Gedanken von mir
 

Der Berg ruft!

In der Hl. Schrift ist an bedeutenden Stellen vom Berg die Rede. Wir wissen, dass Moses auf den Berg Sinai steigt, um dort die zehn Gebote zu empfangen, und als Elia Gott sehen will, dann muss er auf den Horeb steigen – den Gottesberg. . Jesus gibt seinen Jüngern in der Bergpredigt seine Lebensregeln mit auf den Weg. Wir hören vom Berg der Verklärung als einem Ort, wo die Jünger Jesu hinter die Wirklichkeit blicken dürfen. Und heute hörten wir in der Lesung vom Berg Zion, als Ort des Festmahles am Ende der Zeiten. Immer dann, wenn in der Hl. Schrift vom Berg die Rede ist, dann weiß der Leser, jetzt wird es wichtig. Der Grund dafür ist leicht zu erkennen. Wir können ihn selbst wahrnehmen.

Wenn wir auf einen Berg steigen, dann kann das der sportliche Ehrgeiz sein. Doch für die meisten spielt dieser Gedanke keine Rolle. Vielmehr ist es bewusst oder unbewusst die Sehnsucht nach einem Ort, wo wir für einen Moment unserer Welt entrückt sind. Der lange Anstieg führt uns buchstäblich Schritt für Schritt aus dem Alltag heraus. Wir gewinnen Abstand, lassen die vielen Dinge hinter uns liegen, die uns sonst belasten, und machen auch die Erfahrung, die Reinhard Mey vom Fliegen beschreibt. Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein, alle Ängste alle Sorgen bleiben darunter verborgen. Manchmal können wir es sogar sehen, wie die Wolken unsere Sorgen zudecken und wir mal im Denken frei werden, dann wenn während dem Aufstieg sich ein Wolkenmeer unter unseren Füßen ausdehnt und so die ganze Welt zudeckt. Wer hat da nicht schon mal tief durchgeatmet.

Wenn wir auf einem Berg stehen, scheinen wir Gott ein Stück näher gekommen zu sein. Stellt uns jemand die Frage nach dem Himmel, sind unsere inneren Augen schnell nach oben gerichtet. Dort vermuten wir Gott. Wenn wir also einen Berg erklommen haben, dann fühlen wir uns oft auch Gott etwas näher. Nicht umsonst steigt Moses auf einen Berg, um Gott zu begegnen und Jesaja lässt das himmlische Mahl auf dem Berg Zion stattfinden. Auch wenn es kühler Logik widerspricht – auf einem Berg fühlen wir uns Gott näher. Hier ist ein Ort, wo Gott einfach da ist.

So gesehen wird der Berg zur Einladung an uns. Mit dem nötigen Abstand lädt er uns ein, einen anderen Blick auf unseren Alltag zu werfen. Wenn wir von oben auf unsere Welt schauen, dann haben wir einen besseren Überblick. Mit dem nötigen Abstand sehen wir die verschiedenen Zusammenhänge besser und manchmal kommt auch eine gewisse Ordnung in unsere Gedanken. Lange Aufstiege sind geschenkte Zeit zum Nachdenken.

Der Blick von oben ist auch ein Blick mit Gott. Wir bekommen nicht nur einen besseren Überblick geschenkt, sondern wir haben einen zweiten Seher dabei. Die Stille, die uns auf unserem Weg begleitet, ist eine Form, wie uns Gott begegnet. Mit ihm eröffnen sich uns neue Perspektiven von unserem Leben. Es klären sich Dinge, wir beginnen neu zu sehen.

Die Einladung des Berges können wir annehmen oder ablehnen. Sie ist eine Einladung Gottes, ähnlich wie sie im Evangelium ausgesprochen wurde. Viele Gäste waren zum Fest geladen, aber so heißt es, sie hatten wichtigeres zu tun. Das Geschenk der Berge, mal ins Nachdenken zu kommen, Leben anzusehen, können wir genauso ablehnen. Dann wenn wir zum Gipfel stürmen, ohne die Dinge um uns herum zu sehen und ohne uns auf die Stille einzulassen, geht uns was verloren. Wir können uns aber auf einen Weg einlassen, der zur Erfahrung Gottes wird. So nehmen wir die Einladung der Berge an und wir werden verändert wieder ins Tal zurückgehen.

Damit fällt ein letztes Stichwort. Der Weg auf den Berg zieht einen Abstieg nach sich. Irgendwann müssen wir uns wieder nach unten, ins Tal, in den Alltag begeben. Leben spielt sich nicht auf den Gipfeln der Berge ab, sondern in den Niederungen der Täler. Wer jedoch vom Gipfel ins Tal absteigt, der kommt mit einer Erfahrung zurück. Er hat die Nähe Gottes erfahren, die bringt er mit ins Tal. Die Umstände, in die er zurückkehrt, sind geblieben. Verändert hat sich nur die Sichtweise. Dadurch wird sich der Alltag verändern – nicht viel, aber ein kleines Bisschen – oft genügt das auch.