Gedanken von mir
 
Oh diese Propheten!

Mit Propheten tun wir Menschen uns schwer. Wir würden zwar gerne wissen, was die Zukunft uns so bringt und wenn uns Unheilspropheten den Untergang der Welt plastisch vor Augen führen, dann sind wir geneigt, brav mit dem Kopf zu nicken. – Ob wir aber unser Leben entsprechend ausrichten, ist eine andere Frage. Wenn uns Propheten ins Gewissen reden und unsere Lebensweise in Frage stellen, dann winken wir schnell ab.

Biblischen Propheten ging es nicht anders, auch wenn in biblischen Zeiten Propheten ziemlich häufig auftraten. Johannes dem Täufer laufen zwar viele Leute nach, aber er muss sich mit den Pharisäern auseinandersetzen. Auch wenn er nichts für sich will und keine Ansprüche auf Allgemeingültigkeit erhebt, sorgt allein sein Dasein, die Art seines Auftretens und Verkündigens für Unsicherheit bei den religiösen Führern. Johannes wird zur Anfrage und Provokation und bringt deshalb das sorgfältig gebaute System der Pharisäer durcheinander. Propheten sind dafür bekannt, dass sie sich wenig um Strukturen kümmern. Sie treibt etwas anderes um. Damit werden sie gefährlich für starre Systeme.

Paulus hören wir warnen – nicht vor den Propheten, sondern davor, dass prophetische Reden verachtet werden und der Geist ausgelöscht wird. In den Worten des Paulus klingen Befürchtungen durch. Es gab wohl Bestrebungen, dem wachsenden Christentum ein Korsett anzulegen. Es ist klar, dass eine wachsende Gemeinschaft Strukturen braucht. Nur so kann sie als Gemeinschaft bestehen. Wenn Paulus aber seine warnende Stimme erhebt, so klingt das, als gäbe es Versuche, die junge Gemeinschaft in fest in den Griff zu bekommen. Wer eine Gruppe sicher in der Hand haben will, der muss den Geist in die richtigen Bahnen lenken – am besten in welche, die ihm selbst zuarbeiten. So eine Entwicklung scheint sich in der Gemeinde des Paulus abzuzeichnen. Gottes Geist lässt sich aber nicht festlegen und seine Propheten bekommt man nicht los. Will man verhindern, dass Propheten gehört werden, dann muss man sie nur unmöglich machen. Man muss den Leuten zeigen, dass Propheten weltfremd sind und an der Wirklichkeit vorbei gehen. Das gelingt, indem man sie als Spinner bezeichnet, die dem widersprechen, was sich bewährt hat. Alles war schon mal da – mit diesem Wort wird jeder prophetische Geist schnell zum Verstummen gebracht und stört nicht mehr die gewohnten Kreise. Es stimmt zwar, klare Strukturen tragen eine Gemeinschaft, aber sie bergen in sich die Gefahr, dass sie Leben nicht stützen sondern den Lebensatem rauben. Dort aber, wo die lebendige Stimme des prophetischen Geistes verstummt, verliert auch die Gemeinschaft ihr Leben. Sie genügt sich selbst und wird zum Auslaufmodell.

Dieser Tage jährt sich zum vierzigsten Mal die Verabschiedung der Konstitution „Gaudium et spes“. Mit dieser Konstitution spricht das II. Vatikanische Konzil über das Verhältnis von Kirche und Welt. Dabei wird die lange Abschottung der Kirche von der Welt durchbrochen. Kirche sieht sich nicht mehr als die alleinige Instanz zur Deutung der Wirklichkeit. Vielmehr öffnet sie sich dem Dialog mit der Welt. Es wird Ziel der Kirche, die Zeichen der Zeit lesen zu lernen und sie als Ort zu entdecken, wo Gott sich zeigt. Mit gaudium et spes löst sich die Katholische Kirche von ihrem Anspruch, allein die Wahrheit aller Dinge sehen zu können. Damit tut sie einen großen Schritt auf die Welt zu, der geprägt ist von Respekt und Offenheit. Kirche findet einen neuen Bezug zur Welt. Sie entdeckt dabei sich selbst auch als prophetische Kraft, die in die Welt hinein spricht, indem sie Leben in Beziehung mit Gott deutet. Kirche entdeckt sich als Sprachrohr Gottes, die wie ein Prophet Jesaja den Menschen eine frohmachende Botschaft zu bringen hat. Gleichzeitig bekennt sich Kirche dazu, dass die Welt auch für sie zum Ort werden kann, an dem Gott sich offenbart. Gott wird von der Kirche wahrgenommen als der, der durch die Zeichen der Zeit zur Kirche spricht.

Mit gaudium et spes hat die Kirche einen großen Schritt getan. Sie ist über ihren Schatten gesprungen und stellt sich ihrem prophetischen Auftrag. Es ist ein schwerer Auftrag, dem sich die Kirche hier stellt, denn die Stimme des Propheten wird nur gehört, wenn sie durch ein entsprechendes Auftreten begründet ist.

Wenn eine prophetische Kirche die Freiheit aller Menschen einfordert, ganz wie es Jesaja verkündet, dann muss sie erst ihre eigene Gefährdung wahrnehmen. Die Versuchung der Macht, an eigenen Positionen festzuhalten, wie wir es in der Sorge der Pharisäer sehen, ist groß und führt in die Unfreiheit. Wenn ein Prophet Jesaja mit seinen Worten von der Freiheit der Menschen auftritt, dann muss ich mich fragen, wie es um meine eigene Freiheit steht und ob ich an die Freiheit des Menschen glaube. Bin ich wie Jesaja überzeugt, dass Gott mich befreit hat, dann werde ich auch davon überzeugt sein, dass Gott jeden Menschen befreit hat – auch von mir. Entsprechend werde ich mit Menschen umgehen.

Mancher Denkanstoß von Propheten bringt in mir etwas in Bewegung. Die Unsicherheit, die dabei entsteht, macht Angst, bietet aber auch die Möglichkeit für Neues. Wie gehe ich damit um? Paulus gibt uns einen wichtigen Rat: Prüfet alles – das Gute behaltet. Prüfet alles bedeutet, wirklich alles, das Neue und Alte, steht auf dem Prüfstand. Das was dann den Menschen zum Heil führt, das behaltet – auch wenn es etwas ganz Neues ist.

Unheilspropheten gibt es in unserer Zeit genügend. Gottes Propheten allerdings sind Heilspropheten. Die Frage ist, ob wir es verstehen, ihre vielfältige Stimme zu hören.