Unbequeme Gottesgedanken


Nicht jedes Bild, das die Heilige Schrift uns von Gott vorschlägt, ist leicht zu nehmen. Ähnlich ergeht es uns mit dem Gottesbild, mit dem wir es heute zu tun haben. Abraham macht sich auf den Weg, um seinen Sohn Isaak zu opfern. Wie lange hat es gedauert, bis sich sein Wunsch nach einem Stammhalter erfüllt hat, und nun soll er dieses Kind umbringen, weil es Gott geopfert wird? Dieser Gedanke wirkt nach. Auch wenn im letzten Moment ein Engel Gottes eingreift und damit Abrahams stilles Vertrauen bestätigt, bleibt ein Beigeschmack. Verstärkt wird dieser auch noch durch den Gedanken, dass Gott seinen geliebten eigenen Sohn Jesus opfert. Manchmal hört man, dass Kinder Gott versprochen werden. Im übertragenen Sinn ist auch das ein Opfer. Schließlich wird auch im Zusammenhang mit dem Ergreifen eines religiösen Lebens immer wieder von Opfer gesprochen. Der Gedanke an ein lebendiges Opfer, in dem sich Menschen an Gott übergeben ist verbreiteter, als wir vielleicht vermuten.

Unbeachtet dieser Gedanken darf der religionsgeschichtliche Hintergrund nicht übersehen werden. Die Grundaussage dieser Abrahamsgeschichte heißt: Gott will keine Menschenopfer. Damit hebt sich die Religion Abrahams von den religiösen Bräuchen seiner Umgebung ab. Gott braucht gar keine Opfer. Wir müssen ihm nichts versprechen und nichts Besonderes tun, um ihn gnädig zu stimmen oder ihn auf unsere Seite zu ziehen. Gott steht bereits auf unserer Seite.

Allerdings bedeutet das nicht, dass unser Leben nicht auch Entbehrungen kennt. Der Mensch wird durch sein Leben eines Weges geführt, der von ihm Entscheidungen von unterschiedlicher Bedeutung verlangt. Abraham hat sich auf ein Leben mit Gott eingelassen und zu ihm JA gesagt mit allen Konsequenzen. Sich für Gott entschieden zu haben, schließt für ihn auch ein, dass er sich gegen sein Kind für Gott entscheidet.

Jesus ringt am Ölberg mit seiner Entscheidung, ob er sich auf den Weg des Leidens begibt oder ob er sich verweigert. Als er sich für den Leidensweg entscheidet, ist es seine Bereitschaft, sich auf den Weg ans Kreuz zu machen. Nicht weil er von Gott gezwungen wird, geht Jesus seinen Weg, sondern weil er darin seine Lebensaufgabe sieht.

Auch wir müssen uns in verschiedenen Situationen immer wieder entscheiden. Je nach Bedeutung fallen uns diese Entscheidungen leichter oder schwerer. Was uns dabei beeinflusst, lässt sich oft gar nicht so genau erklären. Wichtig ist jedoch, dass unser Leben nicht durch Gott vorbestimmt ist, sondern der Mensch sich entscheiden kann. Sein Leben hängt von den verschiedenen Entscheidungen ab und verläuft entsprechend dieser Entscheidungen. Nur so kann der Mensch auch für sein Handeln verantwortlich sein.

Gott will keine Menschenopfer. Das gilt für Abraham, das gilt im übertragenen Sinne auch für uns. Egal was ich als Grundorientierung für mein Leben wähle, sie ist kein Lebensopfer. Vielmehr treffe ich eine Entscheidung für mich. Entscheide ich mich für ein Leben mit Gott, dann treffe ich eine Grundentscheidung, die ein Leben in Entschiedenheit nach sich zieht. Mein sogenanntes gottgefälliges Leben ist dann aber kein Opferleben. Ich opfere mich auch nicht zu Gunsten eines höheren Wertes auf und gebe mich aus der Hand, sondern ich treffe eine Entscheidung, von der ich glaube, dass sie für mich die richtige ist. Diese Wahl ist nur dann gottgefällig, wenn ich überzeugt bin, dass sie die 1. Wahl für mich ist. Bringt solch eine Entscheidung dann den Verzicht auf schönes mit sich, ist dies nur die Konsequenz meiner Entscheidung.

Wenn wir in diesen Tagen der Fastenzeit unser Leben wieder genauer in Blick nehmen und dabei auch auf manches verzichten, dann macht dies nur dann einen Sinn, wenn wir dadurch unser Leben bewusster wahrnehmen. Der Blick auf unser Leben hilft uns zu sehen, was denn wirklich wichtig ist. Manche Entscheidung mag dabei auch zu überdenken sein. Und bei mancher Entscheidung müssen wir vielleicht wieder zu neuer Entschiedenheit finden. Ist damit Verzicht verbunden, dann muss dies dazu dienen, dass uns unser Leben selbst bewusster wird und größere Fülle findet. Nur dann macht auch unser Fasten wirklich Sinn.