Gedanken von mir
 

Aussätzig - ausgesetzt

Als vor einigen Tagen eine Gruppe von Firmkandidaten unser Kloster besuchte und dabei einen Film über Franziskus ansah, tauchte die Frage auf, was denn Aussatz sei. Diese Frage zeigt, dass wir in unserer Region mit der Krankheit Aussatz nicht mehr in Berührung kommen. Wir hören zwar das eine oder andere Mal von Leprakranken in armen Ländern, aber als Bedrohung empfinden wir Aussatz nicht mehr.

Im Buch Levitikus wird ausführlich geklärt, wie mit Aussätzigen umzugehen ist. Einerseits ist das verständlich, denn Aussatz war für die Bevölkerung damaliger Zeit eine echte Bedrohung und die Menschen versuchten sich durch krasse Maßnahmen vor dieser Krankheit zu schützen. Andererseits wundert uns vielleicht, dass nicht ein Arzt, sondern ein Priester festzustellen hat, ob ein Mensch an Aussatz leidet. Nicht nur in Israel, auch im Christentum war es üblich, dass Geistliche entschieden, ob jemand aussätzig war oder nicht. Grund dafür war, dass Aussatz nicht nur als Zeichen körperlicher Krankheit, sondern auch als Strafe Gottes gesehen wurde. Der Priester hatte also festzustellen, ob der Mensch in Sünde gefallen war oder nicht. Wenn also ein Mensch für aussätzig erklärt wurde, dann spielte damit immer auch die Frage nach seiner seelischen Reinheit mit. Mit dem Warnruf „unrein“ verbindet sich also auch die Warnung vor einer moralischen Unreinheit, vor der die Menschen zu schützen sind.

Der Krankheit Aussatz begegnen wir in unserer Region Gott sei Dank nicht mehr. Medizinische Kunst hat dafür gesorgt, dass sie nicht mehr auftritt. Anders verhält es sich mit dem Versuch, Menschen moralische Unreinheit vorzuwerfen. Blicken wir in diktatorische Hierarchien und Herrschaften, so werden Gegner und Andersdenkende als Unreine abgestempelt und damit der Willkür der Menschen preisgegeben. Nicht nur der Blick in unsere deutsche Geschichte führt uns das vor Augen, auch der Blick in andere Länder lässt uns fündig werden und auch die derzeitige Entrüstung über Karikaturen hat viel mit dem Vorwurf der Unreinheit zu tun.

Der Blick in unsere Gesellschaft lässt uns auch eine Reihe von Aussätzigen sehen, wir müssen nur den Vorwürfen nachgehen, die wir über andere Menschen machen. „Arbeitslose wollen nicht arbeiten“ erklärt Menschen gesellschaftlich für unrein. Menschen wird vorgeworfen, es sei ihre eigene Schuld, wenn sie ohne Arbeit sind, ohne über die Hintergründe nachzudenken. Als „unrein“ gelten Menschen, deren Ehe gescheitert ist und die einen neuen Partner gefunden haben. Welchen Platz haben sie in unserer christlichen Gemeinschaft? Auch Menschen mit schwerer Krankheit oder Menschen mit Behinderungen haben es schwer, einen Platz in unserer Welt zu finden, wo sie wirklich ihren Möglichkeiten gemäß leben können. Es finden sich noch genügend weitere Beispiele.

Es ist leicht und wird leider auch praktiziert, dass diesen Menschen der Vorwurf gemacht wird, sie hätten sich daneben benommen und Gott habe sie deshalb mit einer Strafe belegt. Wir sind immer noch dabei, Unheil mit Strafe Gottes zu verknüpfen. Scheitert ein Mensch, dann muss er etwas getan haben, was Gott missfällt, was ihn aus der Gnade Gottes herausfallen ließ. Dieses Denken ist einfach, denn wir können uns damit leicht unserer Verantwortung für diese Menschen entziehen.

Dieses Denkmuster hat Jesus durchbrochen. Als er der Bitte des Aussätzigen nachkommt und ihn rein macht, durchbricht Jesus ein System. Es zeigt sich, dass die Verknüpfung von Krankheit mit der Strafe Gottes nicht stimmt. Gott schickt keine Strafe sondern erklärt den Menschen für rein.

Das Handeln Jesu hat etwas Befreiendes. Auch wenn wir uns nach jedem Schicksalsschlag fragen werden, warum ist das geschehen, was haben wir getan, dass Gott so etwas zugelassen hat, so können wir doch ausschließen, dass wir mit unserem Verhalten Gott zornig gemacht haben und er uns deshalb maßregelt. Jesus verkündet Gott als in seiner Barmherzigkeit grenzenlos und wir dürfen uns auf diese Zusage verlassen.

Gleichzeitig müssen wir uns natürlich fragen, wie es denn um unser Denken steht. Können wir damit leben, dass wir nicht mehr die Menschen einteilen in Reine und Unreine – in Gottgefällige und Gottmissfallende? Jesu Verkündigung fordert uns immer wieder heraus. Sie ist eine Anfrage, die in uns bohrt und unser Denken über andere ständig nachfragt.

Ist Jesu Denken und Handeln unsere Richtschnur, dann hat das Folgen für unser Denken und Tun. Jesu Denken sprengt menschliche Enge. Das muss uns immer neu bewusst werden. Dann wird es uns auch gelingen, Menschen in unseren Reihen zu akzeptieren und respektieren, die uns fremd und unangenehm sind. Wir sind dazu gezwungen, uns mit unserer Mitmenschen auseinanderzusetzen und können sie nicht mehr an den Rand der Gesellschaft abschieben. Jesus holt die Menschen in die Gesellschaft herein. Damit bricht er die Enge menschlichen Denkens auf.

Immer wieder müssen wir lernen, dass Gott nicht in unser Denken passt. Jesus zeigt uns das mit seinem Handeln. Lassen wir uns jedoch auf diesen Weg ein, dann werden wir aus der Enge unseres Denkens heraus geführt. Wir werden von der Härte unseres Denkens befreit und damit freigemacht. Wir und unsere Mitmenschen.