Egal wie alt wir sind, wir gucken uns immer wieder Vorbilder aus. Wir halten die Augen nach Menschen offen, die uns im positiven Sinn etwas vormachen. Wir schauen aus nach Menschen, die Ideen vom Leben haben, nach Menschen, die eine Vision leben. Es liegt uns wohl im Blut, dass wir uns für Menschen interessieren, die aus dem Alltäglichen herausstechen.

Jesus ist ein Mensch mit einer Idee vom Leben. Damit ist es verständlich, dass Menschen ihm nachgehen und ihn erleben wollen. So verhält es sich auch mit den Griechen, von denen uns das Evangelium erzählt. Sie haben bisher etwas von ihm gehört und nun möchten sie ihn sehen. Es ist immer besser, jemanden nicht nur vom Hörensagen zu kennen, sondern richtig.

Wie geht es uns? Möchten wir auch Jesus sehen? Ist die Bitte der Griechen auch unser Wunsch? Wäre es nicht schön, Jesus direkt zu sehen, ihn persönlich zu erleben, um ihn so direkt zu kennen und ihn deshalb besser zu verstehen? Es hätte schon was, wenn wir Jesus von Angesicht zu Angesicht sehen könnten und nicht nur durch die Überlieferung der Schrift.

Ich glaube aber, das Problem Jesu zu sehen, liegt weniger darin, dass er heute nicht mehr so unter uns lebt, wie damals unter seinen Jüngern, sondern vielmehr, dass er anders ist, als wir ihn uns vorstellen. Es ist, als hätten wir eine Brille vor unseren Augen, die nur ein ganz bestimmtes Bild von Jesus durchlässt, nämlich nur das Bild, das uns gefällt. Wenn wir Jesus nachfolgen, dann kann das nicht nur eine teilweise Nachfolge sein, sondern wir sind ganz gefordert.

Zur Nachfolge Jesu gehört dann auch das Bild vom Weizenkorn. Jesus vergleicht sich mit einem Weizenkorn, das in die Erde fällt und stirbt, um dann reiche Frucht zu bringen. Wir wissen, dass er damit sein Leiden und Sterben anspricht und seine Auferstehung. Nur weil sich Jesus dem Willen Gottes gestellt und sich selbst aufgegeben hat, konnte er auch von den Toten auferstehen und so uns das Leben neu eröffnen. Frucht ist eine wachsende Gemeinschaft von Menschen, die alle auf eine je eigene Weise die Botschaft Jesu, nämlich die Liebe Gottes verkünden und leben. Zur Verkündigung der Botschaft Jesu gehört die Hingabe des Lebens. Das heißt nicht für jeden Menschen das Martyrium, aber die Hingabe der eigenen Interessen, um frei zu werden für den Weg Gottes.

Der Gedanke des Gebens ist uns im Bereich des Sozialen noch am ehesten einleuchtend. Hier sehen wir, dass wir, wenn wir eine Spende geben, also etwas von uns weggeben, jemandem helfen können und ihm so ein Stück Leben ermöglichen.

Schwerer wird es mit der Hingabe unseres Lebens, wenn wir den Sinn nicht so leicht erkennen können. Nehmen wir einmal an, es steht eine grundsätzliche Lebensentscheidung an. Wir haben uns eingerichtet und alles geht in für uns gewohnten Bahnen, und dann kommt die Frage nach einer anderen Lebensperspektive. Dabei ist gar nicht so recht sichtbar, wohin der neue Weg gehen soll. Da wäre es schon bequemer, das Gewohnte zu pflegen, als Fremdes anzufangen. Dann fällt Hingabe schwer. Ein Bild kann uns diese Schwierigkeit deutlich machen. In einem Betrieb steht manchmal eine ähnliche Entscheidung an. Bleiben wir beim Bekannten oder wagen wir es, etwas Neues zu entwickeln? Bleiben wir hier beim Altbewährten, kann es sein, dass wir schließlich auf unserem Produkt sitzen bleiben, weil es nicht mehr den neuen Anforderungen gerecht wird. Wir müssen uns immer wieder fragen, ob nicht Veränderung nötig ist. Wenn ja, dann heißt es Gewohntes wegzugeben um Neuem Platz zu machen.

Ähnliches gilt auch für unser Glauben. 

Wir erleben, dass sich unsere Art zu glauben genauso verändert hat, wie wir uns verändert haben. Wir merken, dass unsere Fragen neue Antworten brauchen, weil uns die bekannten nicht mehr helfen. Auch unser Glaube ist nie endgültig fertig. Das Bild vom Weizenkorn gilt auch hier, wir müssen immer wieder Bekanntes weglassen, damit etwas Neues Platz bekommt.

Auch wenn es uns vielleicht nicht gefällt, wir kommen nicht darum herum, den Weg des Weizenkorns zu gehen. Schließlich ist das Leben selbst ein Weg der Hingabe des Loslassens. Nur wenn wir immer wieder unser Leben teilweise oder ganz aus der Hand geben, leben wir. Dieser Gedanke klingt paradox und doch stimmt er. Leben bedeutet Bewegung und Veränderung. Nur solange wir bereit sind, unser immer wieder auf neue Situationen und Perspektiven einzulassen, leben wir. Unsere Lebendigkeit hängt also an der Bereitschaft, das Gewohnte aufzugeben, um so frei zu sein für etwas Neues. Dabei wissen wir oft nicht, was uns erwartet. Mit dem Vertrauen in Gott sollte es uns aber möglich sein, zuversichtlich Schritte des Lebens zu gehen.