Armutsbewegung

Zur Zeit des Franziskus:

Denkgrundlage

Einen bekannten Namen möchte ich nennen:

Bernhard von Clairvaux:

Als ein Zisterziensermönch Papst wird, nämlich Eugen III., widmet ihm Bernhard eine glühende, leidenschaftliche Schrift: De consideratione. Diese Schrift enthält unter anderem eine der härtesten Kritiken an den Machenschaften der Römischen Kurie, an ihren Missbräuchen, ihrer Lust an Streitigkeit, usw. Vorwürfe, die nicht nur Bernhard formuliert, auch wenn er im Letzten nicht gegen den Papst als Autoritätsperson wettert. Bernhard von Clairvaux drückt aus, was viele in seiner Zeit denken. Die Kirche hinterlässt nicht gerade ruhmreiche Spuren. Ihr Auftreten als Fürstin, Herrscherin, Besitzerin fordert Widerspruch. Der Neid der weltlichen Fürsten tut ein Übriges dazu, so dass sich im 12. Jahrhundert unter dem Schutz der weltlichen Herrscher erstmals eine breite theologische Opposition zum päpstlichen Theologentross entwickelt. Das sind die Rahmenbedingungen, unter denen sich eine Armutsbewegung entwickelt, die sowohl einige häretische Gruppen hervorbringt, als auch große Orden wie die der Dominikaner und Franziskaner.

Mit Bernhard von Clairvaux ist noch ein zweiter Name zu verbinden. Der Mönch Heinrich von Toulouse wird durch Bernhard zwar zum Schweigen gebracht, aber dessen Gedankengut fand in der Bevölkerung einen fruchtbaren Boden. Heinrich vertrat eine radikale Armut, übte in ihrem Namen harte Kritik am reichen und mächtigen Klerus und fand darin Zustimmung bei vielen, sowohl bei wirklich Armen wie auch bei adeligen Gegnern kirchlichen Eigentums.

Die Gedanken Heinrichs teilten viele Zeitgenossen. Besonders der Neid auf Eigentum und Macht war wohlschmeckende Nahrung. Kirche sollte in ihrem Machtwirken beschnitten werden, Entwicklungen, die sich ähnlich wiederholen zur Zeit der Säkularisation im 19. Jahrhundert und in veränderter Form auch in heutiger Zeit.

Eine zweite Vorbemerkung:

Anfang des 11. Jh. büßt die Kirche ihre Deutehoheit in Glaubensfragen ein. Die Hl. Schrift als Grundbuch des Glaubens wird in Auszügen lesbar. Wir sind es gewohnt, dass wir die Hl. Schrift in deutscher Sprache in die Hand nehmen können. Noch dazu gibt es eine ganze Reihe von Ausgaben mit unterschiedlichen Übersetzungen, so dass es gar nicht so einfach ist, immer das Gleiche zu verstehen. Wir wissen auch, dass das ganz anders war. Bis vor 1000 Jahren gab es die Bibel nur in Latein, Griechisch und Hebräisch. Wer also in der Bibel lesen wollte, musste diese Sprachen kennen. Normalerweise waren das nur die kirchlichen Theologen. Sie konnten den Menschen sagen, was in der Bibel stand und was sie deshalb zu glauben hatten, ohne dass jemand sie kontrollieren konnte. Das ändert sich zur Zeit Bernhards von Clairvaux. Erstmals in der Geschichte des Christentums haben nicht nur Theologen Zugang zur Bibel, sondern einfache aber gebildete Menschen. Menschen können sich mit den Texten der Schrift auseinandersetzen und sich ihre eigenen Gedanken machen. So kann sich ein persönlicher Glaube entwickeln, der nicht mehr nur auf den Aussagen der Kirche gründet, sondern auch in der Hl. Schrift. Es entwickelt sich eine persönliche Gottesbeziehung. Franziskus wird einer der ersten Menschen sein, die solch eine Beziehung ausprägen. Für uns kaum vorstellbar. Eine Folge ist auch, dass nun kirchliche Aussagen überprüfbar werden.

