschwisterlich verbunden ist.
Grundlage dieser Haltung ist die Botschaft Jesu. Jesus spricht immer wieder vom Vater im Himmel und von den Menschen, die einander Schwestern und Brüder sind. Damit meint er nicht nur seine Jünger, sondern die gesamte Welt. Diesen Gedanken Jesu greift Franziskus auf und führt ihn aus. Sein Denken ist geprägt von diesem Gedanken, dass alle Geschöpfe einen gemeinsamen Vater haben, nämlich den Vater im Himmel. Wer aber einen gemeinsamen Vater hat, wer die gleiche Abstammung hat, der ist einander Schwester und Bruder. Deshalb kann Franziskus nur in dieser Kategorie denken und von allen Geschöpfen als von seinen Schwestern und Brüder reden und mit ihnen entsprechend umgehen.
Im Verlauf des Abends möchte ich auf drei Bereiche eingehen – die Begegnung mit der Schöpfung, mit den Fremden und mit den Benachteiligten. Für jeden Bereich steht eine beispielhafte Begegnung. Für die Geschöpfe steht die Vogelpredigt, für die Fremden die Begegnung mit dem Sultan Melek el-Kamil und für die Benachteiligten die Begegnung mit einem Armen. Abschließend werden wir dann sehen, was es heißen kann, dem Anderen, dem Fremden, Bruder zu sein.
Schöpfung
Frägt man Leute nach Franz von Assisi, dann gehört die Vogelpredigt zu den Dingen, die man über Franziskus weiß. Das ist doch der, der zu den Vögeln gepredigt hat. Thomas von Celano, der wohl wichtigste Biograf, berichtet von dieser Begebenheit:
Während sich inzwischen, wie erwähnt wurde, viele den Brüdern beigesellten, zog der hochselige Vater Franziskus durchs Spoletotal. Er wandte sich einem in der Nähe von Bevagna gelegenen Ort zu. Dort war eine überaus große Schar von Vögeln verschiedener Arten versammelt, Tauben, kleine Krähen und andere, die im Volksmund Dohlen heißen. Als der hochselige Diener Gottes Franziskus sie erblickte, ließ er seine Gefährten auf dem Wege zurück und lief rasch auf die Vögel zu. War er doch ein Mann mit einem überschäumenden Herzen, das sogar den niederen und unvernünftigen Geschöpfen in hohem Grade innige und zärtliche Liebe entgegenbrachte. Als er schon ziemlich nahe bei den Vögeln war und sah, daß sie ihn erwarteten, grüßte er sie in gewohnter Weise. Nicht wenig aber staunte er, daß die Vögel nicht wie gewöhnlich auf- und davonflogen. Ungeheure Freude erfüllte ihn, und er bat sie demütig, sie sollten doch das Wort Gottes hören. Und zu dem Vielen, das er zu ihnen sprach, fügte er auch folgendes bei: "Meine Brüder Vögel! Gar sehr müßt ihr euren Schöpfer loben und ihn stets lieben; er hat euch Gefieder zum Gewand, Fittiche zum Fluge und was immer ihr nötig habt, gegeben. Vornehm machte euch Gott unter seinen Geschöpfen, und in der reinen Luft bereitete er euch eure Wohnung. Denn weder säet noch erntet ihr, und doch schützt und leitet er euch, ohne daß ihr euch um etwas zu kümmern braucht." Bei diesen Worten jubelten jene Vögel, wie er selbst und die bei ihm befindlichen Brüder erzählten, in ihrer Art  wunderbarerweise auf und fingen an die Hälse zu strecken, die Flügel auszubreiten, die Schnäbel zu öffnen und auf ihn hinzublicken. Er aber wandelte in ihrer Mitte auf und ab, wobei sein Habit ihnen über Kopf und Körper streifte. Schließlich segnete er sie und, nachdem er das Kreuz über sie gezeichnet hatte, gab er ihnen die Erlaubnis, irgendwo anders hinzufliegen.
