Wer mit wachen Augen das System unserer Gesellschaft ansieht, der kommt an der Beobachtung nicht vorbei, dass in erster Linie Leistung gefragt ist. Je mehr Durchsetzungsvermögen ein Mensch hat, je mehr er auf Stärke und Erfolg verweisen kann, desto mehr gehört er zur Gesellschaft und erntet entsprechendes Ansehen. Das Streben nach den besten Plätzen ist in vollem Gang. Wer nicht mitspielen kann, der bleibt schnell auf der Strecke. Arbeitslose, Hartz IV – Empfänger, Arme, Menschen mit irgendeiner Beeinträchtigung haben kaum einen Platz in unserer Welt. Die Gesellschaft ist zweigeteilt und entsprechende Untersuchungen zeigen, dass die Teilung in Arme und Reiche kräftig am Wachsen ist.

Die Texte der Heiligen Schrift, die wir heute gehört haben, stellen eine Alternative zu dem Denken unserer Welt vor. Im Evangelium weist Jesus seine Jünger an, nehmt nicht den ersten Platz ein. Stellt euch lieber hinten an. Man wird dir deinen Platz schon zuweisen. Im Blick auf einen Verband wie Kolping wollen wir das Wort Jesu nicht so verstehen, dass sich niemand für die Ämter der Kolpingsfamilie zur Verfügung stellen soll. Die Suche nach einem Vorsitzenden ist oft mühsam genug. Werfen wir vielmehr einen Blick auf unsere Gesellschaft. Was bedeutet es denn, hier einen ersten Platz einzunehmen? Wer oben sitzt, der steigt im Ansehen. Die ersten Plätze sind mit Macht verbunden. Menschen stehen über anderen und dürfen über sie verfügen. Solches Handeln ist nicht Ziel eines Lebens im Sinne Jesu. Ziel ist es vielmehr, sich in Dienst nehmen zu lassen, ohne dabei auf Ansehen und Honorierung zu schielen.

Ähnlich hören wir den Weisen Jesus Sirach. Er schildert Bescheidenheit als Größe, die wachsen soll, je bedeutender jemand ist. Bescheidenheit erscheint beim alttestamentlichen Weisheitslehrer noch wichtiger als Großzügigkeit. Wir kennen ein Sprichwort, das lautet: Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr. Hier wird Bescheidenheit ganz leicht als Dummheit abgetan. Doch mal ehrlich: wer ist uns sympathischer? Jemand, der mit Großzügigkeit prahlt oder jemand der im Stillen hilft?

Die Schriftstellen des heutigen Sonntags geben eine Linie vor, die im Gegensatz zu dem steht, was wir als Grundlinie unserer Gesellschaft erleben. Im Vordergrund unseres Handelns soll nicht unser Ansehen oder unsere Ehre stehen, im Vordergrund muss die Person oder die Sache sein, in deren Dienst wir uns bescheiden und demütig stellen, weil wir deren Not kennen. Leben im Sinne Jesu sieht die Notwendigkeiten und sucht Antwort darauf. Die eigene Ehre spielt hier keine Rolle.

Jemand, der das erst erkennen musste, war Adolf Kolping. Zuerst zum Schuhmacher ausgebildet, dem mehr oder weniger Erfolg beschieden war, zieht es Kolping in die große Stadt Köln. Hier hofft er bessere Plätze zu finden als in seinem Geburtsort. Schließlich kehrt er sogar seinem Handwerk den Rücken um zu studieren. Warum weiß man nicht so genau – war es vielleicht auch hier die Sehnsucht nach Ansehen und besserer Gesellschaft? Es würde passen, wenn man seinen weiteren Weg verfolgt. Schließlich hat Kolping auch als Priester das Studium und die Wissenschaft im Sinn. Doch sein Bischof verlangt von ihm, dass er als Kaplan in einer Gemeinde arbeitet. So kommt Kolping in eine Pfarrgemeinde in Wuppertal,  einem Ort der Gegensätze. Dort steht der technischen Höchstleistung das Elend der Arbeiterfamilien gegenüber. Diese Gegensätze und das Erleben, dass das Handwerk niedergeht, verändern Kolping. Er lässt Wissenschaft Wissenschaft sein. Über seine Bekehrung sagt Kolping: „Mich selbst hat der liebe Gott andere Wege gewiesen, und ich habe große Ursache, sehr dankbar zu sein, dass der Schuster bei seinem Leisten bleiben muss.“ Als seinen neuen Weg erkennt Kolping, dass er heimatlosen Handwerksburschen ein Zuhause geben soll. Gesellen, die unterwegs sind, brauchen Geborgenheit, Halt und Heimat. Sie brauchen Bildung und Hilfe verschiedenster Art, damit sie in der härter gewordenen Welt eine Chance haben. Kolping sieht ihre Not und beginnt zu helfen. Er wird zum Gesellenvater, der Name der ihn schließlich bekannt gemacht hat. Für Kolping gibt es dabei zwei Ebenen, auf denen er aktiv wird. Konkrete Hilfe für die Gesellen und Veränderung von Meinung in der Gesellschaft. Neben der Unterstützung müssen immer auch Strukturen hinterfragt und verändert werden, wenn sich die Lage von Menschen zum Positiven ändern soll.

Wenn wir den Weg Kolpings anschauen, dann lässt sich sagen, aus dem Mann, der nach den besseren Plätzen strebte, ist ein Mensch geworden, der sich demütig und bescheiden in den Dienst von Menschen und Menschlichkeit stellt.

Menschen wie Kolping legen eine Spur. Kolping hat die konkrete Not von Menschen erkannt, ihm wurde bewusst, wie die Wirklichkeit der Menschen aussah. Wenn wir Menschen wie ihn als Vorbild nehmen, muss es auch für uns immer wieder Aufgabe sein, unsere Augen für die Wirklichkeit der Menschen unserer Zeit zu öffnen und ihre Not wahrzunehmen. Gleichzeitig gilt es, aufmerksam zu werden für unsere Möglichkeiten, wie wir der Not anderer begegnen können. Dazu braucht es auch die Bereitschaft zur Veränderung. Kolping konnte der Not seiner Mitmenschen nur begegnen, weil er sich selbst verändern ließ. Veränderung ist mühsam, denn sie verlangt uns Vieles ab. Schließlich müssen wir immer wieder unseren Blick überprüfen und in Frage stellen. Nur so bleiben wir wach für unsere Welt. Im Sinne Jesu sollten wir dabei auf den schauen, der Hilfe braucht und nicht auf das, was wir dabei als Ehre abschöpfen können. Solch ein Blickwinkel garantiert dann auch, dass Ideen und neue Wege nicht leere Wahlversprechen bleiben, sondern in die Tat umgesetzt werden – ganz wie Kolping sagt: „Schön reden tut’s nicht, die Tat ist es, die den Menschen auszeichnet.“