Gedanken von mir
 

So ein Pharisäer!

So ein Pharisäer, wem ist dieser Gedanke nicht schon durch den Kopf gegangen? Dieser Ausruf gründet, wie viele andere Sätze auch, in der Heiligen Schrift. Heute haben wir die Evangelienstelle gehört, auf die der Vorwurf des Pharisäertums zurückgeht. Wenn wir einen Menschen als Pharisäer bezeichnen, dann um zu sagen, er würde nur reden, aber nichts tun.

Bevor wir uns aber von solchen Menschen abwenden, sollten wir einmal genau hören, was Jesus sagt.

Zuerst trägt er seinen Zuhörern auf: Tut, was sie sagen! Und das, obwohl Jesus regelmäßig Streit mit den Pharisäern hat. Eher beiläufig kommt die Begründung für diese Aussage. Die Pharisäer sitzen auf dem Stuhl des Mose. Damit besitzen sie eine Autorität, die zu beachten ist. Ihr Wort hat Gewicht, auch wenn ihre Taten hinter ihren Worten zurückbleiben. Nicht das Tun gibt den Pharisäern Autorität, sondern ihr Amt. Wer auf dem Stuhl des Mose sitzt, hat die Aufgabe, das Gesetz des Mose zu verkünden und in die Lebenswirklichkeit der Menschen zu übertragen. Das ist die Aufgabe der Pharisäer und Schriftgelehrten, auch wenn sie mit ihrem Tun andere Wege gehen. Ihre Worte haben also Geltung, weil sie auf die Worte Mose und damit Gottes zurückgehen.

Allerdings taucht in den Worten Jesu schon eine leise Kritik an den Worten der Pharisäer auf. Er erwähnt die große Last, die sie den Menschen aufbürden, aber selbst nicht zu tragen bereit sind. Wie die Pharisäer sind auch wir oft schnell bereit, für andere zu wissen, was sie zu tun haben, doch halten wir uns selbst mit der gleichen Konsequenz an unser Wort? Es muss um das gleiche Recht für alle gelten. Auch für den Gesetzgeber gibt es keine Ausnahmen. Wie jeder andere Mensch, hat er sich an Gebote und Vorschriften zu halten. Mehr noch gilt das für die Verkünder des göttlichen Gesetzes. Wenn sie Gottes Wort verkünden, bleibt die Gültigkeit ihrer Worte bestehen, auch wenn Taten fehlen. Konkret gesagt: Die Predigt eines Pfarrers hat auch einen Wert, wenn er sich nicht an sein eigenes Wort hält oder halten kann. Es bleibt der Auftrag der Verkündigung bestehen. Ihn muss er wahrnehmen, auch wenn es ihm schwer fällt. Seine Verkündigung bleibt gültig, auch wenn das entsprechende Tun fehlt.

Wenn Jesus dem Wort der Pharisäer soviel Bedeutung zumisst, dann bedeutet das aber keinen Freibrief für sie oder andere Autoritäten. Im zweiten Teil seiner Rede beschreibt er die Grenze menschlicher Autorität. Wenn es heißt, du sollst keinen Vater, keinen Rabbi und keinen Lehrer haben außer Gott im Himmel, wird menschliche Autorität an göttliche Autorität rückgebunden. Der Mensch kann mit seinem Recht nicht über göttliches Recht hinausgehen und dann den Menschen mehr aufladen, als Gott es tut.

Natürlich brauchen auch wir Menschen Lehrer, wir haben Väter und es gibt auch den einen oder anderen Meister. Doch über allen steht Gott. An ihm haben sich alle Menschen zu messen. Die Prüfungsinstanz ist Gottes Wort beziehungsweise das Gesetz des Mose. Nur auf dieser Grundlage hat das Wort der Pharisäer und Schriftgelehrten und anderer religiöser Führer Gewicht. Für menschliche Worte gibt es somit einen klaren Rahmen. Den dürfen wir nicht außer Acht lassen. Dieser Rahmen heißt Liebe, Barmherzigkeit, Freiheit, Gerechtigkeit. Jesus hat mit seinem Leben Gottes Wort sichtbar gemacht und so diesen Rahmen abgesteckt.

An Jesu Handeln sehen wir auch, dass alle Menschen vor Gott gleich sind. Jesus relativiert mit seinen Worten menschliche Titel und Funktionen. Kein Titel, und sei er noch so berechtigt, hebt einen Menschen über andere Menschen hinaus. Jedem Menschen kommt die gleiche Würde und der gleiche Wert zu, denn Herr der Welt ist und bleibt Gott allein. Was der Mensch vor ihm ist, das ist er – nicht mehr und nicht weniger.

Die Worte Jesu, die wir heute im Evangelium gehört haben, bleiben nicht ohne Anfrage an unsere Art zu leben. Sie stellen uns die Frage nach der Art und Weise, wie wir uns zu anderen Menschen stellen.

Was machen wir uns aus unserer Stellung, die wir auf Grund unseres Berufes, unseres Besitzes, … in der Gesellschaft haben?

Wie gehen wir mit anderen Menschen um, wenn sie in unseren Augen eine hohe oder gar keine Stellung bei uns haben?

Wie lebe ich mit der Feststellung, dass Gott der wahre Herr meines Lebens ist?

Wir leben in einer Welt, in der einerseits Stellungen sehr viel gelten, andererseits Worte schnell abgetan werden, wenn sie nicht durch entsprechendes Handeln begründet sind. Jesus stellt beides in Frage, denn er führt unsere Gedanken zurück an die Quelle, aus der die wahre Autorität des Lebens spricht, nämlich zu Gott. Wenn wir uns an Gott festmachen, dann brauchen wir nicht zu befürchten, dass wir unseren Wert als Menschen verlieren. Gleichzeitig muss uns bewusst werden, wie sehr jedem Menschen unsere Achtung und Wertschätzung zusteht. Allein dass Gott hinter jedem von uns steht, macht unseren Wert aus. Da kann uns die Gesellschaft noch so hoch bzw. noch so tief einschätzen. Gott gibt uns unsere Würde. Diese Wurde ist unverlierbar, weder durch Menschen noch durch unser Tun. Leben wir gemäß unserer Würde, dann passen auch Wort und Tun zusammen und wir verkünden Gottes Liebe in Wort und Tat.