Wenn wir von Jesus erzählen, dann verwenden wir gerne Bilder wie die des guten Hirten oder die des sanften Predigers. Das heutige Evangelium fällt da deutlich aus dem Rahmen. Hier erleben wir einen Jesus, der richtig aus der Haut fährt. Energie, Leidenschaft und Zorn sind Zeichen seines Auftritts im Tempel. Hier ist ein Jesus, der kraftvoll für das Reich Gottes kämpft. Ich kann mir so richtig vorstellen, wie der eine oder andere Jünger innerlich gejubelt hat. Endlich geht es los! Endlich wird aufgeräumt! Schließlich gab es unter ihnen Vertreter einer harten Linie. Dabei geht es Jesus sein ganzes Leben lang nur um das Reich Gottes. Leidenschaftlich setzt sich Jesus für die Menschen ein. Er prangert Unrecht an, setzt sich für die Ausgegrenzten ein und verkündet mit Wort und Tat einen Gott, der den Menschen Vater ist und ihr Leben zärtlich berühren will. War sein Auftritt im Tempel ein Ausrutscher? Hat Jesus endlich hier die Geduld mit den Menschen verloren? Wer weiß? Auf jeden Fall geht es Jesus auch im Tempel um die Sache Gottes.

Der Vorwurf, die Menschen haben den Tempel zur Markthalle gemacht, lässt sich zweifach verstehen. Im Vordergrund des biblischen Berichtes steht sicher das Gebäude. Im Tempelbereich findet sich eine Reihe von Händlerständen – wie in unseren Wallfahrtsorten auch. Wo viele Menschen sind, da finden sich auch schnell Geschäftemacher ein. Jesus reinigt zwar diesen Tempel – es war eher ein kleiner Vorhof gewesen, sonst hätte er Probleme mit der Tempelpolizei bekommen – in seiner Verteidigung weist Jesus aber auf einen anderen Tempel hin, den seines Leibes. Auch hier finden wir einen Tempel Gottes. Der Mensch selbst ist Tempel Gottes, ein Ort, wo Gott sich aufhalten möchte. Auch hier gilt Jesu Vorwurf, wir hätten den Tempel Gottes zur Markthalle gemacht. Wir müssen nur einmal aufmerksam beobachten, wo der Mensch überall als Objekt gehandelt wird.

Da fällt uns am deutlichsten die Werbung auf. Sie findet immer neue Dinge, die der Mensch unbedingt braucht. Dabei wird der Mensch nur als Käufer oder als Werbeobjekt gesehen. Wo geht es hier wirklich um den Menschen selbst, so wie er ist, was er wirklich braucht und was seinem Heil dient? Die Werbung und mit ihr die Geschäftemacher sehen den Menschen nur als Kunden, dem sie etwas andrehen können.

Wir kennen viele Weltanschauungen. Auch hier besteht die Gefahr, dass der Mensch nur als Objekt gesehen wird. Hier ist läuft auch die Kirche Gefahr. Dann nämlich, wenn Religion nur die eigenen Mitglieder und das Werben um Mitglieder im Blick hat, macht sie den Menschen zum Objekt. Auch hier ist die Frage zu stellen, geht es um den Menschen selbst oder geht es darum, ihn im Letzten im Griff zu haben. Diese Frage ehrlich beantwortet zeigt uns, ob wir den Menschen zur Markthalle machen oder nicht.

Ich gehe noch einen Schritt weiter. Auch wir müssen uns immer wieder fragen, um was es uns bei unseren Mitmenschen geht. Wollen wir wirklich ihr Bestes und geben wir ihnen die Freiheit, das Beste für sich zu entdecken, oder wissen wir, was das Beste für den anderen ist. Hinter manchem Plan, den wir für das Leben des Anderen haben, verbergen sich allein unsere persönlichen Wünsche und Vorstellungen. Verpackt im frommen Wunsch, dass wir ja das Beste für den Anderen wollen, versuchen wir eigentlich den Anderen in unsere Vorstellungen zu pressen. Damit machen wir ihn zum Objekt. Wir nehmen ihm die Freiheit und gebrauchen ihn für unsere Pläne. Damit ist er für uns zum Handlungsobjekt geworden und Jesu Vorwurf trifft auch uns. Wir haben den Menschen zum Marktplatz unserer Pläne gemacht.

Jesus reinigt den Tempel und macht ihn frei von fremden Interessen, damit Gott in die Mitte rückt. Für Jesus steht das Heil des Menschen an erster Stelle. Er fordert den Respekt vor dem Menschen ebenso ein wie dessen Freiheit für die Begegnung mit Gott. Der Tempel Gottes muss frei werden, damit hier Gott selbst wieder sichtbar wird. Diese Tempelreinigung steht auch in unserem Leben an. Sie zeigt sich in unserer Beziehung zum Nächsten, indem ich ihn freigebe, meine Vorurteile ablege und meine Pläne mit ihm zurückstelle, damit er sein Leben in Freiheit gestalten kann.

Die Tempelreinigung steht in der Beziehung zu mir selbst an. Es ist immer wieder an der Zeit, dass ich mich frei mache von fesselnden Gedanken und übertriebener Betriebsamkeit, damit Gott zum Zug kommen kann und die Gelegenheit hat, mich anzusprechen.  Es ist ein unangenehmer Weg, der uns hier zugemutet wird, denn wir geben damit Planungssicherheit für unser Leben auf. Ein Sprichwort wird hier besonders deutlich: der Mensch denkt, Gott lenkt. Haben wir soviel Mut, dass wirklich Gott unser Leben lenken kann?