Gedanken von mir
 

AusEingrenzen!

Uns ist kaum bewusst, dass das Christentum in vielen Ländern unserer Erde eine Religion der Ausgegrenzten war und ist. Der Blick auf die Anfänge im römischen Reich zeigt, dass es vielfach die Sklaven waren, die sich zum Christentum bekehrten. Filme wie Ben Hur oder Quo vadis erinnern uns daran. Aus einem einfachen Grund war das Christentum gerade für die Menschen ansprechend, die am unteren Ende der Gesellschaft standen und meist keine Rechte hatten: Jesus hat es den Seinen ins Herz geschrieben, wie wir es eben gehört haben. Du sollst Gott lieben und den Nächsten wie dich selbst. Dieses Doppelgebot der Liebe gab es zwar auch im Judentum, doch jetzt wurde es durch das Handeln Jesu neu gedeutet. Jesus behandelte nicht nur die Menschen als Nächste, mit denen er gesellschaftlich auf einer Stufe stand, sondern er sah jeden Menschen, beispielsweise auch die Sklaven, als seine Nächsten. Für ihn gab es keine Menschen zweiter Klasse. Alle sind sie in gleicher Weise Gottes Kinder. Das Christentum war sehr ansprechend für Sklaven und Arme, weil sie hier als Menschen gesehen wurden und es keine besseren und schlechteren Menschen gab. Das Leben der Christen war gerade dadurch geprägt, dass sich hier jeder als von Gott geliebt wissen durfte.

Der heutige Weltmissionssonntag führt uns Menschen aus Indien vor Augen. Die meisten von uns haben schon etwas vom indischen Kastenwesen gehört. Die Gesellschaft wird in verschiedene Stufen eingeteilt. Die Geburt eines Menschen bestimmt, zu welcher Kaste er gehört. Ein Aufstieg ist nicht möglich, nur ein Abstieg. Offiziell zwar vom Staat aufgehoben, ist das Kastenwesen aber nicht aus den Köpfen und damit aus dem Leben der Gesellschaft zu verdrängen.

Am unteren Ende dieser Gesellschaft stehen die „Dalit“. Übersetzen lässt sich dieses Wort mit „gebrochen/zerbrochen sein“. Dalit werden also nicht als ganze Menschen gesehen. In unserem Sprachgebrauch sprechen wir von den Unberührbaren. Den Dalit sind die niedrigsten Dienste zugewiesen und jeder blickt auf diese Menschen herab. Diese Menschen sind sozusagen die Fußabstreifer der Anderen. Wir spüren, dass so ein Kastendenken sich nicht mit christlichem Denken verträgt. Deshalb haben es sich Christen in Indien zur Aufgabe gemacht, sich in besonderer Weise den Dalit zuzuwenden, um diesen Menschen das Gefühl zu geben, dass sie was wert sind. Dieser Gruppe der Ausgegrenzten wird die Möglichkeit zur Bildung gegeben, im Krankheitsfall ist jemand da, der ihnen hilft. Es gibt für sie einen Platz, wo sie bleiben dürfen. Es geschieht ähnliches wie am Anfang des Christentums. Die Ärmsten der Armen finden hier einen Ort, wo sie als Menschen gesehen werden.

Wenn wir am heutigen Tag auf Indien schauen, dann darf das aber nicht dazu verleiten, dass wir das mit einem hochmütigen Blick tun. In unserem Land gibt es zwar kein ausgeprägtes Kastenwesen wie in Indien, aber Menschen, die in der Gesellschaft unter den Tisch fallen, gibt es auch bei uns. Arbeitslosigkeit, Sozialhilfeabhängigkeit, Behinderung, Arbeitsunfähigkeit, hohe Kinderzahl und vieles mehr gliedern auch unsere Gesellschaft in Reiche und Arme, in Bevorzugte und Benachteiligte. Auch wir selbst müssen uns immer neu fragen, ob wir unseren Mitmenschen die nötige Wertschätzung entgegenbringen. Fragen wir uns einmal, von wem wir in letzter Zeit abfällig geredet haben. Wer ist von uns wie Luft behandelt worden. Je mehr wir darüber nachdenken, wen wir nur ungern ansehen, desto mehr Menschen werden uns einfallen. Es gibt diese Menschen, mit denen sich niemand abgeben will, in unseren Schulklassen, in unseren Betrieben, in unserer Dorfgemeinschaft und manchmal auch in unserer Familie. Wenn wir von schwarzen Schafen sprechen, dann verrät uns das. Wir merken auch das ungute Gefühl, das wir dabei haben, wenn wir von anderen ungut reden. Es passt einfach nicht zu dem, was wir glauben.

Christsein lebt vom Gebot der Gottes- und Nächstenliebe. Dieses Gebot ist für unser Leben prägend, weil wir damit Antwort geben auf das, was Jesus uns von Gott erzählt hat. Unsere Fähigkeit zu lieben wurzelt in der Liebe Gottes zu uns Menschen. Weil Gott keine Unterschiede zwischen Menschen macht, haben wir ein schlechtes Gewissen, wenn wir es tun. Gott wendet sich jedem Menschen immer neu in Liebe zu – auch uns. Je mehr wir das verstanden haben, desto mehr drängt es uns, etwas von dieser Liebe weiterzugeben. Dabei ist es leichter, mal den Geldbeutel für Aktionen wie Missio zu öffnen, die Liebe zu leben. Mission ist zuerst unsere Aufgabe im Umgang mit unseren Mitmenschen. Wir missionieren, wenn wir uns in Liebe den Menschen in unserer Welt zuwenden und durch unser Leben Gottes Liebe verkünden. Jeder von uns hat dazu die Möglichkeit. Er kann in seinem Umfeld ein Missionar sein. Manchmal genügt dazu sogar ein Lächeln im rechten Augenblick.