Wenn wir von Gott reden wollen, dann können wir das nur in Bildern. Unser Erkennen muss sich dieser Bilder bedienen, denn nur so lassen sich Erfahrung und Erkenntnis verständlich machen. Wir bedienen uns Bildern und wissen gleichzeitig, dass Bilder trügerisch sind. Sie können nicht die Wirklichkeit wiedergeben, sie können nur eine Annäherung versuchen, die im Blick auf Gott den gleichen Anteil an Entfremdung mit sich bringt. Gott bleibt der Unfassbare, auch wenn uns Bilder helfen, unsere Erfahrung ausdrückbar zu machen.

Die Texte der Schrift, die wir heute hören, bieten uns zwei Bilder: das Bild des Hirten, der sich um seine Schafe sorgt und das Bild des Lammes, das die Gemeinschaft aller, die sich zu Gott bekennen, am Ende der Zeit zusammenführt in die Gemeinschaft mit Gott.

Was lässt uns glauben? Was gibt unserem persönlichen Glauben seine Gestalt?

Es sind verschiedene Quellen, die unseren Glauben nähren. Gott kennt viele Wege, wie er sich den Menschen offenbart.

Erste Quelle ist unsere Erziehung, die Eltern, die Familie, Kindergarten und Schule, alle haben ihren Anteil an unserem Gottesbild und unserem Glauben. Bewusst oder unbewusst, bestätigt oder abgelehnt haben sie unseren Glauben beeinflusst.

Eine weitere Quelle ist die Tradition. Glaubensgemeinschaft, Kirche und ihre Vertreter, die Pfarrgemeinde mit ihren Gruppen, herausgehobene Persönlichkeiten wie der Papst oder bekennende Christen von öffentlichem Interesse sind ebenfalls Faktoren, wenn es um die Gestaltung unseres persönlichen Glaubens geht.

Diese Quellen helfen uns, unsere persönlichen Erfahrungen zu reflektieren. Sie sind Hintergrund, wenn wir Gott in unserem Leben entdecken und unser Leben als eine Geschichte Gottes mit uns zu deuten versuchen.

Hinzu kommt noch die Heilige Schrift als Buch der Offenbarung Gottes. Neben der Vielzahl an Gotteserfahrungen des Volkes Gottes und der Jünger Jesu enthält sie in der Gestalt und den Worten Jesu die Selbstmitteilung Gottes. Die Heilige Schrift ist Anstoß und Korrektiv zugleich, wenn unser persönlicher Glaube und der Glaube der Kirche ihre Form finden. Wenn Papst Benedikt in seinem Jesusbuch die Bedeutung der Heiligen Schrift betont, ist es dieser Aspekt. Es geht nicht um ein möglichst genaues historisches Jesusbild, es geht um ein Jesusbild, das die Auseinandersetzung mit unseren eigenen Erfahrungen mit Gott ermöglicht.

Eines der Bilder das unser Glauben kennt, ist das Bild des guten Hirten. Es ist eines der ältesten Bilder für Jesus Christus, das es gibt. Seinen Ursprung hat es in den Selbstaussagen Jesu, wie wir sie heute gehört haben.

Für was steht dieses Bild? In unserer Kirche wird es gerne als Bild für die Beziehung von Leitung und Gläubigen verwendet. Doch so gesehen ist es ein Bild, das uns nervt. Wer von uns sieht sich schon gerne als hilfloses Schaf – vielleicht noch ein dummes dazu? Leider wird mit diesem Bild genau diese Beziehung vermittelt, doch das Bild, das Jesus verwendet, ist ein anderes. Wenn wir einen Schafhirten beobachten, dann leitet der nicht eine dumme Schafherde. Die Schafe wissen sehr wohl, was sie wollen, und gehen ihrer Wege. Allerdings hat der Hirte den Blick, wo es schließlich weitergehen muss. Er sieht über die Grenze der Weide hinaus und greift dann vorsichtig lenkend ein, wenn ein Schaf zu nahe an einen Abgrund kommt oder seiner Hilfe bedarf. Der Hirte treibt auch nicht die Herde vor sich her, er geht ihr voraus. So weist er den seinen den Weg. Dem Hirten sind die Schafe anvertraut. Er hat für ihr Heil zu sorgen. Die Schafe haben Vertrauen in ihn und folgen ihm, weil sie die Erfahrung machten, dass sie sich auf ihn verlassen können.

Hinter diesem Bild für Jesus steht die Erfahrung, dass Gott sich als der offenbart, der da ist, der mit den Menschen mitgeht, ja der sich mit seinem Leben für das Leben der Menschen einsetzt. Jesus ist der Hirte, der sich ganz für die Menschen gibt.

Im Bild vom guten Hirten ist der Mensch das Schaf oder Lamm, das von Gott umsorgt wird. In der Apokalypse wird Christus selbst zu Lamm. Hier ist es das Lamm, das sich führen lässt und damit zum Symbol der Ohnmacht wird. Christus, der Herrscher der Welt tritt auf als machtlos, als ohnmächtig, als Diener. Dieses Bild steht im Widerspruch zu vielen Gottesbildern, die von den Menschen gebraucht werden. Hier wird ein Bild der Heiligen Schrift zur Kritik an menschlichen Systemen, die im Namen Gottes Herrschaft über Menschen für sich beanspruchen. Das Lamm der Apokalypse führt zwar die Menschen in das Reich der Herrschaft Gottes, doch als Lamm kann es das nicht mit Macht tun sondern nur durch Vorangehen.

Die Bilder der Schrift werden also zur kritischen Anfrage an uns und an uns als Kirche. Wie treten wir als Glaubende im Namen Gottes auf? Sind wir die Mächtigen oder die Ohnmächtigen, die Diener oder die Herrscher der Welt? Unser Leben wird die entsprechende Antwort geben.

In Jesus Christus hat sich Gott als der Diener am Heil der Welt geoffenbart. Uns wurde der Blick auf Gott hin ein klein wenig geöffnet. Christus ist uns mit seinem Leben einen Weg vorausgegangen, werden wir diesen Weg nachgehen?