Gedanken von mir
 

Dankbarkeit - wofür?!

Den Menschen heute wird immer wieder vorgeworfen, dass sie nicht mehr fähig wären, dankbar zu sein. Auch wenn ich bezweifle, ob das so stimmt, gerade von Jugendlichen und Kindern erfahre ich viel Dankbarkeit, so wissen wir doch, dass hinter den meisten Vorwürfen auch ein Stück Wahrheit steckt.

Was macht den Menschen dankbar? Dankbar ist der Mensch dann, wenn wer weiß, dass er etwas bekommt, was er eigentlich nicht verdient hat, was er nicht erarbeitet hat oder dass etwas nicht automatisch so läuft, wie er es begrüßt. Umgekehrt gesehen muss ich mich für das, was mir zustehen, nicht bedanken. Niemand wird mir einen Vorwurf machen, wenn ich mich beispielsweise nicht für meinen Arbeitslohn bedanke. Wer das erwarten würde, der wäre der Meinung, dass ich meinen Lohn nicht verdient hätte.

Wenn wir also Dankbarkeit vermissen, kann das zwei Gründe haben. Zum einen stellt sich uns die Frage, wofür wir Dankbarkeit erwarten und nicht bekommen. Tun wir etwas nur, damit uns der Andere dankbar sein muss? Dann müssen wir uns fragen lassen, wieso wir  so nach Dank und Lob hungrig sind und in wieweit wir Dank als Selbstbestätigung brauchen. Dank ist etwas Freiwilliges. Wenn ich ihn einfordere, dann ist meine Gabe für den Anderen nicht ein Geschenk, sondern ein Handel. Der Andere bezahlt mit seinem Dank das, was er von mir bekommen hat. Dank ist etwas Freiwilliges. Er ist Geschenk, das wir gern annehmen dürfen.

Das Gefühl fehlender Dankbarkeit kann also das Ergebnis einer unbefriedigten Erwartungshaltung sein. Fehlende Dankbarkeit kann auch Zeichen dafür sein, dass ich immer mehr zu der Überzeugung komme, ich hätte einen Anspruch auf das, was mir zukommt. Dann wir das Fehlen von Dankbarkeit zum Zeichen einer Anspruchshaltung, die von vielen Selbstverständlichkeiten aus geht, die gar keine sind.

Das Erntedankfest ist ein Fest, das zur Bewusstseinsbildung beiträgt. Der Mensch wird daran erinnert, dass der Mensch sich selbst immer Gott verdankt und sein Leben Geschenk ist.

Wer in der Landwirtschaft arbeitet, der weiß, dass er mit allem Einsatz der Technik keine Erntegarantie bewirken kann. Eine erfolgreiche Ernte bleibt immer angewiesen auf nicht steuerbare Einflüsse. Gerade in diesem Jahr wurde uns das vor Augen geführt. Das Wetter war für viele Landwirte nicht gerade gewünscht und das Hochwasser tat das Übrige, um Ernte zu vernichten. Wir sehen hier besonders deutlich, dass der Mensch Grund zur Dankbarkeit hat, wenn Felder Frucht bringen. Im Garten ist das genauso offensichtlich.

Was für Land und Garten gilt, das gilt auch für andere Arbeiten. Wir können dankbar sein für ein gutes Klima an unserer Arbeitsstätte, für angenehme Mitarbeiter oder Mitschüler, auch für unsere Fähigkeiten und für unseren Arbeitsplatz überhaupt gilt es dankbar zu sein. Oft sind das alles trotz aller Mühe keine Selbstverständlichkeiten mehr.

Hinzu kommt die Dankbarkeit für das Leben selbst, die Menschen, die Familie, Freunde, …

Wenn wir unseren Blick schärfen, dann finden wir schnell viele Gründe zur Dankbarkeit. Das Erntedankfest greift unsere Dankbarkeit auf und lenkt sie hin auf Gott, den Herrn der Schöpfung.

Zuerst will uns das heutige Fest daran erinnern, dass wir selbst verdankt sind. Unser Leben ist nicht selbstverständlich, sondern es ist Gottes Gnade, die uns leben lässt.

Hinzu führt uns das Erntedankfest auch die Verantwortung vor Augen, die wir für unser Leben haben. Unser Leben und vieles in unserem Leben erfahren wir als Geschenk. Wenn wir Geschenke verteilen, dann kommt es auch vor, dass diese Geschenke in irgendeiner Ecke landen. So etwas tut uns dann weh!

Fragen wir uns, wie wir denn mit den Geschenken Gottes umgehen. Seine Geschenke, unser Leben, die Menschen, die Umwelt, Schöpfung, …

Für uns Franziskaner gibt es einen thematischen Schwerpunkt, der uns immer wieder beschäftigen soll. Wir reden von einer Option für Gerechtigkeit und Frieden und die Bewahrung der Schöpfung. Seit Juni ist dieses Thema in unserer Provinz mit dem Haus Bad Tölz verbunden.

Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung nimmt die großen Geschenke Gottes wahr und erinnert uns an die Verantwortung, die sich damit verbindet. Gerechtigkeit und Frieden führen uns das Geschenk Mensch vor Augen und fragen uns nach der Ehrfurcht und der Achtung jedes Menschen in jedem Land unserer Erde. Wir sehen die großen Konflikte in unserer Welt. Sie entstehen dann, wenn sie Nationen gegenseitig nicht respektieren in ihrer Selbstverwaltung oder geografischen Ausdehnung. Diese großen Konflikte haben ihre kleinen Kinder bei uns. Was Staaten nicht verstehen, gelingt uns auch nicht. Wie viele Streitigkeiten in der Familie, mit Mitmenschen haben ihre Ursache darin, dass wir uns nicht zurückhalten können und meinen zu wissen, wie der andere zu sein hat.

Bewahrung der Schöpfung stößt uns auf das Thema der Ehrfurcht und Achtung unserer Natur und fordert den behutsamen Umgang mit unserer Welt. Wir müssen lernen, die Natur zu beobachten und sie als Partner zu verstehen. Beides, Gerechtigkeit und Frieden und die Bewahrung unserer Schöpfung sind die großen Fragen, wenn es um die Zukunft der Menschen in unserer Welt geht.

Das Erntedankfest öffnet uns für diese Dimension unseres Lebens. Es ruft uns zur Dankbarkeit für unsere Beziehung zu Menschen, zur Umwelt und zu Gott und erinnert uns an die damit verbundene Verantwortung. Es ist Ausdruck unserer Dankbarkeit für alles, was unser Leben aus macht und für das Leben selbst.