Dieser Text mag stellvertretend stehen für eine Reihe weiterer Stellen in den franziskanischen Quellen, die auf die Beziehung des Franziskus zu den Tieren und zur gesamten Natur hinweisen. Seien es hier die Vögel unterschiedlicher Art, seinen es im folgenden Abschnitt eine Gruppe Schwalben, seinen es ein Hase oder der bekannte Wolf von Gubbio, sei es eine Grille, sie alle spricht Franziskus auf dieselbe Weise an. Er nennt sie Schwestern und Brüder. Das ist für Franziskus nicht nur eine spielerische Formulierung. Sie drückt vielmehr die Beziehung aus, in der er sich zu den Geschöpfen stehen sieht. Tiere und Pflanzen sind für Franziskus Geschwister, denn sie sind wie der Mensch auch Geschöpfe Gottes und haben damit den gleichen Vater im Himmel. Bereits hier begegnen wir einer Grundhaltung, einem Grundverständnis franziskanischer Denkart. Die gesamte Schöpfung ist in ihrem Schöpfer zu einer Schöpfungsfamilie verbunden.
Das Bild von der Familie passt bei Franziskus auf seine Beziehung zur gesamten Schöpfung. Deshalb spricht er von seinen Schwestern und Brüdern und meint das ernst. Der Mensch steht zu jedem Geschöpf in einem geschwisterlichen Verhältnis. Damit trägt er natürlich auch eine gewisse Verantwortung für die Schöpfung, aus der er sich nicht herausnehmen kann. Im Normalfall werde ich meinem Bruder beistehen, wenn der in Not gerät. So gesehen muss mir das Wohl der Schöpfung allein schon deshalb ein Anliegen sein, weil ich mich ihr eng verbunden weiß. Die Motivation für entsprechendes Denken und Handeln kommt von unserem gemeinsamen Ursprung her, dem Schöpfer der Welt.
Hier noch einige Beispiele, die die Beziehung des Franziskus zur Schöpfung plastisch werden lassen:
•    Wenn Franziskus seine Hände wusch, dann wählte er den Ort so, daß er das Wasser nicht mit Füßen treten mußte, diese nützliche, demütige, kostbare, keusche Schwester.
•    Auf Felsen ging er nur mit leisen Sohlen, aus Liebe zu Jesus, der in der Bibel "Fels" genannt wird.
•    Wenn Brüder zum Holzfällen gingen, wies Franziskus sie an, die Bäume zu schonen und nur einen Teil abzuholzen oder ein Stück des Stumpfes stehen zu lassen, damit der Baum noch Hoffnung haben und neu ausschlagen könne.
•    Dem Gärtner empfahl er, nicht die ganze Erde in Kulturland zu verwandeln, sondern ein gutes Stück Wiesenland zu lassen, damit Kräuter und Blumen wild wachsen können. Er kannte keine "Unkräuter", sondern nur Nutz- und Wildkräuter.
•    Mit Leuchten, Fackeln und Kerzen ging er vorsichtig um; denn er wollte mit seiner Hand nicht ihren Glanz trüben, der ein Schimmer des ewigen Lichtes ist.
•    Würmer hob er von der Straße weg, damit sie nicht zertreten würden, besonders weil sie ihn an Christus erinnerten, von dem der Psalmist vorhergesagt hatte, er würde betrachtet wie ein Wurm und kein Mensch, der Leute Spott und des Volkes Verachtung.
•    Bienen setzte Franziskus Honig hin oder vom besten Wein, damit sie in der Kälte des Winters nicht umkämen.
•    Schafe, die man zum Schlächter brachte, kaufte er los, um sie vom Tod zu erretten.
•    Unter den Tierarten war er mit besonderer Liebe den Lämmlein zugetan, weil die Demut unseres Herrn Jesus Christus in der Heiligen Schrift häufig mit der eines Lammes verglichen wird.
Von der Beziehung, die Franziskus dem Feuer gegenüber hatte, wird eine Reihe von Anekdoten erzählt. Bevor der Arzt seine Augenkrankheit mit einem glühenden Eisen behandelte, sagte er: "Mein Bruder Feuer, unter vielen Geschöpfen, die der Herr schuf, bist du vornehm und nützlich. So sei mir in dieser Stunde gewogen, sei höflich, wie ein rechter Edelmann, denn schon immer habe ich dich geliebt und liebe dich auch jetzt noch mit der Liebe, mit der Gott dich geschaffen hat. Ich bitte den Schöpfer, der dich gemacht hat, daß er deine Hitze mäßige und ich sie ertragen kann“. Und nachdem er gebetet hatte, machte er ein Kreuzzeichen über das Feuer.
