Gedanken von mir
 


Zweifeln erlaubt!


Wer kann von sich behaupten, dass er noch nie an Gott oder seinem Wirken in der Welt gezweifelt hat? Vielleicht ein Kind – aber sonst wohl kaum jemand.

Der Apostel Thomas wird gerne als der Ungläubige bezeichnet. Aber ist ein Mensch ungläubig, nur weil er zweifelt. Oder ist es nicht vielmehr so, dass der Glaube erst durch den Zweifel richtig wächst. Weil Thomas zweifelt, darf er eine Erfahrung machen, die keiner seiner Mitapostel machen durfte. Er wird eingeladen, die Wundmale Jesu zu berühren. Der Auferstandene setzt sich ihm mit seinen Wunden aus und bietet ihm eine besondere Nähe an. Was das bedeutet, können wir nachvollziehen, wenn wir uns kurz fragen, wie viel Vertrautheit es braucht, damit wir einem anderen unsere Verletzungen zeigen und ihm Anteil daran geben, was uns im Innersten bewegt. Thomas erhält die Gelegenheit. Diese Nähe führt ihn zu einem Glauben, der ihn bekennen lässt: Mein Herr und mein Gott.

Zweifel, der umtreibt und suchen lässt, führt zu einem Glauben, der wirklich auf einem guten Fundament steht und nicht bei jeder Gelegenheit ins Wanken kommt. So ein Glaube muss oft mühsam wachsen und bleibt gleichzeitig immer Geschenk bzw. Gnade.

Zweifel an Gott sind nicht leicht auszuhalten. Schnell kommen wir ins Fragen, was haben ich falsch gemacht und wo habe ich Gottes Zorn auf mich gezogen. Unser Glaube an Gott und oft ein ganzes Lebensmodell werden in Frage gestellt. Das ist schwer auszuhalten und es nützt wenig, daran zu denken, dass sich schon alles klären wird. Im Alten Testament heißt es, wen Gott liebt, den züchtigt er und der Petrusbrief spricht davon, dass dem Menschen manche Prüfung ins Haus steht und sich der Glaube bewähren muss. Unser Glaube steht dann auf dem Prüfstand, wenn er durch Zweifel in Frage steht und wir erkennen, wo wirklich unsere Wurzeln sind, ob sie halten oder ob sie längst verdorrt sind.

Zweifel an Gott führen uns in eine Auseinandersetzung, die uns besonders schwer fällt, denn wir merken, wie das in Frage gestellt wird, was uns als unverrückbar vorkam. Wir müssen um etwas kämpfen, was wir als absolut sicher geglaubt haben. Und wir kommen ins Schwimmen. Denn wenn wir nicht einmal mehr Gott sicher haben, was hat dann noch Bestand?

Zweifel sind für uns Menschen Herausforderung und Chance. Zweifel rauben uns falsche Sicherheit und sicher geglaubte Gewissheit. Wir müssen uns damit abfinden, dass uns Dinge aus der Hand genommen sind, die für uns selbstverständlich waren. Gleichzeitig sorgen Zweifel dafür, dass wir unsere Positionen und Denkmuster in Frage stellen und klären. Schließlich müssen wir uns erst von liebgewordenen Gedanken und Haltungen lösen, damit wir offen werden für Antworten, die uns bislang fremd waren. Nehmen wir die neuen Antworten an, eröffnen sie uns den Zugang zu einem tieferen Verstehen und Gewisswerden. Zweifel sind ein Weg, den wir gehen, hin zu einer Offenheit, die unserem Leben die Enge nimmt und uns in Freiheit leben lässt und gleichzeitig in eine engere Verbundenheit führt.

Jesus verwendet einmal das Bild vom Weizenkorn, das in die Erde fallen und sterben muss, damit neues Leben möglich wird. Wer zweifelt, geht den Weg des Weizenkornes. Nur weil auf diesem Weg mancher Gedanke stirbt, findet ein neuer Gedanke Platz. Wer den Weg des Zweifels an Gott geht, wird zum Glauben finden. Denn nur im In-Frage-Stellen Gottes, werden wir ihn wirklich finden.

Der Apostel Thomas sollte uns zu diesem Ringen ermutigen. Er mag von seinen Apostelkollegen belächelt worden sein, weil er es so genau wissen wollte. Doch weil Thomas zu seinen Fragezeichen steht, eröffnet sich ihm der Weg zu einem Glauben, der in die Tiefe geht. Er erkennt und bekennt den Auferstandenen als seinen Herrn und Gott. Ohne seine Zweifel wäre er diesen Weg nicht gegangen.

Der Apostel Thomas sollte uns ermutigen, unsere Zweifel zuzulassen. Er ist ein Beispiel dafür, wie auch wir durch unsere Fragen einen Weg zum Glauben gehen können. Die Angst, den Glauben zu verlieren, ist unbegründet. Gott entzieht sich dem Zweifelnden nicht, er zeigt ihm nur eine neue Seite. Die jedoch sehen zu können, dazu braucht es eine Zeit des Loslassens und eine Zeit des Entdeckens. Es ist nötig, sich vom alten Bild Gottes zu lösen, damit es uns nicht den Blick für ein neues Bild verstellt. Wer bereit ist, die neue Seite Gottes zu entdecken, der findet darin mehr Halt, als er bisher hatte. Denn die neue Facette des Angesichtes Gottes passt besser zum Menschen als die vergangene. Wie sich der Mensch wandelt, wandelt sich auch seine Beziehung zu Gott.

Der Weg des Zweifels gehört zum Glauben dazu, nur so finden wir wirklich zum Glauben. Sowohl die Fragen als auch die Antworten sind Geschenk Gottes, sie sind nicht machbar nur annehmbar. Haben wir einen Weg des Zweifels hinter uns, bedeutet das auch nicht, dass wir nun über jeden Zweifel erhaben wären. Die Glaubensgeschichte eines Menschen ist zuerst eine Geschichte des Zweifelns. Im Zweifeln entdecken wir immer tiefer Gott als den, der sich unserem Suchen und Fragen aussetzt und sich immer wieder neu finden lässt, bis auch wir ohne Abstriche bekennen können: Mein Herr und mein Gott oder franziskanisch: Mein Gott und alles – Deus meus et onmia!