Eine dritte Vorbemerkung:

Wir stehen in der Zeit des sich entwickelnden Bürgertums. Interessanterweise verbindet sich gerade mit dem aufstrebenden Handel die Kritik an bestehenden Institutionen, auch der Kirche. Es entsteht einen neue Macht im gesellschaftlichen Gefüge. In verschiedenen Städten wird der bislang bestimmende Adel einfach vertrieben, zumindest kommt es zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Adel und Bürgerschaft. Auch zwischen Adel und Kirche entstehen massive Auseinandersetzungen um die Frage, wer hat die Macht. Städte schlagen sich auf die eine oder andere Seite. Es ist eine unruhige Zeit in der sich langsam die gewohnte gesellschaftliche Ordnung auflöst.

Bis dahin war eigentlich alles klar: die christliche Gesellschaft war im letzten deutlich zweigeteilt. Es gab die Klöster mit ihren Mönchen, die Vollkommenen, in gewisser Weise der Himmel auf Erden und es gab den großen Rest, die Sünder. Nun verschwindet diese Grenze. Die Kirche hatte sich durch ihr Verhalten nicht immer als des Himmels würdig erwiesen und Adel und Bürger wollen auch etwas vom Kuchen der Macht abhaben. Gute Gründe, die bisherigen Grenzen einzureißen.

 

Soweit zur allgemeinen Stimmung im christlichen Abendland.

Franziskus und seine Bewegung ist nicht der Anfang der Armutsbewegung, eher der Abschluss. In seinen Schriften fällt auf, wie sehr er immer wieder betont, dass die Brüder katholisch sein sollen. Das hat einen guten Grund. Seine Bewegung war sehr nahe anderen Bewegungen in seiner Zeit. Auf die will ich nun noch kurz eingehen.

Verschiedene Gruppen

Die Gedanken eines ehrlich kirchlichbemühten Bernhard von Clairvaux und die eines ketzerischen Heinrich, der die Kirche eher ablehnte, fanden den Beifall von vielen Menschen. Es traten eine Reihe häretischer Asketen auf, die durch hartes Fasten ausgemergelt, die Vertreter der Kirche verurteilten, die ihrerseits durch ihre Macht und ihren Reichtum und auch einer Reihe von menschlichen Schwächen dazu betrugen, dass die Asketen eher als Vertreter der reinen Lehre Christi angesehen wurden.

Theologisch gesehen rückte im 12. Jahrhundert besonders der Arme Christus in den Mittelpunkt. Der leidende Schmerzensmann, der von den Schriftgelehrten und Pharisäern zur Flucht gezwungen und schließlich ans Kreuz geschlagen wurde. Für die ebenfalls arme Bevölkerung, durch manche Aktion von Kirchenfürsten gebeutelt, waren die häretischen Asketen glaubwürdiger, als die reiche Kirche. So war der Boden bereitet für eine Reihe von Bewegungen, die als Feinde der Kirche ihr Unwesen treiben konnten.

Katharer

Als erste sei genannt die Gruppe der Katharer – der Reinen. Sie vertraten ein sehr dualistisches Weltbild. Stoffliches Universum und Lebewesen sind Schöpfung eines ersten Engels, der gegen Gott rebellierte und deshalb aus dem Himmel ausgestoßen wurde. Diese Engel gelangten auf die Erde und sind im menschlichen Leib gefangen. Gott hat Mitleid und schickt den Engel Jesus Christus, um die Menschen den Weg der Befreiung zu lehren. Zum Schein nimmt Jesus Fleisch an durch einen anderen Engel, nämlich Maria, und predigt die Möglichkeit des Heils. Es ist notwendig, in vollkommenster Keuschheit zu leben, auf Fleisch, Eier, Milch und all die Lebensmittel zu verzichten, die aus einer geschlechtlichen Vereinigung stammen, und schließlich die Handauflegung zu empfangen, die in etwa der Taufe und der Priesterweihe entspricht. Katharer nehmen mit dem guten Gott teil am Vorgang der Befreiung der gefallenen Engel und verbünden sich deshalb mit Gott.

In einer zweiten Form wird die Lehre der Katharer noch verschärft. Mitte des 12. Jh. taucht eine Richtung auf, die von zwei gleichen, gegensätzlichen Prinzipien spricht. Gott als Haupt des geistigen Reiches und der Satan als Haupt des stofflichen Reiches. Der Satan versucht die in den Menschen gefangenen Engel in sein Reich zu entführen. Durch ein strenges – reines Leben kann der Mensch die Befreiung dieser Engel erreichen.

