Verkehrte Welt - nicht nur bis Aschermittwoch


Derzeit erleben wir die sogenannte fünfte Jahreszeit. Allein schon dieser Titel deutet an, dass etwas nicht so ganz der normalen Ordnung folgt. In der fünften der vier Jahreszeiten erleben wir eine verkehrte Welt. Ratshäuser werden gestürmt und Bürgermeister entmachtet. Prinzen übernehmen die Herrschaft in Stadt und Land.  Wer sonst eher nichts zu sagen hat, ist nun oben auf und kann ungestraft mit den Obrigkeiten abrechnen. Die Welt scheint in Unordnung geraten. Für ein paar Tage haben die Narren das sagen. Erst mit dem Aschermittwoch wird dann wieder alles normal.

Verkehrte Welt mag so mancher denken, der sich mit den Vorstellungen Jesu beschäftigt. Sein Bild von Welt passt vielfach nicht zu dem, was wir als Wirklichkeit erfahren. Da wird aktuell von Truppenentsendung nach Afghanistan geredet. Demonstration von Macht und Gewalt soll am Hindukusch den Frieden bringen. Jesus setzt dem Gewaltlosigkeit und Barmherzigkeit entgegen. Nach seinen Vorstellungen wächst so wirklich der Friede.

In der Bergpredigt entfaltet Jesus ein Alternativprogramm zu menschlichen Vorstellungen vom glücklichen Leben. Während der Mensch gerne allem Unglück aus dem Weg geht und das Unausweichliche in seiner Gewalt hat, haben im Weltbild Jesu Trauer und Leid einen Platz und der Mensch darf sich seiner Armseligkeit bewusst sein. Verzicht auf Macht und Gewalt und der Hunger und Durst nach Gerechtigkeit sind Wege zum Frieden.  Mit Barmherzigkeit wird eine glückliche menschliche Gesellschaft aufgebaut. Menschliches Leben ist nicht von Haus aus frei von Leid. Leid und Misslingen gehören zur Wirklichkeit des Menschseins. Wer den Weg zum Glück gehen will, der muss sich mit seiner persönlichen Gebrochenheit ebenso auseinander setzen wie mit der Gebrochenheit der menschlichen Gesellschaft. Denn Weg zum Himmelreich führt nicht am Leid vorbei sondern in die Auseinandersetzung mit den dunklen Seiten des Lebens. Nur wer sich dieser Wirklichkeit stellt, der geht Schritte hin auf das Paradies, das Ziel menschlichen Lebens.

In den Wahlkampfwochen ist viel von Solidarität, von gerechter Gesellschaft und sozialem Handeln die Rede gewesen. Es fehlte auch nicht an nötigen Hinweisen auf die Unbezahlbarkeit und die damit verbundenen Schwierigkeiten. Es schien eine neue Gleichung zu geben. Wer soziale Gerechtigkeit am meisten einfordert und verspricht, der wird die Wahl schließlich gewinnen. Die Rechnung ging nicht auf, denn den Wählern fehlte der nötige Glaube  - zu Recht, denn der Aufbau einer gerechten Gesellschaft geschieht nicht über den Weg der Gesetze und er Staatsmacht. Gesellschaft und Welt werden sich nur durch die Menschen verändern, die an die verkehrte Welt Jesu glauben. Diese Menschen werden sich einbringen, weil für sie Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Frieden nicht nur Worthülsen sind, sondern Ansporn zum Handeln. Je mehr uns das Leid und die Not der Menschen in unserer Welt bewusst wird. Je mehr wir Antworten zu suchen, die unsere Welt gerechter machen, desto mehr wird unsere Welt die Gestalt annehmen, die Jesus vor Augen hat. Diese verkehrte Welt ist dann auch kein Spuk, der am Aschermittwoch vorbei ist, denn sie beginnt zu wachsen als ein Reich des Friedens und der Gerechtigkeit.