Wie bekomme ich einen gnädigen Gott, frägt sich Martin Luther und nicht nur er. Wie schaffe ich es, dass Gott mir einst am Ende meines Lebens die Himmelstür öffnet, diese Frage wird sich jeder Mensch, der an ein Leben nach dem Tod glaubt, irgendwann und immer wieder stellen. Martin Luther findet schließlich die Antwort, indem er an die Gnade Gottes zu glauben beginnt, die immer unverdient und unvergleichlich größer als jedes menschliche Denken und Bemühen ist.

Der Glaube, dass sich Gott als gnädig erweisen wird, hilft uns sehr, denn es wird etwas Druck von uns genommen, was das Streben nach Vollkommenheit betrifft. Der Mensch darf darauf vertrauen, dass ihn am Ende seines Lebens ein gnädiger Gott erwartet, der ihm seine Vergehen nicht nachträgt, sondern vergibt. Solcher Glaube entlastet und birgt gleichzeitig die Gefahr, dass sich der Mensch gemütlich zurücklehnt, weil ja eh keine Gefahr besteht. Doch solcher verführerischer Bequemlichkeit widerspricht Jesus im heutigen Evangelium. Der Mensch muss sich zwar nicht für Jesus Christus entscheiden, wenn er es jedoch tut, dann hat das Folgen.

Als sich an uns in der Taufe das Christwerden vollzog, dann haben meistens andere für uns die Entscheidung getroffen. Und doch hat sich jeder von uns auf den Weg des Glaubens gemacht und irgendwann in seinem Leben selbst die Entscheidung für Christus getroffen, sonst wären wir wohl nicht hier. Die Entscheidung für Jesus Christus hat aber Folgen. Im heutigen Evangelium fordert Jesus von seinen Jüngern, dass sie auf ihren ganzen Besitz verzichten. Ich erinnere mich noch gut an den Abend, als ich meiner Familie mitteilte, dass ich mich auf den Weg zu einem geistlichen Beruf mache. Meine Mutter kam nochmals zu mir und meinte, das sie meine Entscheidung mittragen würden, ich aber auf jeden Anspruch an unseren Bauernhof zu verzichten habe, auch wenn ich mich wieder umentscheiden würde. Die Entscheidung für die Nachfolge Christi hatte plötzlich sehr konkrete Konsequenzen bekommen.

Wenn Jesus den Verzicht auf Besitz fordert, dann meint er damit nicht nur das Eigentum eines Menschen. Vielmehr weitet er seine Forderung aus. Ihm geht es um die Frage, was dem Menschen wichtiger ist – viele andere Dinge oder er. Wer hat mir mehr zu sagen? Meine Eltern, meine Geschwister, meine Freunde oder Gott? Was ist mir wichtiger, mein Ansehen, meine Ehre, mein gesellschaftlicher Status oder Gott? Was ist mir wichtiger, ein gutes Auskommen, Sicherheit, ein geregeltes Leben oder Gott?

Die Entscheidung für Gott stellt vieles hinten an, was uns in unserem Leben wichtig ist. Es geht nicht darum, jede Beziehung abzubrechen. Es geht vielmehr um eine innere Freiheit von allen Dingen. Diese Unabhängigkeit macht uns frei, unser Leben nach der Stimme Gottes, nämlich unserem Gewissen, zu regeln. Die Entscheidung für Gott bedeutet, sich frei zu machen von Bindungen und inneren Verpflichtungen, die uns oftmals Dinge tun lassen, von denen wir selbst nicht überzeugt sind. Leben in Entschiedenheit bringt zwar manchen Bruch mit sich, im Letzten jedoch tut es uns gut, weil wir authentisch und klar erscheinen. Mit klaren Menschen aber lässt es sich gut leben. Es ist angenehmer, sich an jemandem zu reiben, weil er anders denkt als wir, als nicht so recht zu wissen, wo der andere steht. Christen sollen Menschen sein, an denen man sich reiben kann. Damit wird Auseinandersetzung mit Jesus Christus provoziert. Die Botschaft Jesu bekommt Profil und wird deutlich.

Auch für das Gehen des Lebensweges braucht es eine klare Entscheidung. Die Vielfalt der Möglichkeiten unserer Zeit überfordert viele Menschen. Es wundert deshalb Fachleute auch nicht, wenn fundamentalistische Strömungen egal welcher Art immer mehr junge Leute ansprechen und binden. Hier werden klare Vorgaben gemacht und der Mensch wird seiner Entscheidung und der damit verbunden Verantwortung enthoben, weil andere für sie Entscheidungen treffen. Doch damit ist es nicht mehr wirklich ihr Leben. Damit wir wirklich unseren Weg gehen können, müssen wir selbst Entscheidungen fällen. Damit geben wir zwar manche Alternative auf, doch wir gehen gleichsam durch eine Tür und geben unserem Leben eine Richtung. Die Entscheidung für Christus ist solch eine Lebensentscheidung. Haben wir sie getroffen, dann können wir gehen und unser Leben verantwortlich im Sinne des Evangeliums gestalten. Dann wird man uns in der Welt als Jünger Jesu erkennen.