Die Katharer konnten sich relativ leicht ausbreiten. Ihre Lehre klang in den Ohren vieler logisch. Ihr Leben wies auf das Leben Jesu hin, so dass neben der Bevölkerung auch viele Fürsten und sogar manche Priester, die ja nicht gerade gut gebildet waren, ihre Lehre unterstützen oder zumindest duldeten. Erst nach und nach wurde deutlich, wie wenig die Katharer mit christlichem Glauben zu tun hatten. Ende des 12. Jh. – nachdem sich diese Bewegung schon weit verbreitet hatte – wurde mit der Bekämpfung dieser Ketzer begonnen. Mit mehr oder weniger großem Erfolg.

Waldenser

Eine zweite große Bewegung waren die Waldenser. Ausgangspunkt dieser Bewegung ist der reiche Kaufmann Waldes. Vom Evangelium inspiriert verkauft er all seinen Besitz, steckt seine beiden Töchter in ein Kloster und beginnt zu predigen. Seine Tätigkeit beginnt schnell die Besorgnis der Kirche zu wecken, denn sie war gewarnt von der Beliebtheit von armen und frommen Prediger beim Volk. Das Beispiel der Armen führte vermehrt dazu, dass die Bevölkerung „überprüfte“, ob ihre geistlichen Herren die evangelischen Räte befolgten, besonders die der Reinheit und der Armut. Wurden diese nicht befolgt, dann wurden Priester boykotiert oder gar verfolgt.

Die Bekehrung und die Predigt des Waldes wurden auf dem Hintergrund dieser Erfahrungen natürlich skeptisch beäugt, doch Waldes fand Gnade vor Papst Alexander III. Allerdings kommt es zur Auseinandersetzung zwischen dem Erzbischof von Lyon und Waldes in deren Folge Waldes mit der Kirche bricht. Nun entwickelt sich das Waldensertum, eher ein Sammelsurium von Bewegungen, die etwa folgende Leitsätze beinhalten:

Notwendigkeit von Armut und Predigt, die Leugnung der Gültigkeit von Sakramenten, die von unwürdigen Priestern gespendet werden, die Nichtanerkennung der rechtlichen und disziplinarischen Autorität der Hierarchie, ein entschlossener Wille, die evangelischen Räte zu befolgen, was sich in der Praxis niederschlägt als radikaler Pazifismus, aber völliger Verzicht auf Eide und als Ungehorsam gegenüber kirchliche Geboten, die keine Begründung in der Heiligen Schrift und vor allem im Evangelium haben.

Humiliaten

Noch eine Bewegung sein genannt, die Humiliaten. Sie waren Wollarbeiter die nach einer religiösen Weihe der Weberarbeit durch gemeinsames Gebet und Predigt strebten. In dieser Bewegung fanden Verheiratete und Ledige zusammen. Der Erlös ihrer Arbeit wanderte in eine gemeinsame Kasse, aus der der Lebensunterhalt bestritten wurde. Ihren Namen – die Einfachen – hatten sie von den einfachen Stoffen, die sie herstellten und trugen, ungefärbt und naturbelassen. Diese Gruppe hatte zwar anfangs einen Platz außerhalb kirchlicher Hierachie, wurden aber unter Innozenz III. als eine Art Orden der Kirche endgültig eingefügt.

Beginen

Eine ganz andere Gruppe darf nicht übersehen werden – die Bewegung der Beginen.

Beginen sind Frauen, die unter einer frei gewählten Vorsteherin in "Beginenhöfen" ein andächtiges Leben führen, ohne einem Orden im eigentlichen Sinne anzugehören.Die ersten Gemeinschaften von Beginen (auch "Begarden")entstanden im 12. Jahrhundert, ihre Blütezeit war das 13. und 14. Jahrhundert in Westeuropa, einzelne Beginenhäuser bestehen heute noch in Belgien und Holland. Jede Gemeinschaft war autonom und selbständig. Die meisten lebten nach der Regel des Dritten Ordens von Franziskus, die anderen nach der Dominikaner-Regel, denn im Mittelalter mussten sie sich dem Schutz eines Orden unterstellen.

