Wer kann von sich behaupten, dass er noch nie an Gott oder seinem Wirken in der Welt gezweifelt hat? Vielleicht ein Kind – aber sonst wohl kaum jemand.

Der Apostel Thomas wird gerne als der Ungläubige bezeichnet. Aber ist ein Mensch ungläubig, nur weil er zweifelt. Oder ist es nicht vielmehr so, dass der Glaube erst durch den Zweifel richtig wächst. Weil Thomas zweifelt, darf er eine Erfahrung machen, die keiner seiner Mitapostel machen durfte. Er wird eingeladen, die Wundmale Jesu zu berühren. Der Auferstandene setzt sich ihm mit seinen Wunden aus und bietet ihm eine besondere Nähe an. Was das bedeutet, können wir nachvollziehen, wenn wir uns kurz fragen, wie viel Vertrautheit es braucht, damit wir einem anderen unsere Verletzungen zeigen und ihm Anteil daran geben, was uns im Innersten bewegt. Thomas erhält die Gelegenheit. Diese Nähe führt ihn zu einem Glauben, der ihn bekennen lässt: Mein Herr und mein Gott.

Zweifel an Gott, der umtreibt und suchen lässt, führt zu einem Glauben, der wirklich auf einem guten Fundament steht und nicht bei jeder Gelegenheit ins Wanken kommt. Doch Zweifel an Gott sind nicht leicht auszuhalten. Schnell kommen wir ins Fragen, was haben ich falsch gemacht und wo habe ich Gottes Zorn auf mich gezogen. Unser Glaube an Gott und oft ein ganzes Lebensmodell werden in Frage gestellt. Das ist schwer auszuhalten und es nützt wenig, daran zu denken, dass sich schon alles klären wird. Im Alten Testament heißt es, wen Gott liebt, den züchtigt er. Das heißt nicht, dass Gott Lust hätte, uns immer wieder zu prüfen. Vielmehr ist es der Weg der Fremdheit Gottes, der uns immer wieder nach Gott fragen lässt. Wenn wir Gottes nicht mehr sicher sind, wenn unser Glaube durch Zweifel in Frage steht, dann sehen wir, wo wirklich unsere Wurzeln sind, ob sie noch halten oder ob sie längst verdorrt sind.

Zweifel an Gott führen uns in eine Auseinandersetzung, die uns besonders schwer fällt, denn wir merken, wie das in Frage gestellt wird, was uns als unverrückbar vorkam. Wir müssen um etwas kämpfen, was wir als absolut sicher geglaubt haben. Und wir kommen ins Schwimmen. Denn wenn wir nicht einmal mehr Gott sicher haben, was hat dann noch Bestand?

Zweifel sind für uns Menschen Herausforderung und Chance. Zweifel rauben uns falsche Sicherheit und sicher geglaubte Gewissheit. Wir müssen uns damit abfinden, dass uns Dinge aus der Hand genommen sind, die für uns selbstverständlich waren.

Jesus verwendet einmal das Bild vom Weizenkorn, das in die Erde fallen und sterben muss, damit neues Leben möglich wird. Sterben können auch vertraute Gedanken und Vorstellungen. Wer zweifelt, geht den Weg des Weizenkornes. Nur weil auf diesem Weg mancher Gedanke stirbt, findet ein neuer Gedanke Platz. Wer den Weg des Zweifels an Gott geht, wird zum Glauben finden. Denn nur im In-Frage-Stellen Gottes, werden wir ihn wirklich finden.

Der Apostel Thomas sollte uns zu diesem Ringen ermutigen. Er mag von seinen Apostelkollegen belächelt worden sein, weil er es so genau wissen wollte. Doch weil Thomas zu seinen Fragezeichen steht, eröffnet sich ihm der Weg zu einem Glauben, der in die Tiefe geht. Er erkennt und bekennt den Auferstandenen als seinen Herrn und Gott. Ohne seine Zweifel wäre er diesen Weg nicht gegangen.

Der Apostel Thomas sollte uns ermutigen, unsere Zweifel zuzulassen. Er ist ein Beispiel dafür, wie auch wir durch unsere Fragen einen Weg zum Glauben gehen können. Die Angst, den Glauben zu verlieren, ist unbegründet. Gott entzieht sich dem Zweifelnden nicht, er zeigt ihm nur eine neue Seite. Die jedoch sehen zu können, dazu braucht es eine Zeit des Loslassens und eine Zeit des Entdeckens. Es ist nötig, sich vom alten Bild Gottes zu lösen, damit es uns nicht den Blick für ein neues Bild verstellt. Wer bereit ist, die neue Seite Gottes zu entdecken, der findet darin mehr Halt, als er bisher hatte. Denn die neue Facette des Angesichtes Gottes passt besser zum Menschen als die vergangene. Wie sich der Mensch wandelt, wandelt sich auch seine Beziehung zu Gott.

Die Glaubensgeschichte eines Menschen ist zuerst eine Geschichte des Zweifelns. Im Zweifeln entdecken wir immer tiefer Gott als den, der sich unserem Suchen und Fragen aussetzt und sich immer wieder neu finden lässt, bis auch wir ohne Abstriche bekennen können: Mein Herr und mein Gott!