Bist du denn ein König? Pilatus stellt Jesus diese Frage und bekommt eine ausweichende Antwort. Ist Jesus Christus ein König, so wie der vor Pilatus steht. Gefangen, in Fesseln, müde vom nächtlichen Verhör? Jesus passt so gar nicht in das Bild, das Menschen von einem König haben. Denken wir nur an die verbliebenen Königshäuser in Europa. Auch wenn wir es nicht mehr mit Machthabern zu tun haben, so strahlen die Königshäuser Würde und Hoheit aus. Denken wir an die vielen Könige und Prinzen, die gerade in der Karnevalszeit aus allen Ecken auftauchen. Sie strahlen Hoheit und Macht aus und regieren – sei es auch nur für eine Nacht. Ein König ist mächtig, er hat etwas zu sagen, er regiert.

Ein König, der in Allmacht regiert, dieser Gedanke mag uns kommen, wenn wir heute das Fest Christkönig feiern. Entsprechende Darstellungen kommen uns auch in den Sinn. Christus im Himmel thronend die Weltkugel in der einen und ein Zepter in der anderen Hand. Oder wir denken an Kreuzesdarstellungen, wo der Gekreuzigte thront und mit einer goldenen Krone gekrönt ist. Hier begegnet uns Christus als der Herrscher der Welt, der mit Macht und Herrlichkeit die Welt in Ordnung bringt. So eine Darstellung ließe sich leicht mit unseren Vorstellungen von Herrschaft verbinden. Hier könnten wir uns gut mit dem Gedanken einer Königsherrschaft einfinden.

Doch widerspricht uns das heutige Evangelium mit seinem Bild eines leidenden Menschen, der vor dem Machthaber der Welt steht. Pilatus, der Vertreter der römischen Weltherrschaft von führenden Juden unterstützt, begegnet dem Herrscher der Welt, dem alle Macht genommen ist. Der Machthaber begegnet dem Machtlosen, der Mächtige dem Ohnmächtigen. Verkehrte Welt, sollte es nicht anders sein?

Jesus antwortet dem Pilatus, ja ich bin ein König, doch mein Königtum nicht von dieser Welt. Die Antwort Jesu lässt sich auf verschiedene Weise verstehen. Sein Königtum ist nicht von dieser Welt kann heißen, dass es einfach in einer anderen Welt zu finden ist. Wenn wir von Christus als dem Himmelsherrscher reden und ihn thronend auf einem Himmelsthron darstellen, dann mögen wir in diese Richtung denken. Wenn wir Christus aber als den Leidenden am Kreuz vor Augen haben, dann erkennen wir, dass seine Art der Herrschaft nicht von dieser Welt ist. Jesus Christus sieht sein Königtum im Dienst der Menschen, was ihn schließlich in den Tod am Kreuz führt. Es ist eine andere Art des Königtums. Solch ein König ist nicht Beherrscher der Menschen. Er sieht vielmehr die Menschen, wie sie sind und stellt sich in ihren Dienst.

Als Gottes Sohn Mensch wird, tritt er nicht als der Allherrscher auf. Vielmehr will er den Weg des Menschseins gehen. Gott wird wirklich Mensch und fügt sich in dessen Schicksal. Dazu gehören auch Leiden und Tod. Mit seinem Weg ans Kreuz fängt Jesus auch die Menschen auf, die von allen missachtet sind. Die Folter, welche Menschen erdulden, wird zur Folter die Gottes Sohn erleidet. Ungerechte und menschenverachtende Verhöre werden zum nächtlichen Verhör Jesu. Die Zurschaustellung Misshandelter wird zur Zurschaustellung des misshandelten Christus. Das Leid der Menschen sogar ihr würdeloser Tod werden getragen von dem, der sich Gottes Sohn nennt und der König ist. Der Mensch darf sich so auch dann mit Gott verbunden wissen, wenn er sich selbst als würdelos erfährt.

Jesus Christus begegnet uns als ein ohnmächtiger König, einer, der jeder Würde beraubt scheint. Hinter seinem Königtum leuchtet eine Wahrheit auf, die menschlicher Vorstellung widerspricht. Es ist nicht Ziel des Menschen, schließlich über allen Menschen zu thronen. Vielmehr muss es unser Anliegen sein, die Achtung vor dem Menschen zu entdecken. Gerade wenn Menschen verachtet werden, wenn ihnen die menschliche Würde abgesprochen wird, gilt es diese Würde zu entdecken und zu achten. Im leidenden Christus wird der Welt gezeigt, dass auch der geschundene Mensch göttliche Würde in sich trägt, die ihm niemand absprechen darf.

Nun können wir auf die Suche gehen, wo Menschen sind, denen ihre Würde abgesprochen wird. Wie steht es um Ausländer, um Flüchtlinge, um Geduldete? Wie steht es um Alte, um Kranke, um Menschen mit Behinderung? Wie steht es um Jugendliche, um Kinder, um Familien? Wie steht es um Schwache, um Arbeitslose, um…? Der Blick auf die verschiedenen Gruppen unserer Gesellschaft, die oftmals am Rand stehen, lässt uns selbst ohnmächtig werden. Wir sind ein Stück hilflos, weil wir kaum Wege der Hilfe erkennen können. Der erste Schritt ist jedoch ein einfacher. Ihn tun wir, wenn wir darauf achten, dass die Würde dieser Menschen nicht unter den Tisch fällt. Der Mensch muss Mensch bleiben dürfen. Bereits die Art, wie wir über andere Menschen reden, zeugt von unserer Achtung vor dem Andern. Je mehr Achtung in unserem Reden über andere Menschen herrscht, desto mehr bleiben auch Randgruppen im Blick unserer Gesellschaft. Die ersten Schritte auf diesem Weg eröffnen uns schließlich den Weg in die Königsherrschaft Jesu. Sein Reich wird für alle Menschen ein Reich des Friedens sein. Daran dürfen wir glauben.