Der Unterschied zwischen den Beginen und anderen Ordensgemeinschaften liegt vor allem darin, dass die Gelübde nur auf Zeit abgelegt werden, in der Regel jährlich erneuert. Die meisten Beginen waren Witwen, selbständige Frauen und Adlige, sie waren finanziell unabhängig und demokratisch organisiert. Viele Männer nahmen an den Kreuzzügen teil und kamen nie wieder, ihre Frauen wurden Witwen, andere blieben unverheiratet. Neben der Familie war damals für Frauen das Kloster die einzige Überlebensmöglichkeit. Deshalb suchten viele Frauen einen mittleren Weg bei den Beginen; dort durften sie ihre Besitztümer behalten. Viele Beginenhöfe wurden wirtschaftliche Zentren, vor allem für Wäsche und Handarbeiten.

Der Klerus wusste nicht, was er anfangen sollte mit diesen Frauen, die den christlichen Glauben wahrhaft lebten, aber die klösterlichen Regeln nicht annehmen wollten. Auf dem 4. Laterankonzil wurde ein Verbot erlassen, neue Klostergemeinschaften zu gründen, die Beginen bekamen aber 1216 eine mündliche Bewilligung durch Papst. Die Beginenbewegung blühte dann im 13. Jahrhundert auf, verbreitete sich von Flandern über ganz West- und Mittel-Europa. Nur die deutschen Bischöfe bekämpften weiterhin die Beginen, auf dem Konzil von Vienne konnten sie 1311 Papst Clemens V. sogar dazu bewegen, die Beginen zu verurteilen - nur für die südlichen Niederlande machte er eine Ausnahme. Erst nach der Gegenreformation blühte die Beginenbewegung ab 1588 in Flandern wieder auf, alle flämischen "Begijnhoven" stammen aus dieser Zeit.

Die Bettelorden

Als große Gruppe bilden sich nun auch die Bettelorden. Dazu gehören als große Vertreter die Dominikaner, Augustinereremiten, Karmeliter und die Franziskaner. Wir sehen also, dass die franziskanische Armutsbewegung alles andere als eine Sondergruppe ist.

 

Nun aber zu Franziskus und seiner Idee von Armut

Bußbewegung zur Zeit von Franz und Klara

Franziskus sieht seine Idee nicht als Armutsbewegung, sondern nennt sein Leben ein Leben in Buße. Ein ähnlicher Grundgedanke bestimmt Klara.

Buße in damaliger Zeit gleichzusetzen mit „Leben nach dem Evangelium“ bedeutet totale Zuwendung zu Gott, zu Jesus Christus.

Begriff Buße wird gebraucht, weil der mittelalterliche Mensch es als religiöse Berufung versteht, sich von der Gesellschaft abzusondern und über seine und die Sünden der Menschen allgemein zu weinen. Durch Gebet, innere Einkehr und Verzicht sucht er sein eigenes Heil und das Heil der Menschen.

Es entwickelt sich ein Büßerstand als Lebensform.

Dieser Entwicklung geht voraus eine Veränderung der Bußpraxis. Während in der frühen Kirche die öffentliche Buße als Ausdruck der Reue und Umkehr praktiziert wurde, wandelt sich diese öffentliche Praxis hin zur Umkehr in der Verschwiegenheit des Privaten. So kommt beispielsweise die Privatbeichte auf. Der ursprüngliche Büßerstand – die Zeit zwischen Bekenntnis und Wiederzulassung zur kirchlichen Gemeinde wurden immer mehr vergessen. Im Mittelalter wird dieser Büßerstand wieder entdeckt, jedoch nicht in der ursprünglichen Form sondern als stellvertretende Buße.

Es entwickeln sich eine ganze Reihe von Bewegungen, die durch Bußübungen (geißeln, Fasten, ..) Buße tun. Hinzu kommen auch Bußübungen beim Ausüben nicht evangelischer Berufe (z. B. Soldaten).

Aus diesen Motiven entwickeln sich die Gruppen der Pönitenten, deren Gedanken auch von Franz und Klara aufgegriffen werden und die Grundlage sind für den sogenannten Orden der Buße – der spätere Dritte Orden des Franziskus.

Wichtig ist jedoch, dass der Bußgedanke zwar diese Bewegungen beeinflusst, aber nicht das Zentrum darstellt. Kern franziskanischen Denkens ist die Menschwerdung Gottes.

Die Alternative des heiligen Franz

Franziskus selbst teilt sein Leben ein in ein Leben in Sünden und ein Leben in Buße:

Was bedeutet Leben in Sünden? – oder anders Leben in der Welt?

