Haben Sie schon ein Kind staunen gesehen? Ein Kind bleibt einfach stehen, sieht etwas – wir wissen noch nicht einmal was - hat große Augen und einen offenen Mund und schaut nur noch. Die Welt um es herum scheint vergessen. Das Kind schaut nur noch, redet nicht mehr, bewegt sich nicht mehr, nimmt nur noch wahr. Dabei schaut es, ohne zu nachzudenken, wie denn oder weshalb etwas ist. Ein Kind kann sich einfach über die Schönheit freuen. Es entdeckt die Welt mit den Augen und gleichzeitig mit allen Sinnen.

Auch Wissenschaftler können wir staunen sehen. Wenn sie mit ihrer Forschung die Vielfalt und den Reichtum der Welt entdecken, erkennen sie zwar viele Zusammenhänge, doch gleichzeigt wird die Welt für sie zur Faszination und die Unergründbarkeit der Dinge lässt einen Wissenschaftler trotz allem Wissen staunen. Wer kann sich beispielsweise der Faszination von Bildern aus dem Weltraum so einfach entziehen?

Kind und Wissenschaftler verbindet das Staunen über Gottes Schöpfung. Auch wenn die Zugänge unterschiedlich sind, nehmen beide die Schöpfung in ihrer Schönheit wahr. Sie sehen was scheinbar so einfach geschieht und oft wie ein Wunder auf uns Menschen wirkt, und staunen. Schon seit längerer Zeit läuft im Fernsehen eine Sendung, die Vorgänge in der Welt vorstellt. Wunderwelt des Wissens ist ein treffender Begriff, denn er zeigt, dass wir trotz allem Wissen immer noch Grund haben zum Stauen.

Staunen über Gottes Schöpfer und damit über Gott als den Schöpfer der Welt ist eine Ebene. Eine zweite Ebene ist das Staunen über das Handeln Gottes an seinem Volk.

Die Heilige Schrift erzählt die Geschichte der Welt als Geschichte Gottes mit seinem Volk. In dieser Geschichte geht es auf und ab. Wir lesen die Treue des Volkes Gottes und die noch größere Untreue. Wir lesen von Irrwegen, von Sackgassen und Umwegen. Doch man staune, Gott gibt sein Volk nicht auf. Gott bleibt bei seinem Volk, er geht mit und geleitet es, damit es schließlich an sein Ziel findet. Die Geschichte ist staunenswert, denn es ist die Geschichte eines Gottes, der unendlich Erbarmen hat und immer wieder vergibt. Der Prophet Baruch fordert die Welt zurecht auf, auf Jerusalem zu schauen. Der Glanz Jerusalems soll dem ganzen Erdkreis gezeigt werden. Gott hat an sein Volk gedacht, er führt Israel in Freude heim. Der Mensch kann dabei nur noch staunen. Hat Gott alles vergessen, was sein Volk ihm angetan hat.

Und Gott setzt noch etwas drauf. In einem unserer Marienlieder heißt es in der zweiten Strophe: Ein Staunen die Natur erfasst, dass du den Herrn geboren hast, den Herrn und Schöpfer aller Welt, der dich erschaffen und erwählt.

Neben dem Staunen über die Schöpfung und dem Staunen über die Geschichte Gottes mit seinem Volk folgt nun das Staunen über die Menschwerdung Gottes.

Eben läuft in Haus Ohrbeck ein Familienseminar. Wir haben uns da Gedanken darüber gemacht, was es denn heißt, dass Gott Mensch wird, dass Gott in jedem Menschen da ist. Es wurde schwierig mit der Frage, wenn wir dabei Menschen vor Augen hatten, einen Amokläufer oder einen, der Kinder misshandelt hat. Gott ist in diesen Menschen da, kann das wahr sein? Was bedeutet für mein Denken über andere  Menschen, wenn ich in ihnen Jesus sehe? Das Geheimnis der Menschwerdung Gottes lässt sich vom Menschen nicht begreifen. Er kann es nicht verstehen, er kann es nicht ergründen. Der Mensch kann nur sich öffnen, staunend daran glauben, dass das war ist. Johannes der Täufer ruft die Menschen deshalb dazu auf, dem Herrn den Weg zu bereiten, sich zu öffnen, damit er ankommen kann. Vielleicht bedeutet dieses sich öffnen, dass ich mich an den Gedanken gewöhne, dass Gott wirklich in jedem Menschen da ist. Auch hier können wir nur über einen Gott staunen, der keinen Menschen abschreibt oder fallen lässt.

Die Zeit des Advent ist die Zeit des sich Öffnens. Wenn der Mensch sich staunend öffnet für das Ankommen Gottes in der Welt, dann wird Gott Teil seines Lebens. Gott wird zur Wirklichkeit für jeden von uns. Es wird wahr, Gott ist in unserer Mitte – erstaunlich und doch wahr.