Wer hat das Sagen?


Zügig geht der Wahlkampf in die letzte Phase, schließlich fällt nächsten Sonntag eine wichtige Entscheidung. Wer darf die besten Plätze im Bundestag einnehmen? Die politischen Parteien werben um möglichst viele Wähler. Wie die Jünger kämpfen sie um erste Plätze und manchmal gewinnt man dabei den Eindruck, der Bezug zur Wirklichkeit geht verloren. Die wahlberechtigten Bürger dieses Landes werden nicht mehr richtig ernst genommen. Populistische Aussagen nicht nur der Linkspartei scheinen den Wähler gar für dumm zu verkaufen. Die Liebe zur Macht lässt Parteien so mit sich selbst beschäftigt sein, dass sie nicht mehr hören, was andere ihnen sagen möchten.

Die Jünger sind auch mit sich beschäftigt. Sie diskutieren darüber, wer denn die besten Plätze einnehmen darf. Sie sind sosehr mit sich beschäftigt, dass sie gar nicht merken, welche Botschaft Jesus für sie hat. Der spricht nämlich gar nicht von einer Regierungsbank, auf der beste Plätze zu vergeben sind. Jesus spricht von seiner Zukunft, von dem Weg nach Jerusalem und dem damit verbundenen Ende. Doch die Jünger haben kein Ohr für ihren Meister, dabei hat er ihnen etwas sehr persönliches zu erzählen.

Die Jünger haben kein Ohr für diese Botschaft. Fehlt ihnen nur das nötige Gespür, um wach zu sein für die Worte Jesu? Vielleicht ist es fehlende Offenheit, weil die Botschaft Jesu sogar keinen Platz in ihrem Konzept hat. Was er da ankündigt, geht schließlich nicht mit dem Traum einer Regierungsbeteiligung zusammen. Vielleicht fehlt ihnen auch die Unvoreingenommenheit eines Kindes, das Jesus dann als Beispiel wählt, um seinen Jüngern ihr Verhalten zu spiegeln.

Kinder haben eine eigene Art, die Welt wahrzunehmen. Sie sind Entdecker und Forscher, die sich auf Neues und Fremdes freuen, denn sie wollen etwas entdecken. Der Blick der Kinder ist unverstellt. Er kennt nicht den Filter der Bedenken. Wer Kinder beobachtet entdeckt eine hohe Sensibilität für andere. Kinder nehmen sehr schnell auch feine Veränderungen im Verhalten anderer Menschen wahr. Sie sind offen und gespannt und gehen deshalb auch auf Neues und Fremdes zu. Die Haltung der Kinder ist es, die Jesus seinen Jüngern entgegenhält und ihnen als Vorbild dafür zeigt, wie Menschen Gott wahrnehmen können.

Was macht es uns Menschen oft so schwer, die Gedanken Jesu wahr- und anzunehmen. Wo sind die Hemmnisse, die Gottes Wort immer wieder ausbremsen. Die letzten Wochen liefern so manches Beispiel dafür, wie Wahrnehmung verstellt wird, weil der Mensch sich in seiner Suche nach den besten Plätzen die Frage stellt, was es ihm denn bringt. Wo bleibe ich und was gebe ich auf, sind Taubmacher, die christliches Handeln verstummen lassen.

Menschliche Wahrnehmung ist gefiltert durch Bedenken. Manche Idee von einer besseren Gesellschaft scheitert nur daran, dass ihr Realitätsbezug abgesprochen wird. Als Utopie und Spinnerei abgetan, finden sie keinen Raum im menschlichen Leben, um zeigen zu können, dass es doch funktioniert. Viele Heilige unserer Kirche sind gerade deshalb zu Vorbildern geworden, weil sie sich nicht durch Bedenkenträger irre machen ließen.

Menschliche Offenheit wird eingeschränkt durch negative Erfahrungen. Leider verliert der Mensch seine kindliche Offenheit, weil er sich durch entsprechende Erfahrungen entmutigen lässt. Zurückgestoßen oder ausgenützt zu werden, hinterlassen Spuren, die den Menschen vorsichtig machen. Denn es ist für den Menschen schwierig, sich einmal zerstörtes Vertrauen wieder zu erarbeiten.

Der Mensch verliert auch an Sensibilität für den Anderen. Die Menge an Eindrücken, die der Mensch immer wieder verarbeiten muss und die Gedanken, die er auf sich selbst verwendet, machen es ihm schwierig, aufmerksam für die Not des anderen zu sein und für ihn ein entsprechendes Ohr zu haben. So fehlt den Menschen auch das Ohr für die Botschaft, die Jesus hat. Sein Wort von der Ohnmacht Gottes, seiner Hingabe aus Liebe und der Hoffnung, die sich mit seiner Botschaft verbindet, kommt nicht an. Es fehlt das Ohr für eine Botschaft von einer anderen Weltordnung, in der es nicht um das Verteilen von ersten Plätzen geht, sondern um das Wohl aller Menschen, der alten und jungen, der kranken und gesunden, denen mit und ohne vernünftiges Einkommen. Jesus hat ein Ohr für jeden Menschen und er lebt damit seine Botschaft von einem Gott, der ein Ohr für jeden Menschen hat.

Manchmal erscheint es mir, als ob diese Botschaft in unserer Gesellschaft nicht mehr gewünscht wird. Denn Gott zu glauben, ist nicht mehr populär. Das ist bedenklich, denn nur Gott garantiert das Wohl aller Menschen. Wer an Gott glaubt und sich für diesen Glauben einsetzt, der kämpft nicht mehr um die besten Plätze, der setzt sich ein für eine bessere Welt. Dann aber müsste man auch andere Prioritäten setzen als den Gewinn von möglichst vielen Stimmen.

Natürlich wird am nächsten Sonntag auch meine Stimme dabei sein, wenn gezählt wird. Denn nur wenn ich wähle, leiste ich auch einen Beitrag zum Wohl der Menschen in unserer Gesellschaft. Die Auswahl ist vielleicht nicht leicht, aber jede Stimme, die nicht abgegeben wird, ist letztlich eine Stimme für Populisten und Extremisten - egal welcher Farbe - und damit gegen die Menschen in unserem Land.