Gedanken von mir
 

Nicht auf dem Berg der Verklärung bleiben

Wenn ein Vater seinen Betrieb an den Sohn übergibt, dann ist das oft ein schwerer Schritt. Der Vater fragt sich, wie wird mein Sohn weitermachen, wird er den Betrieb in meinem Sinn weiterführen oder hat er neue Ideen? Da habe ich mir etwas aufgebaut, was gut ist, wie es ist, und nun muss ich es seinem Schicksal überlassen.

Gedanken wie die dieses Vaters gehen uns immer dann durch den Kopf, wenn wir etwas aus der Hand geben, was uns wirklich ans Herz gewachsen ist. Das kann ein Betrieb sein, ein Mensch, ein Gedanke. Dahinter steht oft eine Entscheidung, die von uns etwas fordert. Wir müssen für etwas Neues das Gewohnte zurücklassen. Es bleibt zurück was uns wichtig geworden ist und wofür wir gelebt haben. Der Satz des Petrus, es ist gut, dass wir hier sind, trifft dann auch unser Befinden. Doch dann geht es uns wie Petrus. Wir dürfen nicht auf dem Berg der Verklärung bleiben. Leben spielt eben nicht auf dem Berg der Verklärung, sondern im Tal.

Menschen, denen etwas abverlangt wird, dazu gehört Abraham. In der alttestamentlichen Lesung hören wir, welch schwerer Gang diesem Mann abverlangt wird. Abraham darf sich glücklich schätzen, dass ihm im hohen Alter noch ein Kind geschenkt wurde. Doch jetzt wird von ihm verlangt, dass er das Kind, auf das er ein Leben lang warten musste, opfern soll. Von Abraham wird verlangt, dass er das Wichtigste aus der Hand gibt, was er hat. Er muss Gott seinen Sohn zurückgeben. Isaak gehört nicht Abraham. Er ist nicht Abrahams Besitz, sondern gehört Gott. Jeder Mensch gehört allein Gott. Den Prozess des Abraham durchlaufen alle Eltern, wenn sie ihre Kinder ins Erwachsensein entlassen. Dann machen sie die Erfahrung, dass die Heranwachsenden nicht ihnen gehören, sondern allein Gott. Auch unsere Freunde, unsere Mitarbeiter, alle Menschen gehören Gott. Wir dürfen mit ihnen leben, aber nicht über sie verfügen.

In der Isaak- Geschichte steckt ein weiterer Gedanke. Er schlägt die Brücke zum neuen Testament. Paulus erinnert in seinem Römerbrief an Gott, der seinen Sohn für die Menschen gibt. Als Abraham seine Hand gegen Isaak erhebt, wird er daran gehindert, seinen Sohn zu opfern. Hier genügt ein Widder, um das Opfer des Abraham Gott gefällig zu machen. Gott selbst jedoch gibt alles für den Menschen. Er schont seinen Sohn nicht. Gottes Sohn hat einen Auftrag zu erfüllen, der ihn den Weg ans Kreuz führt. Das Kreuzesopfer Jesu macht alle anderen Opfer unnötig. Es braucht weder das Opfer Abrahams noch sonst ein Opfer, um das Erbarmen Gottes zu erbitten. Das Kreuzesopfer genügt ein für alle mal. Gott hat soviel gegeben, dass der Mensch nichts mehr dazu tun muss.

Opfer wie das des Abraham oder das Opfer Jesu brauchen einen tieferen Hintergrund. Bei Abraham ist es seine Erfahrung mit Gott, die ihn aus seiner Heimat vorziehen ließ hinein in ein verheißenes Land. Er durfte erfahren, dass er sich auf Gottes Wort verlassen kann. Jesus wird auf dem Berg der Verklärung von Gott als Sohn bestätigt. Wie in seiner Taufe heißt es auch hier: Das ist mein geliebter Sohn. Erfahrungen wie diese befähigen Menschen, dass sie sich auf ungewisse Wege machen. Ähnliche Erfahrungen brauchen wir Menschen, wenn wir uns auf einen ungewohnten Weg machen müssen.

Die Jünger Jesu verstehen zwar nicht, was auf dem Berg der Verklärung wirklich geschieht. Vielmehr zeigt die Reaktion des Petrus, wie sehr er durch das Geschehen auf dem Berg überfordert ist. Doch trägt die Verklärung Jesu dazu bei, dass die Jünger später verstehen werden, was der Tod Jesu wirklich bedeutet.

So manche Entscheidung, die wir Menschen zu treffen haben, verstehen wir auch nicht. Sie wird uns aufgezwungen und wir wissen nicht genau, was wird. Wir sind gezwungen, das Gewohnte aufzugeben und uns auf Ungewisses einzulassen. Auch wenn wir dabei für den Moment überfordert sind, so hilft uns doch das Vertrauen auf Gott. Unser Vertrauen hat seinen Grund in der Erfahrung des Abraham, dem Gott seine Bereitschaft mit einer Verheißung belohnt. Es hat seinen Grund auch in der Erfahrung Jesu, den Gott als seinen geliebten Sohn benennt. Beides, die Erfahrung des Abrahams und das Wissen, dass auch wir Kinder Gottes sind, lassen auch uns in eine Zukunft aufbrechen, die uns oft wenig verlockend und ziemlich unsicher vorkommt.

Die Fastenzeit will uns auf solche Schritte einstimmen. Indem wir bewusst auf Dinge verzichten, die uns angenehm und vertraut sind, stimmen wir uns auch auf Schritte ein, die uns mehr aus der Hand nehmen, als nur ein paar Süßigkeiten oder die gewohnten Genussmittel. Fastenzeit soll eine Übungszeit sein. Sie will uns helfen, unser Vertrauen in Gott zu stärken, indem wir erfahren, dass uns das notwendige zum Leben bleibt. Wir dürfen das Vertrauen nähren, dass Gott sich um uns sorgt. Was in kleinen Schritten wächst, zeigt sich schließlich im Vertrauen, dass auch große Schritte möglich werden und von Gott getragen sind.