In meiner Allgäuer Heimat werden Jahr für Jahr die Jungrinder auf große Genossenschaftsalpen mit 100 und mehr Tieren getrieben. Dort hat dann ein Hirte die Aufgabe, das Jahr über für das Wohl der Tiere zu sorgen. Üblich ist es auch, dass der Besitzer der Tiere mindestens einmal im Jahr der Alpe einen Besuch abstattet. Dann ist es Zeichen eines guten Hirtens, dass er genau weiß, wo die Tiere des Bauers zu finden sind und wie es um sie steht.

Ähnlich muss sich der Hirte bemühen, von dem im Evangelium die Rede ist. In unserer Zeit sieht man kaum mehr einen Hirten, der seine Herde gemütlich über die Felder führt. Doch dieses Bild ist es, das uns vor Augen geführt wird, wenn Jesus sich als den guten Hirten bezeichnet. Auch dieser Schafhirte weiß genau, wie es um die einzelnen Tiere seiner Herde steht und was für sie gut ist. Der Hirte kennt jedes Tier mit Namen und ist verantwortlich dafür, dass seine Herde die nötige Nahrung bekommt. Er sorgt sich um das Wohl der Herde, geht Tieren nach, die nicht bei der Herde geblieben sind, sucht nach vermissten Schafen und kümmert sich um die kranken Tiere. Unter einem guten Hirten verstehen wir einen Mann, der mit seinen Tieren sanft umgeht, sie nicht schlägt und einen engen Kontakt zu ihnen pflegt.

Dieses Bild nimmt Jesus für die Beziehung zwischen Gott und Mensch. Gott ist wie der gute Hirte für uns. Für uns heißt das, dass es jemanden gibt, der uns beim Namen kennt und um uns weiß.

Jeden Menschen hat Gott bei seinem Namen gerufen und kennt ihn ganz und gar. Er weiß um ihn, weiß wo er steht und wie es ihm geht. Gott weiß, was der Mensch braucht und was seiner Not abhilft. Wir können darauf bauen, dass wir einen guten Hirten haben, der in jedem Moment unseres Lebens auf uns acht hat.

Auch wenn wir uns von Gott abwenden, so verlieren wir seine Gunst nicht. Denn wie der gute Hirte geht uns Gott nach. Er sucht uns, wenn wir uns verlaufen oder uns von der Gemeinschaft mit ihm getrennt haben. Sanft wirbt Gott um uns und hofft, dass wir umkehren und den Weg zu ihm zurückgehen. Auch wenn er sich um uns bemüht, so zwingt er uns doch nicht. Ist uns der Weg zu schwer, dann trägt er uns.

Gott ist der gute Hirte für uns Menschen. Er weiß, was uns gut tut und er ist für uns da.

Wenn wir in unserer Kirche von Hirten und Schafen sprechen, dann erleben wir meist ein anderes Bild. Es scheint so, dass es eine große Herde von Schafen gibt, die eigentlich nicht wissen, wo es lang geht. Dafür gibt es eine kleine Gruppe von Hirten, die genau wissen, wo es für die anderen hingeht. Dieses Kirchenbild übersieht, dass jedes Schaf selbst einen Weg gehen muss, auch wenn es einen Hirten gibt, der ihm dabei hilft. Um Gott als den guten Hirten zu erfahren, braucht es Menschen, die an Gott als den guten Hirten glauben und diese Erfahrung an andere weitergeben. Diese Menschen begleiten Menschen, ohne sie zu treiben.

Menschen die andere Menschen als ein guter Hirte begleiten, sind selbst Suchende. Sie müssen selbst immer wieder fragen, was richtig ist und ob der Weg stimmt, den sie gehen und weisen. Auch die begleitenden Menschen sind Schafe Gottes, die immer wieder auf ihren Hirten sehen müssen. Nie hört ein Mensch auf, in dieser Weise Schaf zu sein.

Menschen, die als gute Hirten begleiten, gehen ihrer Herde voraus. Wenn ein Schafhirte einen neuen Platz für seine Herde wählt, geht er den Weg zur Weide voran und wirbt darum, dass sie ihm folgt. Für begleitende Menschen bedeutet das, dass sie selbst den Weg gehen, den sie andere führen wollen. Es geht nicht darum, jemanden wohin zu schicken, wo man selbst nicht zu gehen bereit wäre.

Menschen, die als gute Hirten begleiten, achten auf das richtige Tempo. Zwar geht der Hirte zügig voran, hat aber darauf Acht, dass seine Herde mitkommt. Wer zu schwach ist, den trägt er. Der Hirte achtet darauf, dass die Herde nicht auseinander gerissen wird. Allerdings wird er auch auf den nötigen Zug sehen, damit die Herde nicht stehen bleibt. Gute Begleiter wissen, was sie von ihren Anvertrauten erwarten können und werden darauf achten, dass sie nicht überfordern und doch die Energien freisetzen, die in einem Menschen stecken.

Durch Menschen, die uns so gute Hirten sind, erfahren wir, dass Gott für uns ein guter Hirte ist. Die Erfahrung, die wir mit Menschen machen, führt uns zur Erfahrung Gottes. Wenn Menschen uns gute Begleiter sind, dann erleben wir darin die Spur Gottes und wir dürfen erfahren: Gott ist unser guter Hirte. Erführt uns den Weg zum Leben.