Als Franziskus einmal unachtsam war und das Feuer seine Beinkleider ergriff, sagte er zu einem Bruder, der aufsprang, um das Feuer zu löschen: "Geliebtester Bruder, tu dem Feuer nicht weh!" Ein anderes Mal weigerte sich Franziskus, mitzuhelfen, ein Feuer zu löschen, das seine Zelle verzehrte. Ja, er hatte sogar ein schlechtes Gewissen, weil er ein Fell aus der brennenden Zelle rettete, statt es dem Feuer zu gönnen. Ein brennendes Holzscheit durfte nicht auf den Boden geworfen werden. Ganz behutsam sollte man es hinlegen, aus Ehrfurcht Gott gegenüber, dessen Geschöpf das Feuer ist.
Thomas von Celano sagt denn auch:
"Er, Franziskus, nannte alle Geschöpfe ‘Bruder’ und ‘Schwester’ und erfaßte in einer einzigartigen und für andere ungewohnten Weise mit dem scharfen Blick seines Herzens die Geheimnisse der Geschöpfe; war er doch schon zur Freiheit der Kinder Gottes gelangt".
Was kann es nun konkret bedeuten, den Geschöpfen Bruder, Schwester zu sein? Nehmen wir als Denkanstoß den Sonnengesang des Franziskus, indem er auch die Elemente als Brüder und Schwestern sieht. Wir können beispielhaft einige Elemente herausgreifen.
Im Sonnengesang fordert Franziskus Bruder Wind auf, Gott zu preisen. Wenn wir den Wind als unseren Bruder sehen, dann erfahren wir zwar seine Kraft und Stärke, wir verstehen es auch seine Kraft für unsere Zwecke zu nützen, wir achten aber auch darauf, dass der Wind und die Luft ihre Reinheit bewahren. Denken wir einmal an unseren Bruder Wind, wenn wir das nächste Mal entscheiden, ob wir mit dem Fahrrad oder dem PKW die wenigen Meter zum Einkaufen fahren. Dieses Beispiel mag einfach klingen, es zeigt aber, wie schnell geschwisterliches Denken in den Alltag hinein wirken kann. Parallel können wir uns einmal genauer überlegen, wie wir mit Schwester Wasser umgehen und wie wertvoll uns Schwester Erde wirklich ist, um nur auf weitere Möglichkeiten unseres Nachdenkens hinzuweisen.
Der Gedanke an einen geschwisterlichen Umgang mit der Natur soll allerdings nur der Vollständigkeit halber an den Anfang unserer Überlegungen gestellt sein. Wichtiger ist die Frage nach dem Bruder-/Schwestersein, wenn wir auf die Menschen selbst schauen.
Dazu eine Geschichte aus den Fioretti, die sowohl als Tier- als auch als Menschengeschichte gelesen werden kann.
Gubbio, eine Stadt in Umbrien, wurde einmal von einer schrecklichen Angst befallen. Draußen in den Wäldern hauste ein böser Wolf, vor dem nichts sicher war. Schon viele Tiere und Menschen hatte er zu Tode gerissen, so daß man hohe Mauern errichtete und die Tore dicht machte. Niemand getraute sich mehr hinaus, alles starrte von Waffen. Eines Tages kam Franziskus in die Stadt. Er wunderte sich sehr über die Angst der Menschen. Er erkannte, daß nicht der Wolf allein schuld daran sein konnte. Da gab es zutiefst in der Seele der Menschen einen Grund, der ebenso böse war, wie es der Wolf dem Anschein nach war.
Nun bot Franziskus seine Hilfe an: Er wollte ganz alleine und völlig unbewaffnet, aber erfüllt mit Wohlwollen und Zuneigung dem Wolf entgegengehen - in der Kraft des Kreuzes, wie er den Leuten sagte. Tatsächlich kam der Wolf zunächst zähnefletschend auf ihn zu. Als er jedoch das gute Herz des Franziskus sah und hörte, wie er als Bruder angesprochen wurde, blieb er erstaunt stehen. Mit großen Augen sah er, wie dieser Mensch ihn gütig anblickte. Da verlor er alle Bosheit. Er legte seine Pfote in die offene Hand des heiligen Franziskus. Mit dem Versprechen, nie mehr einen Menschen oder ein Tier anzufallen, ging er mit Franziskus in die Stadt. Auch die Bürger legten ihre Bosheit ab und nannten den Wolf Bruder. Sie sorgten für ihn jeden Tag. Und als er dann schließlich vor Altersschwäche starb, war die ganze Stadt in Trauer.
