Licht für alle


Maria und Josef bringen Jesus zum Tempel. Ihre Tradition fordert von ihnen, dass sie sich auf den Weg nach Jerusalem machen und dem Gesetz Genüge tun. Es gehört sich, dass Maria vierzig Tage nach der Geburt ihres Kindes Gott ein Reinigungsopfer darbringt. Es gehört sich auch, dass der erste Sohn einer Familie dem Herrn geweiht wird. Was Josef und Maria tun, ist alltägliches Geschehen. Jede jüdische Familie macht sich auf den Weg zum Tempel und bringt Gott die entsprechenden Opfer dar. Doch als Jesus in den Tempel gebracht wird, wird aus dem alltäglichen Vorgang ein besonderes Ereignis. Auch wenn im Trubel des Tempelgeschäftes Menschen wie Simeon und Hanna wohl kaum auffallen, kommt es doch zur Begegnung zwischen ihnen und der Familie Jesu. Simeon und Hanna kommen zu Wort und weisen mit ihren Worten auf das hin, was das Leben Jesu bestimmen wird. Er ist da, um Israel und um die Welt zu erlösen. Die Worte des heutigen Evangeliums formulieren dazu zwei Gedanken: Jesus ist Licht für die Welt und er wird jemand sein, an dem sich die Geister scheiden, weil er Licht für die Welt ist.

Am Beginn dieses Gottesdienstes haben wir die Kerzen gesegnet, die im kommenden Jahr am Altar angezündet werden. Als Symbole für Christus werden sie entzündet und erleuchten durch ihr Licht unsere Welt. Dabei verbrennen sie nach und nach ihr Wachs und sich selbst. Wie die Kerzen sich selbst verzehren, so wird sich auch Jesus Christus für die Welt verzehren. Gottes Sohn wurde Mensch, um sich für die Menschen aufzureiben. Weil er bereit war, bis in den Tod zu gehen, nahm er den Menschen die Angst vor dem Tod. Durch seinen Tod und seine Auferstehung bekamen die Menschen eine neue Perspektive. Deshalb wurde er zum Licht für die Welt.

Jesus ist Licht für die Welt. Er ist die Herrlichkeit seines Volkes Israel und die Erleuchtung der Heiden, so lautet die Weissagung Simeons. Doch scheiden sich an ihm auch die Geister. Es werden viele durch ihn zu Fall kommen und viele aufgerichtet werden und er wird Widerspruch auslösen.

Der Mensch geht so seine Wege. Er macht sich seine Gedanken und baut sich sein eigenes Bild von der Welt. Dazu vereinnahmt er gerne auch Gott. In der Welt, die sich der Mensch plant, gibt es Menschen, die passen hinein und andere, die bleiben ausgeschlossen. Nicht selten bedient er sich dabei auch Gottes. Er bastelt sich nicht nur ein Welt-, sondern auch ein Gottesbild zusammen. Dazu beschwört er die Tradition und seine Deutung der Offenbarung Gottes. Heraus kommt oft ein Gebilde, das sehr genau weiß, was richtig ist, und was als Sünde gebrandmarkt werden muss. Es wird klar unterschieden zwischen Auserwählten und Verdammten. Wenige Menschen gehören dazu und viele bleiben außen vor.

Menschen mit solch klaren Bildern von Gott und der Welt müssen an Jesus Christus zu Fall kommen. Sie werden ihm widersprechen, weil sie nur so ihre eigenen Vorstellungen retten können. Andere werden aufatmen, denn sie bekommen durch Jesus Christus wieder Luft und Lust am Leben. Jesus Christus wird zu Licht für die Welt, weil er für alle Menschen gekommen ist. Durch ihn kommt eine Welt ins Wanken, wo es Erwählte und Verdammte gibt. Denn die Botschaft, die Jesus in die Welt bringt, zeigt: Jeder Mensch hat Anteil an der Erlösung und am Heil. Durch Jesus Christus hat jeder Mensch eine Perspektive auf Leben in dieser und in der jenseitigen Welt.

Menschen tun sich meistens schwer, wenn sie sich nicht als etwas Besonderes vorkommen und dadurch auch eine besondere Stellung innehaben. Da wird sich kaum einer von uns ganz freisprechen können. Das darf auch sein, solange dadurch nicht andere Menschen unter den Tisch fallen. Wir müssen aber bekennen: Jesus macht keine Unterschiede zwischen den Menschen. Durch ihn erleben wir einen Gott, für den jeder Mensch etwas Besonderes ist. Auf jeden Menschen hat Gott ein Auge und niemanden lässt er fallen. Davon hat Jesus den Menschen erzählt und daraus hat er gelebt. Die Menschen haben durch ihn erlebt, dass Gott jeden von ihnen liebt. Deshalb wurde Christus zum Licht für die Welt, für alle Menschen.