Dumm gelaufen, könnte man sagen, da rackert sich der reiche Mann ab und als er dann auf die wohlverdienten Ergebnisse seines Lebens zurückgreifen könnte, macht ihm Gott einen Strich durch die Rechnung. Umsonst gelebt?

Umsonst gelebt, wenn volle Scheunen das einzige Ziel seines Lebens sind. Jesus sagt den Menschen auch, dass der Sinn des Lebens nicht darin besteht, im Überfluss zu leben. Es gibt andere Maßstäbe.

Der reiche Mann wird von Gott an die Grundregeln des Lebens erinnert. Das Leben ist Gabe Gottes. Gott gibt Leben und er nimmt es wieder zurück, so als wäre Leben nur von Gott geliehen. Wenn dem so ist, dann ist Leben und was der Mensch daraus macht, nicht beliebig verfügbar, sondern es gibt eine Instanz, wo der Mensch sich für seine Lebensgestaltung verantworten muss. Der Mensch hat mit seinem Leben eine Verantwortung übertragen bekommen. Er bleibt Gott für sein Leben verantwortlich.

Hinzu kommt eine zweite Dimension. Der Mensch hat sein Leben als Geschöpf von Gott erhalten und ist damit eingebunden in die Gemeinschaft aller Geschöpfe. Diese Beziehung birgt ebenfalls Verantwortung in sich. Wie in einer Familie die verschiedenen Menschen füreinander verantwortlich sind, so trägt der Mensch Verantwortung für alle Geschöpfe, damit auch für alle Menschen.

Wenn wir heute Erntedank feiern, dann zeigen wir damit, dass wir unserer Verantwortung Gott und den Menschen gegenüber verantwortlich sind. Beide Dimensionen sind in dieses Fest eingebunden.

Zuerst feiern wir unseren Dank für das, was unsere Mühe und Arbeit hervorgebracht hat. Dass wir jemanden danken zeigt dass wir wissen, wir können nicht alles allein, sondern wir haben jemanden, der mitmacht. Schließlich habe ich nur dann Grund zu danken, wenn ich etwas nicht aus eigener Kraft geschafft hätte. Wenn ich aber danke, dann weiß ich, es hat mich jemand in meinem Bemühen unterstützt.

Wenn wir heute Gott danken, dann ist es Dank für die Gabe des Lebens und für die Talente, mit denen er uns ausgestattet hat. Jeder von uns hat seine Fähigkeiten, seine Möglichkeiten, mit denen er sein Leben gestalten kann.

Zum Leben gehört auch die Erfahrung, dass wir manchmal vor einem großen Berg stehen und kaum Chancen sehen, wie wir die Aufgaben angehen sollen. Wenn wir aber dann anfangen, dann klappt es plötzlich. Uns kommen im richtigen Moment die richtigen Gedanken, jemand geht uns überraschend zur Hand oder wir entdecken in uns Fähigkeiten, die wir nie vermutet hätten,  und schließlich haben wir unsere Aufgabe gelöst. Auch hier spüren wir, dass jemand in unserem Leben mitdenkt, dass Gott mit hilft, damit unser Leben gelingt. Zur Erfahrung des Lebens gehört, dass der Mensch nicht alles machen kann, aber er kann das seine tun und das genügt.

Dank für das Gelingen unseres Bemühens ist die eine Ebene von Erntedank, die zweite Ebene lenkt den Blick auf unsere Verantwortung für andere Menschen. Der Mensch ist in eine Gemeinschaft eingebunden, sei es die Familie, sei es die Gemeinde, das Dorf, die Stadt, sei es die Gesellschaft, die Welt als ganze. Wir können nicht so tun, als würde uns unsere Umgebung nichts angehen. Wir sind eingebunden und tragen deshalb Verantwortung für unsere Umgebung. Der Erfolg unseres Wirkens muss uns aufmerksam machen für die Menschen, die um uns herum sind. Deshalb will uns das Fest Erntedank auch den Blick für Menschen schärfen, deren Leben aus unterschiedlichen Gründen weniger gelingt.

Franziskus sagt einmal zu einem Bruder, als sie einem Armen begegnen: „Es gehört sich, Bruder, daß wir unseren Mantel diesem Armen zurückerstatten, dem er gehört. Leihweise nur haben wir ihn bekommen, bis es uns glückt, einen zu treffen, der ärmer ist als wir. Ich will kein Dieb sein; als Diebstahl würde es uns angerechnet, wenn wir ihn nicht dem noch Dürftigeren gäben."

Der Gedanke des Franziskus klingt in unseren Ohren eigenartig. Darf ich das, was ich mir ehrlich verdient habe, nicht als das meine ansehen? Wir müssen uns kein schlechtes Gewissen machen, aber mit unserem Erfolg verbindet sich auch die Verantwortung für den Andern. Seine Not wird zur Anfrage an uns. Hier bekommt Leben einen anderen Sinn als  - um mit Jesus zu sprechen – Scheunen zu füllen. Gottes Reich kommt in den Blick, das Ziel der Schöpfung. Unser Leben ist Teil des Schöpfungsplanes Gottes und wir sollen mit unserem Leben zum Entstehen des Reiches Gottes beitragen. Wenn viele Menschen jeweils einen kleinen Beitrag zum Reich der Gerechtigkeit leisten, kann Gottes Reich entstehen.

Heute bitten wir Sie um eine Gabe für die Aktion Hand in Hand. Die Franziskaner im deutschsprachigen Raum haben vor einigen Jahren eine Hilfsaktion zur Unterstützung der kirchlichen Gemeinden in Osteuropa eingerichtet. Die dabei erhaltenen Spenden kommen in diesem Jahr Schulen, Internaten und Behindertenwerkstätten in Novosibirsk, Slowakei und Rumänien zugute.