Gedanken von mir
 

Vergeben

Wie oft muss ich dem anderen vergeben? Die Frage des Petrus ist verständlich. Er spricht uns oft gewissermaßen aus dem Herzen.

Wie oft habe ich meinen Geschwistern schon vergeben, aber die geben keinen Fingerbreit nach. Wie oft habe ich meinen Nachbarn schon nachgegeben, aber wenn der böse Nachbar nicht will. Wie weit ist die katholische Kirche den Protestanten schon entgegengekommen und die halten immer noch an ihren Standpunkten fest. Wie oft hat ein Volk dem anderen nachgegeben und das fordert immer noch mehr. Diese und ähnliche Feststellungen kennen wir alle, seien sie richtig oder falsch, und wir denken weiter:

Jetzt reicht es, jetzt sind endlich die Anderen am Zug. Wir haben genug getan. Soweit unsere menschliche Logik. Wir rechnen nach, zählen mit und kennen die Grenzen unseres Wohlwollens und guten Willens. Etwas Gerechtigkeit muss ja schließlich sein.

Der Diener im Evangelium handelt objektiv richtig. Er holt sich nur zurück, was ihm gehört. Schließlich steht der andere bei ihm ja in Schuld. Hundert Denare sind keine Kleinigkeit. Richtig ich spreche nicht von der Schuld des Dieners beim Herrn, sondern von der zweiten Begegnung. Hier sind zwei Diener unter sich. Sie stehen auf der gleichen Stufe. Es ist unsere Stufe: Wir und unsere Nachbarn – wir und unsere Geschwister - …

Jesus spricht in seinem Gleichnis auch nicht davon, dass die Schuld des Dieners keine Grundlage hat, aber er erinnert an etwas, was bereits geschehen ist. Der Diener soll genauso handeln, wie sein Herr an ihm gehandelt hat. Ihm ist bereits die größere Schuld vergeben worden, deshalb soll auch er vergeben.

Auch uns ist bereits etwas vergeben worden, nämlich unsere Schuld bei unserem Herrn. Uns sind unsere 10.000 Denare erlassen worden, was ist da die Schuld unseres Bruders oder Nachbarn?

Uns ist jede Schuld vergeben worden, die wir bei Gott haben, sei sie noch so groß, denn Gott ist grenzenlos in seinem Erbarmen. Auf dieser Grundlage gründet unser Leben. Sie ist der Ausgangspunkt unseres Glaubens. Durch das Handeln Christi leben wir in der Gnade. Durch sein Leben und Sterben ist uns alle Schuld genommen, wir sind mit Gott versöhnt – jetzt schon. In dieser Grunderfahrung unseres Glaubens gründet auch der Auftrag, den wir von Gott haben. Wir sollen Versöhnung leben, indem wir unserem Nächsten ganz vergeben. So wie sich Petrus anhören muss, nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal sollst du vergeben.

Der Grund für diesen Auftrag liegt nicht in unserer Großzügigkeit und im Entgegenkommen des Anderen, sondern allein in der Großzügigkeit Gottes. Allein weil Gott uns bereits vergeben hat, sind wir aufgerufen zu vergeben. Mit diesem Hintergedanken könnten wir mal unseren Mitmenschen ansehen, der uns gerade wieder gegen den Strich geht und so gar nicht unseren Willen tut.

So könnten wir mal den uralten Streit mit Nachbarn anschauen, wo niemand seine persönliche Schuld eingestehen will.

So könnten wir mal unsere Erwartungen abbauen, unser Warten auf den ersten Schritt des anderen.

Was wäre, wenn wir wirklich immer wieder vergeben würden, ganz frei von der Angst, wir könnten zu kurz kommen – nur weil wir wissen, dass Gott uns bereits vergeben hat, bevor wir überhaupt etwas getan haben?

Jesus Sirach hält uns einen Spiegel vor:

Der Mensch verharrt im Zorn gegen den anderen, vom Herrn aber sucht er Heilung zu erlangen? Mit seinesgleichen hat er kein Erbarmen, aber wegen seiner eigenen Sünden bittet er um Gnade?

Tag für Tag bitten wir Gott um sein Erbarmen und wissen, dass unser Bitten nicht vergeblich ist. Geben wir wenigstens etwas von diesem Erbarmen an unsere Schuldner weiter, wieviel anderes wäre unser Leben und unsere Welt.