Glaube wächst mit der Erfahrung


Das Evangelium, das wir eben gehört haben, erinnert mich an eine Begebenheit in Bad Tölz. In einem Glaubensgesprächskreis meinte ein Mann, er habe für sich entschieden, dass er nicht mehr glauben werde, denn angesichts aller schlimmen Geschehnisse in der Welt, könne es Gott nicht geben. Man könnte nun darüber diskutieren, ob ein Mensch solch eine Entscheidung treffen kann und warum dieser Mann überhaupt in solch einen Gesprächskreis kommt, doch darum geht es nicht. Die Entscheidung dieses Mannes zeigt etwas anderes. Niemand kann gezwungen werden, zu glauben. Glaube bleibt immer eine persönliche Entscheidung.

Zu den generellen Vorwürfen, die immer wieder zu hören sind, gehört die Behauptung, die Jugend von heute glaubt nichts mehr. So manche Gesellschaftsstudie scheint diese Aussage genauso zu belegen wie verschiedene Erfahrungen im kirchlichen Leben. Wer mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen arbeitet, der weiß, dass diese Aussage so nicht stimmt. Menschen glauben heute anderes, als es einmal war, aber sie glauben. Unser Glaube ist uns wichtig und heilig, denn wir haben darum gerungen und er ist gewachsen. Deshalb fällt es uns auch schwer, wenn andere unsere Überzeugung nicht mitgehen können. Aber auch wenn es schwer fällt, anderen ihre Freiheit im Glauben zu lassen, es muss niemand glauben, was ich glaube und wie ich glaube. Der Glaube ist immer eine persönliche Geschichte eines Menschen mit seinem Gott.

Wenn wir die Texte der Heiligen Schrift lesen, dann haben wir Texte vor uns, die Erfahrungen von Menschen mit Gott beschreiben. Heute haben wir die Erfahrung des Apostels Thomas gehört. Er konnte nicht so einfach glauben, was die Jünger ihm erzählten. Er selbst hatte nicht die gleiche Erfahrung gemacht, wie sie. Die schrecklichen Ereignisse um den Tod seines Meisters hatte Thomas erlebt, doch als die anderen dem Auferstandenen begegneten, war er nicht mit dabei. Jetzt konnte er ihre Erfahrung nicht teilen. Sein Meister sollte wieder leben? So einfach konnte er das nicht glauben. Auch Thomas braucht wie seine Jüngerkollegen eine persönliche Begegnung mit dem Auferstandenen. Erst dann findet er zum Glauben.

Eine persönliche Begegnung von Angesicht zu Angesicht ist uns heute nicht mehr möglich wie sie damals den Jüngern geschenkt wurde. Doch gibt es andere Formen, Gott zu begegnen. Wenn wir in der Heiligen Schrift lesen, dann begegnen wir darin Gott. Auch die Tradition unserer Religion gehört zu den Quellen, aus denen unser Glaube wachsen kann. Allerdings müssen wir uns mit den Texten der Heiligen Schrift und mit unserer Tradition auseinandersetzen. Es genügt nicht, die Texte der Schrift nur zu lesen. Dann bleiben es Worte, die mit mir nicht viel zu tun haben. Erst wenn die Worte der Bibel Berührungspunkte in unserer Person und Geschichte erreichen, wird die Heilige Schrift zum Ort der Begegnung mit Gott. Auch die Tradition als Glaubensgeschichte kann für uns nur Quelle des Glaubens werden, wenn wir uns mit dieser Geschichte auseinandersetzen und sehen, was wirklich zu uns passt. Blinde Übernahme von Traditionen bleibt leere Hülle. Nur wenn sie in uns etwas zum Klingen bringt, kann auch Tradition zu einer Quelle unseres Glaubens werden.

Letztlich erwächst auch unser Glaube aus der Erfahrung Gottes in unserem Leben. Wir deuten unser Leben auf der Grundlage dessen, was wir durch die Erziehung und die Auseinandersetzung mit Bibel und Tradition für uns erkannt haben. Aus dieser Deutung unseres Lebens heraus, wird unser Glaube. Damit geht es uns ähnlich wie dem Apostel Thomas. Auch er deutet seine Begegnung mit dem Auferstandenen und kommt zu dem Bekenntnis, mein Herr und mein Gott.

Ich wünsche uns, dass auch wir dem Auferstandenen begegnen dürfen und ihn dann als unseren Herrn und Gott erkennen. Dann wird unser Glaube zum tragfähigen Grund unseres Lebens.