- weniger verschiedene Einzelsünden, sondern eine Grundhaltung: ohne Rücksicht auf andere das eigene Nest bauen

 - Bestimmt sein durch gesellschaftliche Verhältnisse, die von Gott unberührt geblieben sind.

Bild der Gesellschaft:

  1. ein kleiner Teil der Gesellschaft kommt in den Genuss eines blühenden Handels und des Wohlstands
  2. die Mehrheit der Gesellschaft lebt am Rand des Existenzminimums. Für Aussätzige gibt es sogar eine Ausgliederung in Form eines Gottesdienstes
  3. die Stadt ist gesellschaftliche Basis und es gibt eine Herrschaft von Volkes Gnaden – die Herrschaft des Bürgers
  4. die gesellschaftlichen Umwälzungen sind ein sehr schmerzlicher Prozess

In Assisi hören Revolution und Bürgerkrieg erst auf, als 1203 eine Friedenscharta und 12.10 eine Freiheitscharta unterzeichnet werden, die die politische Gewalt zu Gunsten des Volkes verschieben.

Franziskus erlebt diese Umwälzungen sehr schmerzhaft – Gefangenschaft in Perugia, gleichzeitig wird er immer sensibler für die Unrechtsstruktur in der Stadt. Die Begegnung mit dem Aussätzigen ist für ihn die Begegnung mit der sozialen Not seiner Zeit. Franz erkennt, dass die Kultur der Unbarmherzigkeit, wie sie in Assisi herrscht, nicht mit der Frohbotschaft – dem Evangelium zusammen passt. In der Stadt herrschen Geld und Geltung, Macht und Herrschaft der Reichen. Dies widerspricht der evangelischen Geschwisterlichkeit. Deshalb beginnt er den Weg einer Kultur der Barmherzigkeit. Franziskus entdeckt den Gekreuzigten und in ihm die ganze Welt der Notleidenden, Unterdrückten, Missachteten. Franz entdeckt eine brüderlich – schwesterliche Kirche und versucht sie in der Gemeinschaft mit den Armen und Aussätzigen zu leben. Auf diese neue Denkweise springen so viele Menschen auf, dass das ganze zu einer riesigen Bewegung wird.

 

Armut als Lebenshaltung der Abhängigkeit von Gott

Loslösung vom Vater, Brüder sollen Arbeiten und von ihrer Arbeit leben, Gott wird schon sorgen

 

evangelischer Freiheit

Unabhängigkeit von den Menschen, ihrer gesellschaftlichen Struktur, von den Zwängen einer Stadt, eines Landes. Abhängigkeit von Gott macht unabhängig von den Menschen.

 

des Friedens

Wort des Franziskus symbolisch: die Brüder sollen nichts besitzen, denn wer etwas besitzt braucht Waffen, um seinen Besitz zu verteidigen. Franziskus selbst wirbt für ein gleichberechtigtes Miteinander der Menschen und zwischen Mensch und Tier – Wolf von Gubbio als Beispielgeschichte

 

Mindersein

Franziskus sieht sich als den Minderen, den kleinen Bruder aller. Beispiel: einem Bruder verbietet er, ein Brevier zu besitzen, weil sonst dieser auf die Idee kommen könnte, einem Anderen zu befehlen: bring mir das Buch! Im Denken des Franziskus darf es niemanden geben, der sich in seiner Gegenwart klein oder schwach vorkommt. Jeder Mensch ist gleich wertvoll und wichtig, denn er ist Geschöpf Gottes.

Mehr zu diesem Gedanken des Minderseins: Franziskus feiert bekanntermaßen im kleinen Ort Greccio das Geschehen von Bethlehem nach. Ihm geht es darum, eindrucksvoll zu erleben und zu zeigen, was es bedeutet, dass Gottes Sohn in einem Stall zur Welt kommt. Der arm geborene Gott beeindruckt Franziskus tief. Das Wort des Philiperbriefes – wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich – löst in Franziskus was aus. Wenn er wirklich Christus nachfolgen will, dann muss er es diesem armen Kind von Bethlehem gleichtun. Nachfolge Christi ist für Franziskus Nachfolge des armen Christus. Gleichzeitig erkennt Franziskus, dass Christus in den armen Menschen Mensch wird. So begibt sich Franz auf einen Weg durch die Gesellschaft. Er der ehemals als Kaufmannssohn ziemlich oben in der Gesellschaft einen guten Platz hatte – Jugendkönig von Assisi wurde nicht jeder – begibt sich an das untere Ende der Gesellschaft, zu den Ärmsten, denen die nichts haben und die nichts mehr sind. Hier will Franz seinen Platz wissen, weil er erkennt, dass Christus hier seinen Platz hat. Stadtbild von Assisi: Adel = Rocca; Bürger, Arm, Aussätzige.

