Gedanken von mir
 


Mindere Brüder


Im deutschsprachigen Raum sind die Brüder unseres Ordens als Franziskaner bekannt. Logischer Weise werden wir mit Franz von Assisi zusammengebracht und nach ihm benannt. Unser Ordenskürzel – OFM – ordo fratrum minorum – deutet allerdings auf eine andere Bezeichnung unserer Gemeinschaft. Franziskus hat seine Brüder immer die Minderen Brüder genannt. So heißt unsere Gemeinschaft auch richtiger Minderbrüderorden. Keine Angst, niemand muss sich nun an einen neuen Namen gewöhnen, wir sind weiter als Franziskaner ansprechbar, doch möchte ich heute einmal mehr über dieses „Mindere Brüder sein“ nachdenken.

Franz von Assisi hat in seiner Zeit eine Gegenbewegung zu Kirche und Gesellschaft entbunden. Eine Zeit, die geprägt war vom Streben nach Macht, Einfluss und Herrschaft, rief ihn auf den Plan. Franziskus setzte dem eine andere Idee entgegen, die des Minderseins, des Dienens. Ein ganz kleiner Bruder wollte er sein und schwamm damit gegen die Ideen seines Vaters, seiner Stadt mit ihrer aufstrebenden Bürgerschaft und gegen Kirche und Staat an. Seine Idee machte Schule und es entstand die Gemeinschaft der Minderen Brüder. Ihnen schreibt Franziskus vor, dass sie ganz einfach, unscheinbar und unaufdringlich leben sollten. Auf Eigentum sollten sie verzichten, um nicht damit Macht auf andere ausüben zu können oder sich über andere zu erheben. Im Hören auf das Evangelium sollten die Menschen ihr Leben gestalten und so im Gehorsam gegenüber Gott leben. Franziskus entwarf ein Programm, das nicht nur für Ordensleute gelten sollte, sondern für alle Menschen, die mit ihrem Glauben ernst machen wollten. Die Kraft zur diesem Leben kam und kommt aus dem Vertrauen zu Gott als dem, der für uns sorgt.

Szenenwechsel:

Der Prophet Samuel ist im Auftrag Gottes unterwegs. Er soll für das Volk Israel einen König auswählen. Ein König, das muss eine beeindruckende Gestalt sein. Jeder soll ihm ansehen, welche Macht er in Händen hält und am besten vor Furcht erschauern. Gott führt den Propheten in das Haus des Isai und lässt sich dessen Söhne vorführen. Einer nach dem anderen tritt vor den Boten Gottes. Der wüsste wohl gleich, wer es sein müsste, als er die großen Söhne des Isai sieht, aber Gott bremst ihn. Die sind es nicht, ich habe einen anderen auserwählt. Isai lässt nun seinen Jüngsten holen, den hatte er nicht auf der Rechnung und Samuel salbt David zum König über Israel.

Gottes Wahl fällt anders aus als die der Menschen. Es sind nicht die Großen, die er auswählt. Gott sieht auf das Wesen des Menschen. Er braucht keine Machthaber, sondern Diener. Das entsprechende Wort von Jesus kennen wir: nicht um mich bedienen zu lassen, bin ich gekommen, sondern um zu dienen. Gott sucht Menschen, die sich in Dienst nehmen lassen und ihren Dienst nicht als Macht über andere missbrauchen, sondern wirklich als Diener am Heil der Menschheit leben.

In unserer Zeit sind Castings in Mode gekommen. Die Fernsehsender schicken immer wieder ihre Teams los, um Menschen für ihre Sendungen zu finden, die sie dann groß rausbringen werden. „Deutschland sucht den Superstar“ oder „Starsearch“ haben in vielen Menschen Träume vom großen Ruhm geweckt.

Wer sich auf Gott einlässt, weil er dabei groß rauskommen möchte, der wird enttäuscht werden. Zwar gibt es Menschen, die sich über andere Menschen erheben und sich dabei auf einen Auftrag Gottes berufen, doch damit zeigen sie nur, wie wenig sie mit Gott zu tun haben. Gottes Weg ist ein Weg des Dienens. Er führt den Menschen zu sich selbst und lässt ihn erkennen, wer er wirklich ist. Nur was der Mensch von Gott her ist, das ist er nicht weniger und nicht mehr. Mit diesem Wissen lässt es sich leben, denn vor Gott sind wirklich alle Menschen gleich. Sie haben den gleichen Wert und die gleiche Würde. Niemand muss sich schämen, ein Mensch zu sein.

Die heutige Zeit gleicht in manchem der Zeit des Franziskus. Unsere Gesellschaft steuert immer stärker in eine geteilte Menschheit in unserem Land und in unserer Welt. Im Sinne Gottes ist das sicher nicht. Er will keine Teilung zwischen den Menschen. Gott will, dass die Grenzen zwischen Menschen verschwinden. Dazu braucht es Grenzgänger, Menschen, die die Kluft zwischen Menschen nicht pflegen, sondern überschreiten. Jesus hat das getan, Franziskus hat es ihm nachgemacht. Heute wäre die Reihe an uns. Es ist unsere Aufgabe in unserem Umfeld darauf zu achten, dass es nicht mehr Menschen zweiter Klasse gibt. Indem wir für die Menschen Partei ergreifen, die an den Rand und aus unserer Gesellschaft herausrutschen, treten wir in die Fußstapfen des Jesus von Nazareth und eines Franz von Assisi. Wir tun es, indem wir unsere Augen nicht verschließen vor der sozialen Not und Ungerechtigkeit in unserem Land, sondern in dem wir immer wieder hinweisen auf die Wunden, die unsere Gesellschaft verunstalten. Wir tun es, indem wir nicht mehr sagen, es ist alles in Ordnung und wer arm ist, ist selber schuld, sondern Partei ergreifen für die, die sich schämen, weil ihnen oft das Nötigste fehlt.

Minder sein bedeutet sich nicht besser vorkommen als der andere, dem ich gerade begegne, sondern ihm Wertschätzung entgegenzubringen. Unsere Welt braucht solche Mindere, Menschen mit Blick für all die, die niemand sehen will. Es braucht Menschen, die dafür sorgen, dass unsere Gesellschaft niemanden mehr übersehen kann. Schließlich sind alle Menschen Gottes Kinder. Gott braucht uns als solche Menschen, die sich einsetzen für eine wirklich gerechte Welt.

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