Diese Geschichte schlägt den Bogen vom geschwisterlichen Umgang mit den Geschöpfen zum geschwisterlichen Umgang mit den Menschen, was meiner Meinung nach die schwierigere Übung sein dürfte.
Fremder
Angestoßen durch die Geschichte vom Wolf von Gubbio möchte ich nun zuerst auf die Beziehung zum Fremden eingehen. Zu den aktuellen Auseinandersetzungen mit der Rede von Papst Benedikt in Regensburg passt der Bericht der Begegnung des Franz mit Sultan Melek el-Kamil.
Bonaventura berichtet:
In Begleitung des Bruders Illuminatus, eines Mannes von Erleuchtung und Tugend, machte er sich auf den Weg. Als sie ihres Weges zogen, stießen sie auf sarazenische Soldaten. Sie behandelten sie mit Grausamkeit und Verachtung, stießen Schimpfworte gegen sie aus, versetzten ihnen Schläge und schlugen sie in Fesseln. Unter vielen Stößen und Schlägen schleppten die Soldaten sie schließlich  zum Sultan, wie es Franziskus gewünscht hatte. Jener Fürst fragte sie, wer sie gesandt habe, was der Zweck ihres Kommens sei und wie sie dorthin gelangt seien. Da gab der Diener Christi Franziskus freimütig zur Antwort, nicht Menschen, sondern der höchste Gott habe sie gesandt, damit er ihm und seinem Volke den Weg des Heiles zeige und das wahre Evangelium verkünde. Dann predigte er dem Sultan mit solcher Unerschrockenheit, Geisteskraft und Begeisterung den einen, dreifaltigen Gott und den Erlöser aller Menschen Jesus Christus, daß in Wahrheit an ihm das Wort des Evangeliums erfüllt schien: "Ich werde euch Beredsamkeit und Weisheit verleihen, der alle eure Gegner nicht zu widerstehen und zu widersprechen vermögen." Denn auch der Sultan sah die wunderbare Glut und Kraft des Geistes bei dem Gottesmann; er hörte ihn gern an und bat ihn inständig, bei ihm zu bleiben. Von Gott erleuchtet, gab jedoch der Diener Christi zur Antwort: "Wenn du dich mit deinem Volke zu Christus bekehren willst, will ich aus Liebe zu ihm gern bei euch bleiben. Solltest du aber Bedenken tragen, für den Glauben an Christus das Gesetz des Mohammed zu verlassen, dann laß ein großes Feuer anzünden; dann werde ich mit deinen Priestern ins Feuer hineingehen, damit du wenigstens dadurch erkennen mögest, welchen Glauben du mit Recht annehmen mußt, weil er größere Sicherheit und Heiligkeit besitzt." Da erwiderte der Sultan: "Ich glaube nicht, daß sich einer meiner Priester bereit findet, sich zur Verteidigung seines Glaubens ins Feuer zu begeben oder irgendeine Qual auf sich zu nehmen"; hatte er doch bemerkt, wie sich einer von seinen Priestern, ein Mann von hohem Ansehen und Alter, bei diesen Worten des Heiligen aus dem Staube machte. Darum sagte der Heilige: "Versprichst du mir für dich und dein Volk, du werdest den Glauben an Christus annehmen, wenn ich unversehrt durchs Feuer gehe, dann will ich allein hineingehen. Werde ich verbrannt, dann rechne dies meinen Sünden an; beschützt mich aber Gottes Macht, dann erkennt, daß Christus, Gottes Kraft und Weisheit, wahrhaft Gott und Herr, der Erlöser aller Menschen ist"! Der Sultan erwiderte, er wage nicht, eine solche Probe anzunehmen, denn er fürchtete einen Aufruhr seines Volkes. Doch bot er Franziskus viele kostbare Geschenke an, die der Gottesmann aber alle wie Kot verachtete, denn ihn verlangte nicht nach irdischem Reichtum, sondern nach dem Heil der Seelen. Da wunderte sich der Sultan sehr und brachte ihm noch größere Achtung entgegen, sah er doch, wie dieser Heilige alle irdischen Güter gänzlich verachtete. Er wollte zwar nicht den christlichen Glauben annehmen oder wagte es vielleicht nicht; doch bat er den Diener Christi inständig, er möge zum Heil seiner Seele diese Gaben nehmen und für die christlichen Armen oder die Kirchen verwenden. Weil aber Franziskus alles Geld wie eine Last mied und erkannte, daß das Samenkorn des wahren Glaubens im Herzen des Sultans keine Wurzel fassen konnte' schlug er dies Anerbieten aus.
