Gedanken von mir
 

Von Gott gepackt

Diese Woche wurde Frère Roger Schütz beerdigt. Wer den Gottesdienst mit Kardinal Walter Kasper verfolgt hat, dem wurde bewusst, welch eindrucksvolle Person hier auf seinem letzten Weg begleitet wurde. Allein der Blick auf die Mitfeiernden zeigte, wie sehr Frère Roger über alle weltlichen und religiösen Grenzen hinweg akzeptiert und geschätzt wurde und wird.

Was hat diesen Mann bestimmt, dass ihm so stille Anerkennung zuwuchs? Sein Rezept ist ganz einfach: Frère Roger ist von Gottes Liebe ergriffen worden und hat aus dieser Liebe gelebt. So wurde er zum Botschafter der Liebe, der Gerechtigkeit und des Friedens. Wieder ein Mensch, der vom Evangelium angesteckt wurde und voll entbrannt ist. Die Ausstrahlung die von Roger Schütz und von Taizé ausgeht, wurzelt im Evangelium Jesu Christi und schafft einen Ort des Friedens zwischen allen Menschen – unabhängig von ihrer Nationalität und Religion. Einen Ort, wo niemand fragt, sondern die Liebe gelebt wird. Im letzten wird hier die wichtigste Sehnsucht der Menschen gestillt, die Sehnsucht nach dem Paradies oder dem Reich Gottes. Hier sehen wir so etwas wie, es geht doch, Jesu Idee lässt sich verwirklichen. Menschen müssen sich nur auf ihn einlassen.

Frère Roger ist ein Mensch in der langen Reihe der Menschen im Dienst Gottes. In dieser Reihe steht auch der Prophet Jeremia. In der Lesung haben wir die Klage des Jeremia gehört. Er klagt, dass Gott ihn gepackt hat, ohne dass er eigentlich wollte. Der Weg, den ihn Gott geführt hat ist ein äußerst unbequemer Weg geworden. Jeremia wird angefeindet, verhöhnt, verspottet. Es ist so schlimm, dass er Gott gerne loswerden würde, aber es geht nicht. Gott wird man nicht los. Wer einmal Feuer gefangen hat, der brennt für Gott lichterloh. Jeremia wollte nicht, doch Gott hat ihn gepackt. Jeremia wird zu unbequemen Sprachrohr Gottes. Unbeeindruckt tritt er auf gegenüber allen Autoritäten und verkündet Gottes Wort.

Ist das unser Weg, oder finden wir uns eher in Petrus wieder? Sein „das muss doch nicht sein“ klingt so richtig nach einem Ja – aber! Einerseits ist er Feuer und Flamme für seinen Meister und seine Sorge um dessen Gesundheit ist ehrlich, andererseits sind es doch die Wünsche des Petrus, die hier in den Vordergrund treten. Er kann sich nur die machtvolle Befreiung Israels als Gottes Ziel vorstellen, Jesus mit der Ankündigung seiner Niederlage passt ihm nicht ins Konzept. Der Blick auf die eigenen Vorstellungen verbaut dem lieben Petrus den Blick auf das große Ganze, das Jesus im Sinn hat.

Jesus weiß, worum es geht. Er weiß um seinen Weg, den Weg der Liebe, und er geht ihn, auch wenn ihn dieser Weg ans Kreuz führt. Jesus geht sein Leben mit allen Konsequenzen. Deshalb gibt er alles auf, sogar sein Leben. Jesu Worte klingen paradox: wer wirklich leben will, der muss sich bis zuletzt zu seinen Idealen bekennen und Stellung beziehen, auch wenn ihn das den Kopf kostet. Die Geschichte zeigt es, Kreuz und Tod haben zum Leben einer neuen Idee, dem Christsein geführt. Wäre es nach Petrus gegangen, dann wäre Jesu vielleicht am Leben geblieben, aber seine Botschaft wäre gestorben und geblieben wäre nichts.

Leben mit allen Konsequenzen bringt Jesu Botschaft zur Entfaltung, lässt einen Jeremia nicht aufhören, Gottes unangenehme Botschaft zu verkünden, ließ einen Frère Roger zum Botschafter des Friedens werden. Wir bewundern diese Menschen, weil es uns schwer fällt, in gleicher Konsequenz zu leben. Was hindert uns daran? Die Figur des Petrus im heutigen Evangelium ist ein guter Spiegel. Wie er das Seine im Blick hat und deshalb etwas blind für das Ganze wird, ist auch unser Blickfeld oft etwas eingeschränkt. Wir sehen uns und unsere Wünsche und übersehen unsere Welt. Wir sehen unsere Sehnsucht und übersehen die Sehnsucht und Not der Menschen um uns herum.

Leben in Konsequenz erfordert zuerst eine persönliche Entscheidung. Wir können uns zwar die schönen Worte des Evangeliums anhören. Wir können dem Papst und seinen Worten zujubeln. Doch persönliche Entscheidung für einen bestimmten Weg ist etwas anderes. Da geht es nicht mehr um Gefühle und äußere Formen, da geht es um Grundlinien unseres Lebens. Eine Entscheidung, die wirklich tief geht, lässt sich auch nicht mit Gesetzesartikeln und Paragraphen verordnen. Sie muss aus dem Innern heraus wachsen, genährt von der Begegnung mit Gott. Jeremia sagt, Gott hat ihn gepackt. Damit Gott uns packen kann, braucht es Offenheit. Gottes Wort ist der Weg zu dieser Offenheit. Wenn wir Gottes Wort hören, dann öffnen wir uns für Gott selbst. Je mehr wir uns so mit Gott auseinandersetzen, desto mehr hat er die Gelegenheit, uns zu ergreifen – zu packen. Schließlich lässt er uns nicht mehr los. Nun beginnen wir den Weg zu erkennen, den Gott uns führt. Den Weg, den wir dann gehen, sind unsere ganz eigenen Schritte. Dieser Weg ist einmalig, Er passt nur zu uns. Jeder von uns muss so seinen Weg finden und gehen. Je mehr uns das Evangelium dabei entfacht hat, desto deutlicher werden unsere Schritte sein. Wir werden mutiger und schließlich finden auch wir zu einer Konsequenz, wie sie zum Leben führt.

Frère Roger hat seinen Weg gefunden und er ist ihn überzeugend gegangen. Wir werden unseren auch finden und wir werden die Kraft haben, unseren Weg überzeugend zu gehen.