Klara geht einen ähnlichen Weg. Interessanterweise befinden sich in ihrer Gemeinschaft fast nur adelige Frauen. Freiwillig stellen sie sich wie Franziskus an die Seite der Armen, an den Fuß der Gesellschaft. Das ist ein Bruch mit der bestehenden Gesellschaftsordnung. Armut nicht als Konfrontation der Reichen sondern als Solidarität mit den Armen.

Beziehung zum Amt – Diakonat als Ministerium des Dienens

Für Franziskus ist der Gedanke des Dienens von großer Bedeutung. Wir sehen das in seinem Leben, wenn er sich ganz in den Dienst der Bedürftigen nehmen lässt. Die Leiter des Ordens bezeichnet Franziskus als Minister (Generalminister, Provinzialminister). Auch der Guardian ist ein Diener seiner Brüder. Untersucht man die Schriften des Franziskus, so fällt die Häufigkeit des Wortes servire bzw. Servus auf. Wenn es also um den Begriff des Dienens geht, dann ist Franziskus sofort hellhörig. Diesem Begriff des Dienens begegnet er nun in der Amtsbezeichnung Diaconus – Diener (minister, servus). Ebenfalls in der jahrhundertealten Formel der Diakonenweihe „non ad sacerdotium sed ad ministerium consecratur“ (nicht zum Priestertum sondern zum Dienstamt geweiht). Gleichzeitig finden sich biblische Schlüsselsätze in den Schriften des Franziskus, die darauf hinweisen, wie wichtig ihm der Dienstcharakter im Leben seiner Brüder war und ist. Mt 20,26: Wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen um sich dienen zu lassen, … Beide Schriftworte verwendet Franziskus im Bezug auf das Leitungsamt in der Bruderschaft. Ich denke, es ist deutlich geworden, dass Franziskus eine besondere Sensibilität für das Thema des Dienens hatte. Dem entspricht, dass der Diakon zum Dienst geweiht wurde und dass Christus seinen Jüngern das Dienen in Demut und Unterordnung aufgetragen hat, ja dass sich Jesus selbst zu dem gemacht hat, der dient. Dies dürfte die plausibelste Erklärung dafür sein, dass sich Franziskus gerade für das Diakonat entscheidet. Er möchte seine Berufung zum „Knecht aller“ und seine Vereinigung mit Christus, dem fußwaschenden Gottesknecht, durch die spezifische Ordination zum „Dienst“ sakramental untermauert wissen. Aus diesem Verständnis heraus lässt sich sagen, dass die Weihe zum Diakon für Franziskus keinen Widerspruch zu seinem Mindersein darstellt.

 

 

Heute:

Armut – Reizwort: als Ideologie verstanden, Armut ist unser Reichtum; Verständnis ändert sich: Armut nicht als Elend (erstrebenswert?) sondern als einfacher Lebensstil, der geprägt ist vom Gedanken der Geschwisterlichkeit zwischen Mensch und Mensch und zwischen Mensch und Natur; Leitgedanke: Gerechtigkeit und Frieden, Bewahrung der Schöpfung

Konkret: Schwerpunkt politische Arbeit (FI; Ordensleute für den Frieden; Sekretariat GFE); Evangelisierung im Sinne des gegenseitigen Lernens der verschiedenen Kulturen; Globalisierung als gegenseitiges Anerkennen gleichwertiger Partner und Verantwortungsübernahme für die „Sünden der Väter“; Werben für Versöhnung und Verständigung der Völker untereinander über alle Grenzen hinweg; Anwalt der Armen sein in unserem Land, indem nicht schön geredet wird, sondern Dinge beim Namen genannt werden: Suppenküche in Pankow steht an der Straße – sichtbar für alle, wer zu den Franziskanern will, muss an den Bedürftigen vorbei.