Gott, warum hörst du nicht? - Kennen sie diese Frage? Und wenn Gott eh nicht hört, warum sollten wir ihm dann unseren Dank schulden?

In die Klage, dass Gott uns Menschen ja doch nicht hört, stimmen viele Menschen mit ein. Für den einen oder anderen ist diese Klage sogar Grund genug, die Existenz Gottes anzuzweifeln. Die Naturkatastrophen der vergangenen Jahre werden schnell auch als Abwesenheit Gottes gedeutet. Der Blick in die Weltwirklichkeit mit ihren menschlichen Katastrophen setzt ein weiteres Fragezeichen hinter die Allmacht Gottes. Geben die Worte des Propheten Habakuk nicht genau das wieder, was ein Blick in die Welt zeigt: ich sehe nur Gewalt und Misshandlung? Gibt es da noch einen Grund zu danken?

Mancher wird sich mit dem Danken schwer tun, da hilft auch nicht der Verweis auf den Beitrag der Menschen an den Missständen in unserer Welt. Und doch feiern wir auch in diesem Jahr Erntedank – mit Recht und nicht nur, weil es im liturgischen Kalender steht.

Der Grund zur Dankbarkeit bleibt, auch wenn vieles nicht so gelingt, wie es in unseren Augen sein sollte. Unser Dank sollte sich nicht nur am Erfolg und am Gelingen unseres Bemühens festmachen. Es ist vielmehr ein grundsätzlicher Dank für unser Dasein. Wer dankt, der weiß, es ist etwas nicht so selbstverständlich, wie es vielleicht scheint. Erntedank weist somit über die konkreten Ergebnisse unseres Arbeitens hinaus.

Welchen Grund für Dankbarkeit gibt es nun, trotz aller Klage? Der Text aus dem Propheten Habakuk ist einer Stelle aus dem Lukasevangelium zugeordnet. Die Jünger bitten darum, dass Jesus doch ihren Glauben stärke und müssen sich anhören, dass ihr Meister ihren Glauben in Frage stellt. Hättet ihr nur ein kleines bisschen Glauben, dann könntet ihr Berge versetzen! Und dann setzt Jesus noch eins drauf. Wenn ein Knecht seine Arbeit tut, dann hat er keinen Dank zu erwarten, denn er tut nur seine Schuldigkeit. Die Worte Jesu klingen hart und doch ist dahinter eine Wahrheit verborgen, an der wir Menschen nicht vorbeikommen. Der Mensch steht in Gottes Schuld. Gott hat eine Vorleistung erbracht, hinter der der Mensch immer als ein Schuldner zurückbleibt. Diese Vorleistung Gottes verdient auch den Dank des Menschen.

Gott verdient Dank, denn er ist der Urheber jeden Lebens. Im Vollbesitz unserer Kräfte vergessen wir leicht, dass unser Ursprung in Gott ist. Als Schöpfer der Welt hat Gott die Welt selbst, aber auch jede Kreatur ins Dasein gerufen – so auch den Menschen. Gott schafft den Menschen, damit er ein Ebenbild hat, ein Gegenüber, dem er Anteil an seiner Schöpfung gibt. Das ist der erste Grund, wieso der Mensch Gott etwas schuldet und deshalb einen Grund zur Dankbarkeit hat. Vielleicht sollte man deshalb das Erntedankfest auch Schöpfungsdankfest nennen.

Gott verdient auch Dank, weil er selbst in Jesus Christus Mensch geworden ist. Die Botschaft von der Menschenwerdung Gottes bedeutet, dass Gott den Menschen nicht aus den Augen verliert. Hier geht es nicht um ein wachsames Auge Gottes, das zur Kontrolle der Menschen allgegenwärtig auf die Erde blickt. Vielmehr lässt Gott den Menschen nicht aus den Augen, weil er Anteil an seinem Leben nimmt. Gott ist nicht ein Schöpfer, der sich nach vollbrachtem Werk aus seiner Schöpfung verabschiedet, er bleibt vielmehr in seiner Welt anwesend. Es ist der gegenwärtige Gott, ein Gott, der die Wege der Menschen mitgeht. Auch dafür können wir heute Gott danken.

Ein in der Welt anwesender Gott, wiederspricht der nicht der Klage des Propheten Habakuk? Schließlich scheint es in der Schöpfung ja drunter und drüber zu gehen. Vielleicht sollten wir uns nochmals mit der Bitte der Apostel beschäftigen. Sie bitten darum, dass Jesus ihren Glauben stärkt. War da nicht das Sprichwort, dass der Glaube Berge versetzen kann? Der Glaube kann Berge versetzen, denn er mobilisiert Kräfte, die in uns Menschen da sind. Glauben heißt nicht, warten bis Gott endlich aktiv wird. Glauben heißt, uns mit unseren eigenen Möglichkeiten einzubringen, um dann die Erfahrung machen zu dürfen, es geht mehr, als wir gedacht haben. Gott ist in unserem Leben da. Er ist die Kraft, die uns in unserem Bemühen begleitet. Deshalb dürfen wir ihm auch heute für die Ergebnisse unseres Bemühens danken.