Soweit der Bericht des Biografen. Es ist der dritte Versuch des Franziskus, ins Heilige Land zu gelangen. Die ersten beiden Versuche waren aus unterschiedlichen Gründen gescheitert. Doch nun ist er am Ziel. Allerdings führt der Weg zum Sultan über eine Negativerfahrung. Ein Kreuzfahrerheer belagert Damiette und muss eine leidvolle Niederlage hinnehmen. Während dem nun geschlossenen Waffenstillstand macht sich Franziskus in das Lager der Feinde auf und es gelingt ihm, zum Sultan vorzudringen. Den nötigen Mut fasst der Minderbruder aus dem Vertrauen in seinen Gott. Dieses Vertrauen wird durch einen humanen und aufgeklärten Sultan Melek el-Kamil belohnt, der ihm aufmerksam zuhört. Zwei Menschen begegnen sich, die beide geprägt sind durch den Glauben an Gott. Beide werden bei aller eigenen Überzeugung durch die Ehrfurcht vor dem Menschen mit seinem Glauben und seiner Überzeugung geprägt. Franziskus und der Sultan begegnen sich wirklich als Brüder. Sowohl Franziskus als auch Melek el-Kamil bleiben ihrem Glauben treu, das hindert sie jedoch nicht, den Andersgläubigen zu respektieren. Wenig später wird es übrigens Kaiser Friedrich II. sein, der mit demselben Sultan verhandelt und dabei einen Zugang zu den Heiligen Stätten der Christen im Heiligen Land erreicht, ein Erfolg, den keiner der grausamen Kreuzzüge erreicht hat.
Dem Fremden, dem Andersgläubigen Bruder sein, verlangt zuerst die Gewissheit des eigenen Standpunktes. Franziskus weiß, was er glaubt. Das ist jedoch nicht nur ein Kopfwissen, es ist Lebensinhalt. Weil Franziskus von seinem Gott und von seinem Glauben überzeugt ist, muss er die intelektuelle Auseinandersetzung mit dem Sultan nicht scheuen. Aus dem gleichen Glauben heraus kann Franziskus im Sultan den Bruder sehen, dem er auf derselben Ebene begegnet. Er sieht im Sultan den Menschen, der seinen Ursprung wie er in Gott hat. Für Franziskus besteht kein Zweifel, dass sie Söhne des einen Vaters sind und deshalb Brüder. Mit einem Bruder kann man dann von Mensch zu Mensch reden. Die Basis ist der gegenseitige Respekt vor dem Menschsein des Anderen.
Zwei Punkte scheinen mir wichtig zu sein, um dem Fremden als Bruder begegnen zu können. Der erste ist die Gewissheit um den eigenen Standpunkt, den eigenen Glauben, die eigene Überzeugung.
Gerade in der Auseinandersetzung mit fremden Religionen zeigt sich, wie stark wir wirklich in der eigenen Tradition verwurzelt sind. Die Reaktionen auf die Rede des Papstes passen in dieses Bild. Interessanterweise reagieren gerade die Vertreter des Islam mit Entsetzen, die eine intellektuelle Auseinandersetzung scheuen und eine Verbreitung des Islam mit Gewalt fördern wollen. Sie antworten auf die Worte Benedikts mit Parolen, die allerdings keine vernunftmäßige Begegnung zulassen. Ähnliches erleben wir in unserer Glaubensgemeinschaft, wenn verschiedene Ausprägungen des Christentums aufeinandertreffen. Solange wir uns unserer Position sicher sind, können wir uns gut mit dem anderen unterhalten und um die Wahrheit ringen. Wenn wir aber um unsere eigene Position zittern, beginnen wir uns mit Waffen zu verteidigen, indem wir uns hinter plakative Formeln zurückziehen und hinter Traditionen verstecken, die allein durch ihr Alter legitimiert sind. Wir scheuen die direkte Auseinandersetzung und schrecken vor Gewalt nicht zurück, ich denke hier an verbale Gewalt. Wie wir wissen, ist Gewalt immer Zeichen fehlender Argumente.
