Von wegen Geisel Gottes


Mose und Aron kommen von einer Unterredung mit ihrem Herrn zurück. Für ihre Situation war diese Unterredung wichtig, denn es wurde eine lebenswichtige Frage für das Überleben ihres Volkes geklärt. Wer im Volk Israel vom Aussatz befallen wird, der darf, ja muss sogar aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden, denn er ist für das Leben der Gemeinschaft eine Gefahr. Dieses Gebot Gottes macht für das Leben des Volkes Sinn. Bestimmte Krankheiten sind eine Gefahr, der begegnet werden muss. Ist die Krankheit überstanden, ist natürlich auch die Rückkehr in die Gemeinschaft möglich.

Solange es um körperliche Krankheiten geht, ist dieses Verhalten hilfreich. Problematisch wird es allerdings, wenn mit der Krankheit eine moralische Bewertung eines Menschen verbunden wird. Unreinheit wird dann nicht mehr als Status des Körpers, sondern als Status der Seele angesehen. Als vor Jahren die Krankheit AIDS auftrat, war schnell die Rede vom neuen Aussatz der Menschen. Es hieß, dass AIDS eine Geisel Gottes sei, um bestimmtes menschliches Verhalten zu bestrafen. AIDS wurde zum Kennzeichen für moralisches Fehlverhalten und deshalb wurden HIV-Infizierte auch schnell moralisch verurteilt. Mit einer Krankheit wurde Strafe Gottes verbunden. Menschen wurden für moralisch unrein erklärt und ihnen von manchem ein Platz in der Kirche abgesprochen. Es wurde ihnen bedeutet, dass sie in der Kirche der Auserwählten keinen Platz haben, denn die Kirche ist die Gemeinschaft der Reinen.

Was hier vor wenigen Jahren geschah und zu Teil auch heute noch geschieht, ist in der Kirchengeschichte nicht nur einmal vorgekommen. Bereits in den Anfangszeiten der Kirche kam es zu ersten Spaltungen, weil Gruppen von Menschen auftraten, die sich als die Rechtgläubigen, die wahren Christen sahen. Ähnliches gab es im Mittelalter, als die Gruppe der Katharer auftritt und sich selbst als die "Reinen" bezeichnet. Zu den Reinen gehörte nur ein kleiner auserwählter Kreis, der sich als die wahre Kirche verstand. Alle anderen gehörten nicht dazu und hatten damit auch keine Aussicht auf Heil. Doch all diesen Versuchen widerstand die Kirche und blieb für alle Menschen offen.

Die Gefahr der Ausschließlichkeit erleben wir auch heute. Gerade die aktuelle Diskussion um traditionalistische Strömungen in und außerhalb der Kirche zeigt, dass es auch heute dieses exklusivistische Denken gibt. Verräterisch ist es, wenn sich Gruppen als die echten Katholiken, die wahren Gläubigen bezeichnen. Hier werden schnell Menschen ausgeschlossen, die anders denken und glauben. Solch eine Gruppe mag sich selbst gefallen, sie entspricht aber nicht der Gemeinschaft, die das Wirken Jesu deutlich werden läßt.

Am Handeln Jesu fällt auf, dass er nicht Menschen aus seiner Gemeinschaft ausschließt, sondern Menschen in die Gemeinschaft hereinholt, denn er versteht sich als Retter aller Menschen. Wer sich also auf ihn beruft, der hat die Idee einer katholischen Kirche in ihrem ursprünglichen Sinn. Die Kirche Jesu Christi ist allumfassend. Sie ist Gemeinschaft aller, die sich zu Christus bekennen. Hier gibt es keine Zugangskontrolle und kein Ausschlussverfahren.

Aus der Erfahrung der Geschichte unserer Kirche gilt es deshalb wachsam zu sein. Kirche kann nicht zum Klubhaus werden, in dem Wenige bestimmen, was richtig ist und wer dazu gehört. Unsere Kirchen müssen Kirchen sein, in der die Weite und Freiheit Jesu Christi erfahrbar ist. Da kann es aber auch keine Unreinen geben, die draußen bleiben, sondern nur Menschen, die dazugehören, weil ihnen das Evangelium als Frohe Botschaft wichtig geworden ist. Diese Botschaft macht die Tore der Kirche weit. Sie ist Botschaft für alle, denn sie verheißt Gottes Heil allen Menschen.