Gedanken von mir
 


Ökumenischer Gottesdienst am Pfingstmontag

Zum Matthäuseangelium 7,12-21

Der Abschnitt des Evangeliums, den wir heute gehört haben, ist gefährlich, nämlich dann, wenn wir Bilder von falschen Propheten und faulen Früchten leichtfertig und verantwortungslos auf unsere Partner im ökumenischen Dialog übertragen. Zu schnell ist der Schritt getan, in Vorwürfe und Vorhaltungen zu verfallen. Dabei bemerken wir meist nicht, dass wir selbst im gleichen Moment zu Bäumen wurden, die schlechte Früchte hervorbringen. Faule Früchte, die auf die verschiedenste Art und Weise infiziert wurden.
Die Frohe Botschaft wird missbraucht, wenn uns ihre Bilder helfen, Atmosphäre zu vergiften. Die Frohe Botschaft hat Gottes Reich zum Ziel, ein Reich, wo jeder Platz hat. Von diesem Reich kann kein Mensch behaupten, wie es sein wird, denn es ist unverfügbar.
Ich komme nun zu der Botschaft zurück, die wir eben gehört haben.
Wenn Jesus den Menschen etwas Wichtiges sagen möchte, dann verwendet er zumeist Bilder. Ein zentrales Bild im heutigen Evangelium ist das Symbol des Baumes.
Unser Klostergarten in St. Anna hat eine ganze Reihe von Bäumen. Die meisten stehen jetzt in der vollen Pracht ihres grünen Gewandes da. Es gibt auch eine Ausnahme: ein kleiner Baum ist in diesem Jahr leer geblieben. Er ist verdorrt. Seinen Wurzeln ist es nicht gelungen, genügend Wasser in die Krone zu schaffen. Ihm geht es so wie dem Baum des Evangeliums, der ohne Früchte blieb. Er wird umgehauen.
Der kleine Baum blieb in diesem Jahr ohne Blätter und ohne Früchte, weil seine Wurzeln keine Nahrung fanden. Vielleicht war der Boden zu hart, vielleicht haben diese Wurzeln Schaden genommen, den genauen Grund kennen wir nicht. Dieser Baum soll uns heute in unseren Überlegungen etwas helfen.
Als Kirche und als Gemeinschaft berufen wir uns gerne auf unsere Wurzeln. Wir betonen unsere Herkunft und beschwören unsere Tradition. Wir sind verwurzelt in den Grund unserer Geschichte, nur so haben wir genügend Halt im Wind und Sturm, der uns von der Gesellschaft entgegenschlägt. Doch kommt es mir manchmal so vor, dass unsere Wurzeln zu wenig tief gegraben haben. Sie sind zu wenig in die Vergangenheit vorgedrungen. Darin liegt eine Gefahr: zu kurze Wurzeln werden es nicht schaffen, genügend Nahrung heranzuschaffen, um unsern Baum mit Leben zu erfüllen. Der Baum bleibt leer.
Wenn unsere christlichen Wurzeln wirklich genügend Saft bekommen sollen, dann heißt es, sie hineinzutreiben in die Vergangenheit, bis in das Leben Jesu und bis in die Erfahrung der Volkes Gottes. Hier sind unsere Wurzeln, hier finden sie die Nahrung, die unseren Baum leben lässt.
Grundnahrung für unsere Wurzeln bietet das Wort Jesus: Nicht wer Herr, Herr sagt, wird in das Himmelreich kommen, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt. Es geht nicht um Lippenbekenntnisse, es geht um das Leben.
Jesus hätte nicht die Bewegung des Christentums angestoßen, wenn er nur große Worte gemacht hätte. Seinen Jüngern blieb im Gedächtnis, wie er mit den Menschen umging. Weil er keinen Unterschied zwischen arm und reich, zwischen angesehen und verachtet, zwischen Sünder und Gerechten gemacht hat, wurde seine Bewegung zur Volksbewegung und zur Kirche, in der alle Platz hatten.
Unsere Aufgabe ist es, unsere Wurzeln in dieses Nahrungsbecken zu hängen und uns mit diesem Wasser zu versorgen.
Ich möchte in unserem Bild weitergehen. Der Weg durch den Baum ist leicht beschrieben. Die Wurzeln geben ihre Nahrung weiter an den Stamm, an die Äste, in die Blätter und Früchte. Alles lebt von der Nahrung, die von den Wurzeln gefunden wird. Wir selbst leben davon, wenn wir uns von den Gedanken und der Erfahrung der Menschen um Jesus tragen lassen. Die Erlebnisse der Volkes Israel und der Jünger Jesu helfen uns, das Vertrauen auf Gottes Gegenwart aufzubauen. Was wir von ihnen hören, können wir auf unser Leben beziehen und so für uns die Gegenwart Gottes entdecken. Weil ein Mose in der Wüste Gott erfährt als JHWH, als ich bin da, weil Jesus Gott als Vater vermittelt, können auch wir glauben, dass Gott mit uns ist. Weil es Menschen gibt, die uns zur Seite stehen, können wir erfahren, dass Gott in unserem Leben da ist als Begleiter an unserer Seite.
Dieser Glaube nährt uns, er hilft uns leben und unser Leben gestalten. Dieser Glaube trägt auch Fürchte.
Jesus hat sein Gottvertrauen, seine Beziehung zu Gott nicht für sich allein bewahrt. Sie hat vielmehr alle Bereiche seines Leben berührt und bestimmt. Jesus ist zum Menschen geworden, durch den sich Gottes Zusage verwirklicht hat. Durch ihn durften die Menschen erleben, dass Gott da ist, dass er das Leben der Menschen teilt.
Wenn wir Frucht bringen, die durch die Nahrung unserer christlichen Wurzeln genährt sind, da wird durch uns Gott erfahrbar als der JHWH, als der Freund der Menschen. Gott zeigt sich in allen unseren Lebensbereichen: im Alltag und beim Feiern, in Arbeit und Freizeit, unter Fremden und in unserer Familie.
Der heutige Gottesdienst steht unter dem Thema: der Geist, den wir brauchen. Dieser Geist ist wie die Nahrung, die unseren Lebensbaum von den Wurzeln her durchdringt. Er ist der Geist Gottes, der sich als JHWH offenbart. Er ist der Geist Jesu, der auf die Menschen zu geht. Er ist der Geist, der uns dazu treibt, Gott in unserer Welt erkennbar zu machen.
Dieser Geist öffnet uns die Augen für unsere Welt. Wir brauchen ihn, um zu entdecken, wo Gott am Werk ist und wir brauchen ihn, damit Gott durch uns ans Werk gehen kann. Wir brauchen diesen Geist Gottes, denn er lässt uns die Welt in einer neuen Farbe sehen. Wir sehen sie nicht mehr als gottlos, sondern wir sehen wo Gott am Werk ist, durch uns.
Ich möchte nochmals an den Anfang zurückkommen. Wenn es in unseren Kirchen um Ökumene geht, dann kommt es mir so vor, als ob wir unsere Wurzeln nicht bis in den Grund unseres Glaubens vortreiben. Mir scheint es, dass sie oftmals im Mittelalter hängen bleiben. Ich würde mir wünschen, dass uns nicht so sehr die Angst vor einander als vielmehr der Geist der Gegenwart Gottes treibt. Nur dann werden wir als christliche Kirchen Botschafter Jesu und seiner Idee von Gottes Reich sein können.