Renovierung


Es gibt viele Bilder, die Franziskus darstellen und sein Leben über die Zeiten hinweg bekannt gehalten haben. Am bekanntesten ist der Heilige des heutigen Tages sicher durch seine Liebe zur Natur. Wer hat nicht schon eine Version des Sonnengesangs gesungen oder gehört. Vor einigen Jahren wurde Laudato si sogar zum Ballermannschlager. Oder wer weiß nicht, dass Franziskus den Vögeln gepredigt haben soll. Viele Geschichten und Legenden drehen sich um diese Seite des Heiligen aus Assisi. Darum passt es, wenn wir am heutigen Tag auch den Erntedanksonntag feiern.

Ein anderes Bild ist die Erzählung vom Traum des PP Innozenz III., der Franziskus die große Lateranbasilika stützen sieht. Für diesen mächtigen Mann muss es ein überraschender Traum gewesen sein, noch dazu dass eben dieser kleine schmächtige Nicht-Theologe es sein soll, der die Kirche stützt und rettet. Gerade hatte das IV. Laterankonzil wichtige Reformen beschlossen, die eine Krise in der Kirche bereinigen sollte. Mit Predigt, Sakramenten und Formen der Buße sollte in den Gläubigen die Freude an und Begeisterung für Christus neu entfacht werden. Da ist es dieser kleine arme Mann aus Mittelitalien, der noch dazu keine Ahnung von der hohen Theologie hat, der die Kirche stützt und erneuert, das heißt latinisiert: renoviert.

Wenn wir von Renovierung sprechen, dann geht es um die Bewahrung und den Schutz des Traditionellen vor Zerstörung. Vieles wird etwas ausgebessert und bekommt einen neuen Anstrich, damit es dann wieder schön aussieht und etwas hermacht. Letztendlich wird das alte erhalten. So gedacht erweist sich der Traum des Papstes als trügerisch. Franziskus wird die Kirche stützen, indem er sie erneuert, jedoch nicht durch die Erneuerung kirchlicher Strukturen sondern durch die Rückkehr zum Evangelium. Auf diesem Weg findet dieser kleine Mann zu einem tiefen Gottvertrauen, das ohne menschliche Gesetze auskommt und in die Freiheit des Evangeliums führt.

Franz von Assisi entdeckt die Freiheit des Evangeliums. Als er die Worte der Heiligen Schrift hört und liest, gibt es keine theologischen Kommentare, die seinen Blick färben. Auch seine Gedanken sind frei von jeder Trübung, denn Franz will nur eines, Gottes Wort für sich hören und seine Kraft für sich entdecken, um so zu erkennen, wie sein Weg in dieser Welt gelingen kann. Es ist ein unbelasteter klarer Blick, der die Worte des Evangeliums aufnimmt und diese Worte treffen auf einen offenen Geist. Es ist eine neue Art, das Evangelium zu lesen. Bisher stand das Studium der Schrift unter dem Vorzeichen, die Wahrheit zu verkünden, allerdings eine Wahrheit, die sich an den Vorgaben der kirchlichen Hierarchie zu orientieren hatte. Dazu halfen Kommentare, die dem Leser erklärten, wie er die Evangelien zu verstehen habe. Franziskus hört nur das Wort selbst. Er liest es mit seinem Herzen. Deshalb erkennt die Freiheit und Kraft, die in den Worten Jesu stecken. Diese Botschaft macht ihn frei und er beginnt die Kirche aus dieser Freiheit heraus zu erneuern. Es ist nicht die Kirche der Fürsten, die hier gestützt wird, es ist die Kirche Jesu, die sich einst auf das Evangelium gegründet hat.

Wenn Franziskus als Liebhaber der Natur mit seinem Herz für die Schöpfung verehrt wird, dann hat diese Schöpfungsliebe ihren Ursprung im unverstellten Blick für Gottes Wort. Franz entdeckt in den Worten des Evangeliums das Verbindende zwischen allen Menschen und zwischen Mensch und Schöpfung. Gott wird ihm verständlich als Vater und Schöpfer der ganzen Welt. Damit ist eine Verbindung hergestellt zu allen Geschöpfen und damit verbunden auch eine Verantwortung. Und Franz versteht Jesus als Gottes Sohn, der Menschen jeder Couleur als Schwestern und Brüdern sieht. Diese Wahrheit war in der mittelalterlichen Welt des oben und unten verloren gegangen.

Wenn Franziskus begonnen hat, die Kirche zu stützen und zu erneuern, dann weil er diese alte Wahrheit der geschwisterlichen Beziehung zwischen allen Menschen wieder entdeckt und auf alle Geschöpfe ausgeweitet hat. Mit Franziskus erhält das Modell der urchristlichen Gemeinschaft wieder Aktualität. Die Geschwisterlichkeit der ersten Christen wird erlebbar im Umgang des Franziskus mit den Menschen seiner Welt und mit allen Geschöpfen.

Franziskus ist bis heute einer der populärsten Heiligen. Sein Leben gerade in seiner radikalen Hinwendung zu den Menschen und zu allen Geschöpfen begeistert Millionen von Menschen in aller Welt und über die Grenzen der Religion hinweg. Gleichzeitig ist die Versuchung groß, abzuwinken, wenn es um die Möglichkeiten unseres eigenen Lebens geht, um unsere Beziehungen zu anderen Menschen und zur Schöpfung. Die Klagen über Umweltzerstörung und über Krieg und Unfrieden in unserer Zeit klingen uns allen in den Ohren. Doch was können wir schon tun? Wir sind doch an Regeln gebunden und Zwängen unterworfen. Ja dieser Franziskus, der lebte in einer ganz anderen Welt, der konnte eine Freiheit leben, die wir so nicht mehr haben. Wir haben schließlich Verpflichtungen, Familie, Freunde,

Wir sind in ein gesellschaftliches System eingebunden. Wir unterliegen den Vorstellungen unserer menschlichen Gemeinschaften und der Mensch hasst nichts mehr als Veränderungen. Die Sicherheit und Geborgenheit, die vom Gewohnten ausgeht, erweisen sich als erste Falle und Ausrede: unsere Bequemlichkeit. Es ist unbequem, bekannte und gewohnte Wege zu verlassen, um die Freiheit zu nützen, die uns in Wahrheit gegeben ist. Doch nur, wenn es immer wieder Menschen gibt, die ihre Bequemlichkeit überwinden, dann wird aus Klagen Veränderung und Erneuerung. Nur dann können wir unsere Welt erhalten, sei es die Schöpfung, sei es unsere Gesellschaft, sei es auch unsere Kirche.