Gott richtet


In der Pfarrkirche St. Ludwig in Nürnberg, meiner ersten Kaplansstelle, fällt der Blick auf ein großes Mosaik im Chorraum. In der Mitte thront Christus als König und zu beiden Seiten sieht man Schafe dem Thron zugewandt, aber friedlich grasend. Dieses Bild passt zu den beiden Bibelstellen, die wir heute als Texte gehört haben. Der alttestamentliche Prophet Ezechiel lässt Gott zu Wort kommen als Hirt, der sich um seine Schafe kümmert und im Evangelium malt Matthäus das Weltgericht als große Szene am Ende der Zeiten aus.

Heute, am letzten Sonntag des Kirchenjahres, feiern wir das Fest Christkönig. Mit diesem Fest verbindet sich der Blick auf das Ende der Zeiten, auf die Wiederkunft Christi. Ähnlich wie das Mosaik in der Kirche in Nürnberg kennen wir viele Darstellungen, die das Thema Christkönig aufgreifen. Gerade die alte Kirche kannte dieses Motiv der Darstellung Christi. Jesus Christus als Herrscher der Welt, gekrönt auf einem Thron sitzend, regiert die Schöpfung. Manche Darstellungen gehen sogar soweit, dass sie ihn als König am Kreuz darstellen. Aufrecht, wie auf einem Thron, gar nicht als ein Leidender wird er dann dem Betrachter gezeigt. Gerade diese Darstellungen weisen auf die Spannung hin, die sich hinter dem Fest Christkönig verbirgt. Einerseits sprechen wir vom Herrscher der Welt, der am Ende der Zeiten Gericht hält und die Menschen in gut und böse unterteilt - ganz im Sinne des Matthäus - andererseits sehen wir in Jesus Christus immer auch den Gekreuzigten, den viele aus den Klassenzimmern verbannen, weil der den Menschen mit seinem Leiden nicht zumutbar sei. Wir sehen den allmächtigen Allherrscher und sehen gleichzeitig den Gescheiterten, den gebrochenen Menschen, der am Kreuz hängt. Der Herrscher der Welt ist gleichzeitig der letzte Diener, der sich ganz in den Dienst der Menschen gestellt hat und sich als der Ohnmächtige von den Menschen brechen ließ. Dieser Herr hält Gericht.

Jesus Christus hält Gericht. Mit diesem Bild möchte der Evangelist Matthäus nicht ein Endzeitszenarium ausmalen, sondern den Menschen daran erinnern, dass ihm das Leben nicht nur zum Vergnügen gegeben worden ist. Sosehr das Leben ein Geschenk ist, so verbindet sich damit doch Verantwortung. Mit seinem Leben soll der Mensch auf das noch größere Geschenk antworten, das ihm von Gott gegeben wurde. Das Leben des Menschen ist Instrument der Antwort auf Gottes Liebe, wie sie im Leben Jesu sichtbar geworden ist. Deshalb sitzt auch nicht Gottvater auf dem Richterthron, sondern Christus. An ihm, der für die Menschen Weg, Wahrheit und Leben geworden ist, entscheidet sich, ob der Mensch Verantwortung für sein Leben übernommen hat. An ihm, der für die Menschen zur menschgewordenen Liebe geworden ist, entscheidet sich, ob der Mensch mit seinem Leben Antwort auf die Liebe gegeben hat, die er von Gott erhalten hat. In der Urteilsbegründung heißt es schließlich, dass der Mensch mit seinem Leben Gott seine Liebe erwiesen hat oder auch nicht.

Bei dieser großen Gerichtsszene wird deutlich, was es letztlich heißt, Gott lieben. Die Menschen, die vor dem Richterstuhl Christi stehen, werden nach ihrem Umgang mit ihren Mitmenschen befragt, nicht nach ihrer Beziehung zu Gott. Wie Menschen mit Ihresgleichen umgehen, ist Kennzeichen ihrer Beziehung zu Gott. Wie wir unseren Nächsten sehen und wie wir mit ihm leben, zeigt unser Verhältnis zu Gott. Ich kann nicht sagen, ich liebe Gott und gleichzeitig sehe ich nicht die Not, die das Leben meines Nachbarn bestimmt. Der Weltenherrscher stellt abschließend fest, was ihr eurem Nächsten getan habt, das habt ihr mir getan, und was ihr eurem Nächsten schuldiggeblieben seid, das seid ihr mir schuldiggeblieben. Letztlich fällt der Mensch selbst sein Urteil. Je nachdem, ob er sich für oder gegen die Liebe zu seinem Mitmenschen entscheidet, wählt er die linke oder rechte Seite vor dem Thron des Christus.

Was die Liebe zum Nächsten kennzeichnet, legt Gott dem Propheten Ezechiel in den Mund: Gott kümmert sich um seine Schafe. Die verlorenen sucht er, vertriebene bringt er zurück, verletzte verbindet er, schwache kräftig er und fette und starke behütet er. Jedem Schaf erweist Gott die Zuwendung, die es braucht. Ähnlich ist der Maßstab für das Handeln der Menschen. Kranke und Gefangene besuchen, Hungrige speisen, Dürstende tränken, Fremde und Obdachlose aufnehmen und Nackte bekleiden, sind mögliche Antworten des Menschen auf das Geschenk der Zuwendung Gottes. Nicht der Blick auf Gott zeigt, wo der Mensch steht, sondern wie er bei den Menschen lebt.

Der Blick für die Not des Mitmenschen und ein Handeln aus der Liebe heraus sind Zeichen eines Lebens, das auf die Liebe Gottes antwortet. Diese Antwort bringt uns das Paradies und das nicht erst am Ende der Zeiten, sondern bereits jetzt.