Hirt und Schafe


Jesus, der gute Hirt, ein Bild, das uns wahrscheinlich von Jugend auf als Jesusbild vertraut ist. Vielleicht tritt uns ein Gemälde im Nazarenerstil vor Augen, das eine weiche Jesusfigur mit einem Hirtenstab in der Hand und einem Schaft auf den Schultern darstellt. Meist sind es positive Gedanken, die wir mit diesem Bild verwenden.

Das Bild vom guten Hirten hat seinen Eingang gefunden in die Bezeichnung der Leitung der Kirche. Wir beten für die Hirten der Kirche, wenn es Priester, Bischöfe oder Päpste geschafft haben, in die Reihen der Heiligen Einzug zu finden. Wir sprechen von der Hirtensorge, von Hirtenbriefen, von Oberhirten, wenn es um die Leitung unserer Kirche geht. Der Papst und die Bischöfe haben einen Hirtenstab, der sie als Hirten des Volkes ausweist. Das Bild des Hirten hat sich somit in unserer Kirche deutlich niedergeschlagen.

Hier zeigen sich auch Tücken des Bildes vom Hirten, der seinen Schafen vorausgeht. In diesem Bild verbirgt sich eine Gefahr, die sich bis heute in unserer Kirche niederschlägt. Schnell lässt sich von den klugen Hirten und den dummen Schafen sprechen. Dann sind es allein die Hirten, die den Schafen sagen müssen, wo es lang geht. So interpretiert dient das Bild des Hirten dazu, Christen zu entmündigen und ihnen letztlich die Fähigkeit abzusprechen, selbst über die Wege und Inhalte ihres Glaubens sprechen zu können. Hier gehen herrschaftliche Oberhirten mutigen Schrittes voraus und die unmündigen Schafe trotten ihnen hinterher, ohne zu prüfen, ob die Wege gut sind, die sie geführt werden.

Wenn die Heilige Schrift von Jesus als dem guten Hirten spricht, dann zeichnet sie ein anderes Bild des Hirten. Hier geht es nicht um einen Hirten, der den Schafen vorausgeht und seine Schäferhund hinter den Schafen herschickt, die vom Weg abkommen, hier geht es um den Hirten, der die Schaft behutsam führt und gegebenenfalls sogar auf seinen Schultern trägt. Jesus sagt von diesem Hirten, dass er jedes Schaf mit Namen kennt und jedem Schaf nachgeht. Er stellt sich schützend vor seine Schafe, wenn es nötig ist und gibt sogar sein Leben für seine Schafe. Schließlich ist er auch offen für die Schafe, die noch nicht den Weg zu seiner Herde gefunden haben.

Mit dem Bild vom guten Hirten drückt die Heilige Schrift eine Beziehung aus, die zwischen Gottes Sohn und den Menschen besteht. Jesus spricht von den Seinen, seinen Menschen, um die er weiß, was sie brauchen und was ihnen zum Leben dient. Dabei wird mit keinem Wort von dummen Schafen gesprochen, die nicht wissen, was für sie richtig ist. Vielmehr wirbt Jesus um die Menschen, weil sie ihm am Herzen liegen.

Dieses Bild einer engen Beziehung zwischen Gott und den Menschen hören wir auch im ersten Johannesbrief. Wir heißen Kinder Gottes und sind es!, schreibt Johannes. Auch wenn Gott ungleich größer als der Mensch ist und als der Allmächtige über allen Menschen steht, tritt er doch zu den Menschen in Beziehung. Dabei hebt er den Menschen empor, indem er ihn als sein Kind annimmt. Das ist mehr als eine Beziehung zwischen Schöpfer und Geschöpf, es ist mehr als eine Beziehung zwischen Herr und Knecht und zwischen Freund und Freund. Kind Gottes zu sein bedeutet, hineingenommen zu sein in die Familie Gottes und damit in einer besonderen Beziehung zu Gott zu stehen. Kinder bleiben ein Leben lang mit ihren Eltern verbunden, selbst dann wenn sie Beziehungen zerbrochen sind. Blutsverwandtschaft lässt sich nicht aufkündigen und bleibt somit als Verbindung bestehen. Wenn wir uns als Kinder Gottes verstehen dürfen, weil wir es sind, dann besteht zwischen Mensch und Gott ein unlösbares Band. Wir dürfen damit sicher sein, dass unsere Beziehung mit Gott nicht zerbrochen wird und bestehen bleibt, auch wenn wir Gott den Rücken kehren sollten. Die Beziehung bleibt und lässt sich jederzeit wieder aufnehmen.

Wenn in der Heiligen Schrift von Jesus als dem Guten Hirten und von uns als Kinder Gottes die Rede ist, dann soll uns diese enge Verbindung zwischen Gott verdeutlicht werden. Gott, der jeden einzelnen von uns Menschen kennt, ihn wahrnimmt und begleitet, um seine Nöte weiß und ihm nachgeht. Für das Leben von uns Menschen hat er sogar sein Leben gegeben.