Unser erster Schritt muss es also sein, Gewissheit über unseren eigenen Standpunkt zu gewinnen. Dazu braucht es die entsprechende Auseinandersetzung mit den Wurzeln und Grundlagen unserer Überzeugung. In Glaubensdingen müssen wir dazu die schützende Schale des Gewohnten verlassen und uns den Fragen stellen, die das Leben an unseren Glauben stellt. Die Auseinandersetzung mit unseren eigenen Fragen führt uns zu Antworten, hinter denen wir dann wirklich stehen können. Mit dieser Kraft im Rücken, können wir es wagen, auch mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die uns erstmal fremd sind. Vor dem Fremden Angst zu haben, ist unnötig. Damit vergebe ich  mir nur wichtige Chancen.
Franziskus hat um seinen Glauben gerungen. Es war ein anstrengender Weg, der ihn zum überzeugten Christen werden ließ. Teil dieser Überzeugung ist der Glaube daran, dass alle Geschöpfe und damit alle Menschen untereinander Geschwister sind. Dieser Glaube ist Ergebnis einer religiösen Entwicklung, die ihn wirklich Christ werden ließ. Als überzeugter Christ sieht er auch im Sultan den Bruder. Damit kann er ihm auf der gleichen Ebene begegnen ohne Angst, ihm zu unterliegen, und ohne den Hochmut, ihm überlegen zu sein.
Im Fremden den gleichberechtigten und gleichwertigen Menschen sehen, ist der zweite Schritt, den wir gehen müssen. Dieser Schritt scheint leichter zu sein, als er dann wirklich ist. In wieviel Begegnungen haben wir das Gefühl, dass der Andere stärker ist als wir? Und andersherum gesehen, wie oft erfüllt uns leichter Hochmut, weil wir uns unserer Überlegenheit sicher sind. Beide Haltungen verhindern, dass wir im Anderen wirklich unseren Bruder sehen können.
Was heißt nun in der Begegnung mit dem Fremden, dem Andersgläubigen, ihm ein Bruder zu sein? Nachdem wir uns unserer eigenen Überzeugung gewiss geworden sind und unsere Angst und unsere Überheblichkeit abgelegt haben, können wir dem fremden Bruder begegnen. Dazu müssen wir ihn in seiner Eigenart akzeptieren und respektieren, dass er anders denkt als wir. Wir müssen uns selbst bewusst sein, dass wir von unserem Bruder etwas lernen können, ihn also hören und zu verstehen suchen. Dem Anderen Bruder sein bedeutet für uns schließlich, den fremden Bruder in seiner Eigenheit in unsere Gesellschaft aufzunehmen und uns darum bemühen, ihm einen Platz einzuräumen, der ihm entspricht. Anders gesagt, wir müssen ihn in unsere Gemeinschaft integrieren. Wenn jetzt jemand einwendet, und wenn er gar nicht will? Ich denke, der Mensch will sich integrieren. Er leidet unter Beziehungen, die nicht durchlässig sind. Die Schwellen, sei es Sprache, sei es Verhalten, müssen allerdings gemeinsam abgebaut werden. Dann erst gelingt Integration.
Benachteiligter
Auf einen zweiten Bereich der BEgegnung mit Menschen möchte ich nun eingehen. Der geschwisterliche Umgang mit Fremden ist zwar schwer, weil wir hier die Schwelle der Angst vor dem Unbekannten und Ungewohnten überwinden müssen, doch gibt es auch eine andere Schwelle, die uns hindert, Menschen als unsere Schwestern und Brüder anzunehmen. Hier sind es soziale Schranken, die uns an einem Geschwisterlichen Umgang hindern. Armut und Krankheit setzen uns oft mehr zu, als wir es uns eingestehen wollen. Schon der Besuch von kranken Familienangehörigen kann uns schwer fallen. Schlimmer ist es noch, wenn wir mit der Situation von Menschen konfrontiert werden, die mit Behinderungen leben müssen, die Krankheiten haben, die uns abstoßen, oder die durch materielle Not gezeichnet sind. Für Franziskus sind auch diese Menschen seine Brüder und er begegnet ihnen mit entsprechender Hochachtung. Warum? Celano überliefert uns eine Begebenheit, die die Haltung des Franziskus deutlich macht.
