Die Pharisäer und Schriftgelehrten regen sich über Jesus auf. In ihren Augen kümmert sich Jesus nur um Schlechten. Er gibt sich mit denen ab, die von den jüdischen Führern zu den Ausgestoßenen gerechnet werden. Müsste sich nicht der Messias zuerst um die kümmern, die ihm immer treu ergeben waren? Wieso haben wir uns angestrengt, hört man die Frommen. Die anderen machen sich ein schönes Leben und kümmern sich um nichts und erfahren dann auch noch die Zuwendung des Meisters. Ist das gerecht?

Jesus antwortet auf diese Vorwürfe mit Bildern. Er erzählt davon, dass ein Hirte auch noch das letzte Schaf sucht und eine Witwe der letzten kleinen Geldmünze nachspürt. Niemand wird von Gott verloren gegeben. Gott geht jedem nach, egal was mit ihm los ist.

Als drittes Bild erzählt Jesus das Gleichnis vom barmherzigen Vater. Dieses Bild vom Sohn, der sich von seiner Familie verabschiedet und in die Fremde geht und schließlich wieder reumütig zurückkehrt, ist uns von Kindheit an vertraut. Doch sehen wir uns die verschiedenen Personen einmal genauer an. Am bewusstesten ist uns die Person des Sohnes, der loszieht. Seinen Weg gehen wir mit, wie er sich erst auszahlen lässt und sich dann von seinem Vater verabschiedet. Das Erbe ist bald verbraucht und schließlich endet er in der Gosse. Da erinnert er sich daran, wie gut er es zu Hause hatte und kehrt um. Sehr klein ist er geworden, als er wieder bei seinem Vater anklopft. Eigentlich hat er nichts mehr zu erwarten. Wir sehen in diesen Sohn meistens nur die Reue und die Umkehr, doch welche Perspektive hatte dieser junge Mann bei seiner Familie? Als jüngerer Sohn wäre er immer nur der zweite Mann unter seinem Bruder gewesen. Das Haupterbe wäre an den Älteren gegangen. Nur indem der Jüngere sich von zu Hause verabschiedet, hat er eine andere Perspektive als ein Leben in Abhängigkeit von seinem Bruder. Nur weil sich der jüngere Bruder von seiner Familie löst, kann er sich auch freimachen von den Regeln in seinem Zuhause. Zurückgekehrt ist er nicht mehr der Kleine sondern wird wirklich zum freien und eigenständigen Menschen.

Blicken wir hier auf den Älteren der beiden Brüder, so wird seine Reaktion als Eifersucht auf die Zuwendung des Vaters gedeutet. Der Große erkennt in seiner Entrüstung nicht, wie sehr er in all den Jahren die Liebe seines Vaters erfahren hat und weiterhin erfährt. Gleichzeitig kann man ihn auch anders verstehen. Durch die Reise seines Bruders wurde ihm dieser entzogen. Der Jüngere kehrt nicht als Diener zurück, auch wenn er dies dem Vater angeboten hat. Der Jüngere hat sich freigemacht vom Zugriff des Älteren. Er wurde dem Großen entzogen.

Hier finden wir den Ärger der Schriftgelehrten und Pharisäer wieder. Indem Jesus sich den Sündern und Ausgestoßenen zuwendet und sie als Teil der Gesellschaft achtet und ehrt, werden diese Menschen dem Zugriff der jüdischen Führer entzogen. Nicht Menschen haben darüber zu entscheiden, ob jemand zur Gemeinschaft der Gläubigen gehört, sondern allein Gott. Er ist eben der barmherzige Vater, der auf jeden einzelnen Menschen wartet, egal welchen Weg ein Mensch hinter sich gebracht hat. Gott schenkt uns Menschen die Freiheit, uns auf den Weg zu machen, auch wenn uns dieser Weg aus der Beziehung mit Gott führt. Gott lässt den Menschen ziehen. Und Gott setzt in uns die Hoffnung, dass wir uns auf unserem Weg wieder an seine offenen Arme erinnern. Der Mensch darf immer wieder den Weg zu Gott finden. Ihm wird nichts nachgetragen.

Können wir mit dieser Barmherzigkeit Gottes leben? Natürlich! werden wir antworten. Solange wir sie für uns in Anspruch nehmen. Wenn wir dabei an andere denken, an die, die wir nicht in unseren Reihen brauchen können, die uns verletzt haben, die uns fremd sind, die nicht in unsere Vorstellungen passen, können wir dann noch damit leben, dass Gott zu allen Menschen barmherzig ist und jeden Menschen immer wieder annimmt? Die Person des älteren Bruders gehört oft zur Wirklichkeit unseres Lebens. Wir können sein Verhalten verstehen, weil es oft auch unser Verhalten ist. Gott jedoch ist der barmherzige Vater, der jedem Menschen seinen Weg gehen lässt und ihn immer wieder annimmt, denn Gott liebt jeden Menschen. Wer jedoch wirklich liebt, der sieht dem Anderen seine krummen Touren nach, er denkt nicht mehr ans Rechnen sondern freut sich über jeden, der den Weg in die Gemeinschaft sucht und findet.