Herrausgerufen - berufen


Der Prophet Samuel wird auf den Weg geschickt, um einen neuen König für Israel zu erwählen und zu salben. Das Ganze geschieht im Verborgenen, schließlich soll der amtierende König Saul nicht ahnen, dass Gott bereits seinen Nachfolger auf den Weg gebracht hat. Samuel sieht sich die Kandidaten an und wüsste auch, wen er wählen würde. Doch Gott trifft eine andere Wahl. Er erwählt den Jüngsten, den, den niemand auf der Rechnung hat, denn Gott sieht nicht auf das Äußere, er sieht auf das Wesen eines Menschen. Gott sieht Menschen an, er weiß, was in ihnen steckt und ruft sie entsprechend in seinen Dienst.

Angesehen wird der Blinde, den Jesus vor Augen hat. Unangenehmes Aufsehen von Seiten der Pharisäer hat er erregt, denn er hat sich auf Jesus eingelassen. Dabei wurde er von Jesus doch nur sehend gemacht. Sehend werden, von Blindheit geheilt werden, dabei denken wir zu erst an die Heilung körperlicher Blindheit. Doch Jesu Blindenheilung hat auch einen geistlichen Aspekt. Die Begegnung mit Jesus Christus öffnet Menschen die Augen. Ihnen gehen die Augen auf für die Wirklichkeit, in der sie leben. Menschen werden die Augen geöffnet für ihre Lebenssituation. Sie entdecken ihre persönliche Lebenswirklichkeit und erkennen ihren ureigensten Auftrag in der Welt. Die Begegnung mit Jesus öffnet uns die Augen, damit wir die Welt sehen können, wie sie ist, und erkennen, was unser Auftrag für diese Welt ist. Wir sehen doch, wie unsere Welt ist, könnte man da einwenden. Wir sehen unsere Welt, die Menschen, die darin leben. Wir sehen unsere Welt und würden wir gerne mal kurz wegschauen. Wie können uns da noch die Augen geöffnet werden?

Ob der Blick auf unsere Gesellschaft wirklich so unverstellt ist, mag jeder für sich klären. Was sich die letzten Wochen in der öffentlichen Diskussion abspielt, mag beispielhaft dafür sein, wie sich die Wahrnehmung unserer Wirklichkeit auch verschiebt. Schnell ist hingewiesen auf die Großen, die da Millionen an Steuern hinterzogen haben. Der Vorwurf wird laut, dass sie ihre Verantwortung für unser Gemeinwohl nicht wahrgenommen haben. Wenn dann noch darauf hingewiesen wird, dass die Kleinen ja brav ihre Steuern zahlen und die Großen nicht, dann klingt der Unterton mit, dass die Kleinen ganz einfach nicht die Möglichkeiten haben, die sich den Großen bietet. Das klingt fast neidisch und ist verräterisch, denn es drängt sich die Frage auf, was wäre wenn die Kleinen diese Möglichkeiten hätten.

Die Blindheit für unsere Wirklichkeit wird uns dann genommen, wenn wir aufhören neidvoll mit dem Finger auf die da oben zu zeigen und uns fragen, ob denn wir unsere Verantwortung für das Gemeinwohl wahrnehmen. Mit Schlagworten wie Politikverdrossenheit und Ungerechtigkeitsgefühl wird betitelt, was in Wahrheit Desinteresse an unserer Gesellschaft ist. Solange der Mensch sich selbst in Sicherheit weiß und ihm nicht zu sehr in die Tasche gegriffen wird, schein er sich eher weniger für die Situation in unserem Land zu interessieren. Die Frage ist also berechtig. Was tun wir für unsere Gesellschaft? Haben wir einen offenen Blick füreinander? Tragen wir etwas bei zum Entstehen einer Gesellschaft, die jedem gerecht wird? Nehmen wir unsere Verantwortung für unsere Gesellschaft wahr? Wenn Jesus unsere Blindheit heilt, dann sehen wir unsere Welt, wie sie ist. Wir sehen aber auch, wo wir persönlich gefragt sind, uns gestalterisch in unsere Welt einzubringen.

Die Begegnung mit Jesus Christus öffnet uns die Augen und sie fordert uns heraus. Denn es ist uns nicht mehr möglich, unsere Augen vor der Wirklichkeit unserer Welt zu verschließen. Wir können nicht mehr wegsehen, wenn Menschen würdelos behandelt werden, wenn sie missachtet und misshandelt werden und nicht zu ihrem Recht kommen. Christus ging mit offenen Augen durch die Welt. Er sah sie, wie sie ist und nahm seine Verantwortung für die Welt wahr. Er sprach an, wo die Gesellschaft aus dem Gleichgewicht geraten war und trug das Seine dazu bei, dass sich etwas verändern konnte. Dadurch hat sich die Welt verändert. Uns ist Jesus begegnet. Er hat uns durch sein Wort die Augen geöffnet. Damit hat er uns herausgerufen aus unserer Blindheit und einen Auftrag mitgegeben. Es ist unser Auftrag, an unserer Welt mitzuarbeiten. Wir haben mit wachen Blick darauf zu achten, dass jeder Mensch seiner Würde gemäß behandelt wird, in dem wir ihn würdevoll behandeln. Für uns kann Solidarität kein Fremdwort sein, sondern die Sorge um die Schwachen in unserer Umgebung muss uns ein Anliegen sein. Das Engagement für unsere Gesellschaft wird selbstverständlich sein, wenn jeder in seinem Umfeld damit beginnt, unserer Welt ein menschliches Gesicht zu geben. Dabei kann jeder etwas dazu beitragen, denn jeder kleine Schritt ist sinnvoll und zählt. Je mehr Menschen ihrer Berufung in diesem Sinne gerecht werden, desto mehr wird unsere Welt umgestaltet zu einer Welt in der alle Menschen leben können.