Ich erinnere mich noch gut. Wir Kinder hatten eine Vorliebe dafür, in Bäume zu steigen und möglichst weit nach oben zu kommen. Die Aussicht war herrlich! Leider hatten wir keinen Maulbeerfeigenbaum zur Verfügung, denn im ausladenden Dach dieser großen Bäume hätten wir noch viel leichter einen guten Überblick über unsere Umgebung haben können.

Der Zöllner Zachäus bedient sich auch eines Baumes. Von ihm heißt es, dass er klein war und deshalb leicht von einer Menschenmenge am Sehen gehindert werden konnte. Als nun Jesus in die Stadt Jericho kommt, dann ist das so eine Situation für Zachäus, wo ihm Menschen das Sehen versagen. Zachäus war ja nicht gerade beliebt. Schließlich war er zuständig, den Menschen im Namen des Staates Geld abzunehmen. Damit stand der oberste Zöllner Jerichos auch unter dem Verdacht, mehr zu fordern, als dem Staat zustand. Schließlich wollte auch er leben. Es ist als wollten sich die Bürger von Jericho rächen. Nun konnten sie einmal zeigen, wo sie am längeren Hebel saßen und sie stellten sich zwischen Jesus und Zachäus. Der verhasste Zöllner sollte nicht die Chance haben, mit ihrem großen Meister in Kontakt zu kommen. Die Macht des kleinen Mannes wurde ausgespielt.

Kennen wir ähnliche Situationen? Wo gibt es bei uns Menschen, die wir gerne mal außen vor stehen lassen? Dieser Tage kamen wir in unserer Gemeinschaft darauf zu sprechen, wie lange es noch üblich war, Selbstmörder außerhalb der Friedhofsmauern in ungeweihter Erde zu verscharren. Ausgrenzung ging hier sogar über den Tod hinaus. Ausgrenzung geschieht in vielen Bereichen unseres Lebens. Meistens sind es vorgefasste Meinungen und Vorurteile, die unser Bild von Menschen so prägen, dass wir sie nicht in unseren Reihen haben möchten. Wenn wir genau hinsehen, dann wird wohl jeder den einen oder anderen sehen, mit dem er nicht gerne zusammen ist. Schwarze Schafe in unserer Verwandtschaft und in unserer Gesellschaft haben es schwer. Dabei ist die Lage nicht immer so klar wie beim Zöllner Zachäus. Vielleicht finden wir selbst uns wieder in der Person des Zachäus. Wie klein kommen wir uns manchmal vor, wenn wir uns mit anderen Menschen und ihren Fähigkeiten vergleichen. Wie klein und unwürdig kommen wir uns oft vor, wenn wir vor Gott stehen und dabei an die vielen Chancen denken, die wir verstreichen ließen – klein, weil wir selbst uns so fühlen oder für unwürdig erklärt werden.

Zachäus bleibt außen vor. Auch wenn er von seinem Baum aus zumindest einen Blick auf Jesus werfen kann, verhindert die Menge erfolgreich jeden näheren Kontakt, wäre da nicht Jesus. Der deutet nicht nur die Gesetze der Pharisäer auf eine neue Art, er überwindet auch die Grenzen, die die Gesellschaft mit ihren ungeschriebenen Gesetzen vorgibt. Was sich Zachäus nie getraut hätte, übernimmt Jesus. Er geht auf Zachäus zu und lädt sich bei ihm ein: Zachäus, bei dir möchte ich heute zu Gast sein. Mich interessiert nicht, was die Menschen denken und mich interessiert nicht, was du denkst. Ich schau einfach bei dir vorbei. Die Begegnung mit Jesus hat bei Zachäus durchschlagenden Erfolg. Geehrt durch den Besuch des Meisters orientiert er sich neu und macht gut, was er bislang falsch gemacht hatte.

Begegnungen verändern Menschen. Gerade die Geschichte des Zachäus macht uns das deutlich. Weil Jesus Grenzen überschreitet und die Begegnung mit Zachäus sucht, kann auch Zachäus seine Grenzen überwinden und so manches korrigieren, was bei ihm bisher schiefgelaufen war. Seine Isolation ist durchbrochen worden und nun kann er Aufleben.

So manchen Menschen, der in unserer Welt isoliert dasteht, hat nicht die Möglichkeit, seine Fähigkeiten einzubringen, weil ihm die Chancen fehlen. Vielleicht würde er sich ja ganz anders entwickeln, wenn ihm nicht die Rolle des schwarzen Schafes zugewiesen wäre, sondern er einen Platz in unserer Mitte haben dürfte. Mancher wächst dann zu Segen für die Gemeinschaft über sich hinaus.

Die Begegnung zwischen Jesus und Zachäus ist auch Ermutigung für uns. Vor Gott sind wir als Menschen immer irgendwie in Schuld. Wir können gar nicht so leben, dass wirklich alles ideal läuft, dazu bietet unser Leben zu viele Entscheidungsmöglichkeiten. Und doch tut Gott immer wieder einen Schritt auf uns zu. Er tut den ersten Schritt, weil er uns begegnen will. Gott hält uns für so würdig, dass er mit uns Mahl halten will. Bleibt nur noch die Frage, was diese Begegnung in uns auslöst. Zachäus hat sein Leben verändert.