Tür zum Leben

Türen haben eine wichtige Aufgabe. Sie ermöglichen es, ein Haus, einen Raum zu betreten. Manche Türen sind auch verschlossen, weil sie verhindern sollen, dass jemand hereinkommt.

Jesus bezeichnet sich heute als die Tür zum Leben. Wer diese Tür wählt, so sagt er, schlägt den richtigen Weg ein, einen Weg, der ins Leben führt. Doch um diese Tür wirklich zu finden, muss der Mensch Jesus kennen. Was können wir tun, um Jesus kennen zu lernen? Es gibt nur einen richtigen Weg. Wenn wir immer wieder Jesu Worte hören und sein Leben in den Worten des Evangeliums betrachten, dann werden wir schließlich auch entdecken, wie Jesus war. Und dann können wir ihn auch als die Tür zum Leben finden.

Als am vergangen Donnerstag die Franziskanische Gemeinschaft zum monatlichen Treffen zusammenkam, ging es um die Rolle des Evangeliums in unserem Leben. Im Verlauf des Gespräches wurde bewusst, dass der Blick auf das Evangelium – auf das Wort Gottes – noch nicht sehr lange in unserem Bewusstsein als Christen verwurzelt ist. Erst mit dem II. Vatikanischen Konzil wurde das Evangelium als die Tür zum Leben entdeckt. Die Verkündigung der frohen Botschaft trat in den Mittelpunkt unseres Glaubens. Gottes Wort bekam einen Platz im Zentrum unseres Glaubens – ganz nach dem Auftrag des Auferstandenen, geht in alle Welt und verkündet allen Geschöpfen das Evangelium. Die Konzilsväter haben dem Evangelium bewusst den Platz eingeräumt, der ihm von Anfang an gebührt – im Zentrum der Glaubensgemeinschaft – der Kirche.

Wie wichtig das Wort Gottes für uns Menschen ist, zeigt sich in unseren Gottesdiensten. Zu jedem Gottesdienst gehört das Hören des Wortes Gottes dazu. Das ist wie eine Tür, die sich für uns öffnet, um zu den Geheimnissen unseres Glaubens zu kommen. Bereits den ersten Christen war es wichtig, von Jesus zu hören. Wenn sie sich zum Gottesdienst trafen, dann hörten sie zuerst das Wort Gottes. Danach hielten sie gemeinsam Mahl. Wenn wir uns zur Hl. Messe treffen, dann hören wir auch zuerst Gottes Wort, bevor wir gemeinsam Mahl halten. So wird deutlich, dass auch wir Gottes Wort hören müssen, um Jesus zu erkennen. Wir können sagen, dass das Evangelium wie eine Tür ist, die wir öffnen, bevor wir fähig werden Jesus im Mahl zu erkennen und zu begegnen.

Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass Jesus selbst die Tür ist, das Wort, das uns zum Leben führt. Wenn wir das Evangelium hören, trifft uns Christus selbstauf einer sehr persönlichen und individuellen Ebene. Hier spricht Gott einen ganz konkreten Menschen an. Es ist eine sehr intime Begegnung, die sich kaum in Worte fassen lässt. Wir können nur betroffen versuchen, unser Leben entsprechen zu deuten und zu formen.

Das Wort Gottes ist eine Tür, die sich uns ganz überraschend öffnet. Es lässt sich nicht im voraus sagen, welches Wort von ihm uns wann und wie trifft. Wenn wir jedoch Gottes Wort begegnen, ereignet sich eine zutiefst persönliche Begegnung des einzelnen Menschen mit Gott. Hier sind wir ganz mit Gott allein. Deshalb fällt es auch schwer, anderen zu erzählen, was wir erfahren haben. Und was wir erzählen, ist oft für andere nicht zu verstehen.

Das Wort ist die erste Tür, in der uns Jesus begegnet. Es ist eine Tür, die sich für jeden ganz persönlich erschließt. Anders verhält es sich mit einer zweiten Tür, in der wir Jesus finden, im  Empfang seines Leibes und Blutes Jesu. Hier erleben wir Christus als die Tür zur Gemeinschaft der Christen. Eucharistie feiern und den Leib des Herrn empfangen, können wir nur in Gemeinschaft. Es ist nicht möglich, dass einer für sich allein die Messe feiert. Die Eucharistie hat ihren Platz allein in der Feier der Gemeinschaft und ist immer Zeichen der Verbundenheit der Gemeinde. Hier erleben wir Jesus Christus als unseren Herrn mitten unter den Seinen. Hier ist Christus die Tür der Begegnung. Nicht nur ihm begegnen wir, sondern auch den anderen Menschen. Christus hilft uns, dass wir uns für die den anderen Menschen öffnen. Er ist es, der uns zu einer Gemeinschaft verbindet. In dem wir seinen Leib empfangen, entwteht eine Beziehung. Es bildet sich eine Gemeinschaft mit Christus und den Menschen. Um diese Gemeinschaft geht es in der Eucharistiefeier,  nicht um Verehrung und Anbetung.

Christus ist für uns die Tür zum Leben. Im Wort sehen wir ihn und lernen wir ihn kennen. Hier spricht er uns persönlich an. Im Mahl erfahren wir ihn gegenwärtig in unserem Leben als Gemeinschaft der Gläubigen, ganz nach seinem Wort: Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.