Ein andermal, als Franziskus von Siena zurückkehrte, begegnete ihm wiederum ein Armer. Da sagte der Heilige zu seinem Gefährten: "Es gehört sich, Bruder, daß wir unseren Mantel diesem Armen zurückerstatten, dem er gehört. Leihweise nur haben wir ihn bekommen, bis es uns glückt, einen zu treffen, der ärmer ist als wir." Der Gefährte erwog, wie notwendig ihn der fromme Vater brauche, und er suchte sich hartnäckig dagegen zu wehren, daß er selbstvergessen für einen anderen sorge. Darauf erwiderte der Heilige: "Ich will kein Dieb sein; als Diebstahl würde es uns angerechnet, wenn wir ihn nicht dem noch Dürftigeren gäben." Da gab jener nach; der Heilige reichte den Mantel hin.
Vielleicht wundern wir uns über die Haltung des Franziskus. Für ihn ist klar und das wird hier deutlich, dass jeder Mensch seinem Bruder verantwortlich ist. Bei dieser Aussage fallen uns vielleicht noch der eine oder andere Arbeitgeber ein, der Menschen auf die Straße gesetzt hat. Für Franz geht die Verantwortung weiter. Er prüft in jeder Begegnung, ob er seiner Verantwortung gegenüber dem Menschen in Not gerecht wird.
Der Mensch ist seinem Bruder verantwortlich. Wer würde wie Franziskus auf die Idee kommen, die Not des Anderen könnte seine Ursache im eigenen Verhalten haben? Dieser Gedanke kommt nur auf, wenn wir die innere Beziehung sehen, die alle Menschen miteinander verbindet. Sehe ich den anderen Menschen als meinen Bruder an, dann darf mich seine Not nicht unberührt lassen. Ich muss mich fragen, inwieweit ich seiner Not abhelfen kann. Im muss mich auch fragen lassen, ob mein Verhalten die Not des Anderen auslöst.
Was Franziskus hier bewegt, ist mehr als nur Mitleid. Es ist Solidarität in einer Weise, die um die innere Verbundenheit weiß, die alle Menschen verbindet. Geschwisterlichkeit erfährt die Not des Anderen als eigene Not. Wenn in einer Familie ein Mitglied Not leidet, dann wird der Rest der Familie darum bemüht sein, dieser Not nach Kräften abzuhelfen, ohne dabei auf eigene Vorteile zu schielen. Es geht um das Wohl der ganzen Familie. Franziskus leidet mit jedem Bruder in gleicher Weise mit. Ihm geht es dabei auch um das Wohl der Familie, nämlich der Familie der Kinder Gottes. Entsprechend reagiert er auf die Not des Anderen.
Dieser Gedanke steht übrigens hinter einem christlichen Verständnis von Globalisierung. Während die Wirtschaft hier meist nur die Möglichkeiten des Warenaustausches sieht und dabei auf den eigenen Gewinn bedacht ist, bedeutet christliche Sichtweise von Globalisierung das Wissen um die Verwobenheit der Menschen in aller Welt. Es muss mir in Europa bewusst sein, dass mein Verhalten nicht nur Auswirkungen auf Menschen in Deutschland hat, sondern sich fortsetzt in die ganze Welt. Fairhandelsbewegungen versuchen diesen Aspekt der Globalisierung zum Thema zu machen und den allgemeinen ökonomischen Tendenzen etwas entgegenzusetzen.
Soziale Not ist eine Schwelle, die es zu überwinden gilt, wenn wir dem Anderen Bruder sein wollen. Eine andere Schwelle ist Krankheit. Wie gehen wir mit einem Menschen mit Behinderung um? Wie begegnen wir einem Sterbenskranken und was tun wir, wenn wir uns vor einem Menschen ganz einfach ekeln? Alles Schwellen, die es zu überwinden gilt, wenn wir den Anderen als unseren Bruder sehen wollen.
In die Reihe der Berufungserfahrungen des Franz von Assisi gehört auch die Begegnung mit einem Aussätzigen. Für Franziskus ist diese Begegnung so bedeutsam, dass er sie in sein Testament einfügt. Das geschieht? Auf dem Weg nach Assisi begegnet Franziskus einem Mann, der vom Aussatz gezeichnet ist. Zuerst will er vorbeigehen. Doch dann bleibt Franziskus stehen. Er nimmt den Aussätzigen in den Arm. Franziskus überwindet seinen Ekel und wendet sich dem Kranken als Bruder zu.
