Welche Regeln?


Was kann denn dagegen einzuwenden sein, dass man sich vor dem Essen die Hände wäscht? Welche Mutter oder welcher Vater hat noch nie seine Kinder dazu angehalten, dass sie sich vor dem Essen die Hände waschen. Zum einen sind ungewaschene Hände nicht besonders appetitlich, zum anderen sind saubere Hände auch ein wirksamer Schutz gegen die Übertragung von Krankheiten. Es ist also doch vernünftig, sich die Hände zu waschen. Doch was hat das mit Gott zu tun?

Das Problem sind nicht die Reinigungsvorschriften, die ihre Berechtigung haben, problematisch ist vielmehr, was die Pharisäer daraus machen, dass die Jünger Jesu das Waschen der Hände ausgelassen haben. Als Verteidiger der Tradition treten sie auf und werfen Jesus Traditionsbruch vor. Über die Jahrhunderte hat sich aus den einfachen 10 Geboten ein ausgefeiltes Gesetzeswerk entwickelt, das für die religiöse Tradition steht. Wer eines dieser Gesetze bricht, der bricht in den Augen der Pharisäer das Gebot Gottes.

Jede Kleinigkeit menschlichen Lebens ist klar geregelt. Allerdings steigt auch niemand mehr so genau durch, was denn wo und wie gilt. Nur die Pharisäer wissen, was richtig ist, und nützen ihr Wissen auch gegenüber den Menschen aus. Schnell lässt sich deshalb Menschen auch Angst damit machen, dass sie sich gegen Gott vergehen. Jesus hält ihnen deshalb auch vor, dass es ihnen nicht um Gott geht, sondern um das Gesetz, und dass die Gesetzesvorschriften der Pharisäer nicht von Gott gemacht sind, sondern von den Menschen.

Im Buch Deuteronomium wird das Volk Israel gelobt als ein weises und gebildetes Volk, das Gottes Gesetz zu Grundlage ihres Lebens hat. Die Zehn Gebote, die Mose ihm vom Berg Horeb mitgebracht hat, gelten als Zeichen der Nähe Gottes, der seinem Volk immer nahe ist. Sie gelten als gerecht, weil sie dem Menschen gerecht werden. Zusammengefasst sind die Gebote Gottes im Doppelgebot der Liebe, der Gottes- und Nächstenliebe. Diesem Gesetz Gottes soll nichts hinzugefügt und nichts weggenommen werden.

Aus diesem einfachen Gesetz von 10 Geboten wurde ein Gesetzeswerk mit mehreren 100 Vorschriften. Diesem Gesetzeswerk wirft Jesus vor, dass nicht mehr der Mensch zählt, sondern die Erfüllung des Gesetzes. Nicht mehr die Gebote Gottes sind zu befolgen, sondern das, was Menschen daraus gemacht Die Überlieferung hat sich zum Korsett entwickelt, das die Menschen einzwängt und ihnen das Leben schwer macht.

Tradition, Überlieferung haben sicher einen Sinn, die sorgen dafür, dass der Mensch nicht immer wieder alles neu erdenken und erfinden muss. Wenn sie aber starr wird und den Bezug zur menschlichen Wirklichkeit verliert, wenn es nur noch um die Erfüllung von Tradition und nicht mehr um das Leben der Menschen geht, dann hat sie ihren Sinn verloren.

Gott geht es immer um den Menschen. Das steht bereits im Buch Deuteronomium, das ist auch Botschaft Jesu. Gott ist den Menschen nahe, er weiß um jeden einzelnen Menschen, weiß was dem Menschen gut tun, was er braucht. Deshalb ist sein Gebot auch die Liebe, denn die Liebe ist es, was der Mensch am meisten braucht. Der Evangelist Johannes kann deshalb auch sagen, dass Gottes Gebot die Liebe ist und wer die Liebe lebt, hat sein Gesetz erfüllt.

Tradition und Gesetze müssen sich fragen lassen, ob es die Liebe ist, die im Hintergrund steht. Geben sie der Liebe Raum und fördern sie das Leben der Menschen, sind sie hilfreich, verhindern sie Leben, dann fehlt die Liebe und haben sie ihren Sinn verloren. Deshalb ist es nötig, immer wieder zu überprüfen, um was es wirklich geht. Geht es um die Erfüllung von Tradition und Gesetz, weil es immer so war, oder geht es um die Menschen.

Ist es wirklich die Liebe, die die Menschen erfüllt, ist es das Herz, das Menschen antreibt, dann braucht es letztlich keine Gebote, es braucht keine Gesetze, wenn Menschen sich dieses eine, nämlich die Liebe zu Herzen nehmen und zum Inhalt ihres Lebens machen. Denn solange Menschen mit ihrem Herzen bei Gott sind, das heißt, wenn die Liebe die treibende Kraft in ihrem Leben ist, werden sie Gottes Gebote erfüllen.