Vor einiger Zeit war ich in einer Gehörloseneinrichtung der RegensWagnerStiftung eingeladen, um dort einen Vortrag zu halten. Die Begegnung mit den Gehörlosen dort war eine interessante Erfahrung für mich. Mein Vortrag wurde in Gebärdensprache übersetzt und gleichzeitig hingen die Zuhörer gebannt an meinen Lippen. Ich fühlte mich an eine Konferenz erinnert, die in verschiedenen Sprachen abgehalten wurde und wo Übersetzer uns Teilnehmer bei unserer Arbeit unterstützten.

Wenn wir von Taubstummen reden, dann übersehen wir leicht, dass gehörlose Menschen ihre eigene Art der Kommunikation kennen, auch wenn wir uns mit ihnen nur unter Schwierigkeiten unterhalten können. Dem Gespräch mit Taubstummen sind Grenzen gesetzt. Wir sind gezwungen, auf einfache Sätze zurückzugreifen, unsere Worte gut zu wählen und auf Doppeldeutigkeiten zu verzichten.

Ein Taubstummer wird zu Jesus gebracht und man bittet Jesus ihn zu heilen. Mit dem Wort Effata öffnet Jesus ihm Ohren und Mund. Die Freunde des Taubstummen leiden darunter, dass ihrer Unterhaltung Grenzen gesetzt sind. Diese Grenzen möchten sie abbauen und darum bitten sie Jesus um seine Hilfe. Jesus hilft und die Grenzen zwischen den Menschen fallen.

Im biblischen Bericht schränken körperliche Grenzen die Kommunikation ein. In unserem Alltag sind es oft andere Grenzen, die es verhindern, dass wir den anderen verstehen. Verständigungsschwierigkeiten und Missverständnisse gehören genauso zu diesen Grenzen, wie Misstrauen und Missgunst. Ließen sich diese Grenzen abbauen, dann würde manche Beziehung leichter gelingen.

Ein kleines Rezept verbirgt sich in der Reihenfolge, wie Jesus dem Taubstummen hilft. Zuerst öffnen sich die Ohren des Taubstummen, dann löst sich seine Zunge. Manche Grenze zwischen Menschen wir bereits dann geöffnet, wenn es uns nur gelingt, zuerst zu hören, bevor wir mit unserem Redeschwall den anderen überfallen. Wollen wir wirklich hören, dann müssen wir zuerst offen sein für die Gedanken des anderen, auch wenn sie uns fremd und ungewohnt sind. Erst wenn wir Hören gelernt haben, können wir auch wirklich in das Gespräch mit anderen Menschen eintreten. Dann erst können wir wirklich so reden, dass der andere uns verstehen kann.

Indem Jesus dem Taubstummen Ohren und Mund öffnet, macht er ihn fähig, mit anderen Menschen in Kommunikation zu treten. Ähnlich müssen auch wir uns immer wieder unsere Ohren und unseren Mund öffnen lassen, damit wir fähig sind, mit Menschen im Gespräch zu sein, sie wirklich zu hören, sie zu verstehen und ihnen angemessen zu antworten.

Das Wort Effata hat in unserer Tradition noch eine andere Bedeutung bekommen. Als eines der ausdeutenden Zeichen gehört es mit in die Feier der Taufe. Dem Neugetauften werden mit dem Ruf Effata symbolisch Ohren und Mund geöffnet, damit er Gottes Wort vernimmt und den Glauben zum Heil der Menschen bekennt.In der Taufe werden wir in die Gemeinschaft der Christen hineingenommen und gehören damit zu den Menschen, die sich zu Jesus Christus bekennen. Damit bekennen wir uns dazu, dass Gottes Wort in der Welt sichtbare Gestalt bekommen hat. Gottes Wort wurde für die Menschen greifbar.

Wir hören immer wieder Gottes Wort. Wir hören es insoweit wir fähig sind, uns auf dieses Wort einzulassen und es wirklich anzunehmen. Wir alle besitzen die Fähigkeit, zu hören und auch nicht zu hören, nur das wirklich wahrzunehmen, was wir hören wollen. Ähnlich geht es uns mit Gottes Wort. Schnell sortieren wir die Worte aus, die wir gerne hören und andere lassen wir ungehört verhallen, weil sie uns gerade nicht passen. Um Gottes Wort zu verstehen, braucht es unsererseits die Bereitschaft, dass wir uns auf Gott einlassen und ihm eine Rolle in unserem Leben spielen lassen. Das, was wir dann verstanden haben, sollen wir durch unser Leben verkündigen.

Gottes Wort lässt sich auf einen einfachen Nenner bringen. Johannes schreibt, Gott ist Liebe. Gott als die Liebe erkennen und verstehen ist der Weg, sein Wort zu hören. Wenn wir dann Gott durch unser Leben bekennen wollen, dann bedeutet das für uns, dass wir der Liebe in unserem Leben einen Raum geben. Hier merken wir dann schnell, welche Grenzen uns gesetzt sind. Stichworte wie Nächstenliebe, Feindesliebe und oft auch die Liebe zu uns selbst, zeigen uns unsere Grenzen auf. Wir müssen uns eingestehen, wie schwer es uns fällt, den uns und den anderen in Liebe anzunehmen. Von Gott haben wir grenzenlose Liebe erfahren. Ihn brauchen wir dazu, dass auch wir wirklich zur Liebe fähig werden. Mit ihm haben wir die Chance, dass es auch uns gelingt, sein Wort, die Liebe, durch unser Leben zu verkünden.