Menschen, die durch Auffälligkeiten gezeichnet sind, leiden oft am meisten darunter, dass sie als anormal gesehen und behandelt werden. Am liebsten wäre es diesen Menschen, man würde sie nicht beachten. Sie möchten als normal angesehen werden. Als Franziskus den Aussätzigen umarmt, da beginnt er in ihm nicht mehr den Kranken zu sehen, sondern den Menschen, der Beachtung verdient. Durch die liebevolle Zuwendung erfährt sich der Kranke hinter der Maske seines Aussatzes als Mensch wahrgenommen. Darum geht es Franziskus. Franziskus weiß um den Wert und die Würde, die jeder Mensch von Gott hat. Auf Grund dieser Würde hat jeder Mensch Anspruch auf eine entsprechende Behandlung. Jeder Mensch ist als Geschöpf Gottes dessen Ebenbild und dazu mit Anteil an Gottes Würde ausgestattet. Diese göttliche Würde ist unverlierbar. Als Bruder begegne ich dem Menschen dann, wenn ich ihn mit seiner Würde sehe, die ihn mir gleichstellt, egal ob er mir fremd ist oder ich mich vom ihm ekle.
Abschließende Bemerkungen
Was, dem soll ich Bruder sein? Um wirklich jedem Menschen Bruder oder Schwester sein zu können, müssen wir einem weiten Weg gehen. Ohne entsprechende Motivation ist dieser Weg nicht zu gehen. Motiviert sind wir durch den Gedanken, dass alle Menschen Geschöpfe Gottes sind. Weil Gott unser aller Vater ist, sind uns alle Menschen Schwestern und Brüder. Das ist Inhalt christlicher Botschaft. Franziskus hat diesen Gedanken ernst genommen und zur Grundlage seines Lebens gemacht. Deshalb konnte er in jedem Geschöpf und damit in jedem Menschen seine Schwester und seinen Bruder sehen.
Meinem Mitmenschen Bruder sein heißt, in ihm das Gute sehen, dass er von Gottes erhalten hat. Ich sehe in ihm den guten Willen, der hinter seinem Denken steht. Ich erkenne Ihn als Menschen, der Wert und Würde hat. Jeder Mensch ist Gottes Geschöpf und deshalb wichtig. Jeder Mensch hat eine Eigenschaft, hat ein Wissen, wo ich von ihm lernen kann. Den Menschen Bruder sein heißt, ich bemühe mich das in ihm zu entdecken, was er gut kann und ich lerne ihn dafür schätzen. Jeder von uns ist wertvoll, weil er von Gott gewollt ist und weil er seine Eigenheit in unsre Gemeinschaft einbringen kann.
Jedem Menschen Bruder sein, führt uns Menschen dazu, dass wir in Frieden leben. Franziskus war in seiner Zeit dafür bekannt, dass er Frieden stiftete. Er predigte den Menschen, dass sie Schwestern und Brüder seien und deshalb füreinander verantwortlich. Wenn wir unserem Mitmenschen Schwester oder Bruder sind, dann beginnen wir ihn anzunehmen wie er ist. Wir fangen an, ihn als Menschen zu sehen, mit dem wir gut zusammenleben können. Wir fangen an, ihn zu respektieren. Das ist der Weg, der zum Frieden führt. Je mehr Menschen einander wirklich als Schwestern und Brüder sehen, desto mehr werden sie in Frieden miteinander leben.
Vor einigen Monaten wurde in einem Leserbrief als Reaktion auf meine Augustkolumne der Vorwurf erhoben, ich würde keine Antwort geben auf die Anfrage durch die Gewalt, wie wir sie gerade in der Welt erleben. Die Antwort war in meiner Kolumne zu lesen, wenn man sie sehen wollte. Menschen werden nur dann zum Frieden finden, wenn sie den Weg des Respektes vor der Würde und Eigenständigkeit des Anderen gehen – das heißt, ihn wirklich als Bruder annehmen. Dieser Weg ist der einzige Weg zum Frieden – auch für die Mächtigen der Welt. Wie trügerisch der mit Gewalt erzwungene Friede ist, zeigt uns die Geschichte überdeutlich.